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Historische Schwimmfahrzeuge : Auto mit Bugwelle

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Alle meine Entchen: die Polizei im Einsatz Bild: 1. Deutsches Polizeioldtimer Museum

Amphicar, Amphimobil, Amphi-Ranger – die Geschichte der Schwimmfahrzeuge ist reich an Kuriositäten und arm an Stückzahlen.

          5 Min.

          Irgendwann in den frühen siebziger Jahren hatte Karl Mayer genug vom eigentlich schicken Amphicar. Von 1961 bis 1963 war das schwimmfähige Auto mit den damals angesagten Haifischflossen am Heck in Berlin gebaut worden. Der erfolgreiche Textilmaschinenfabrikant aus Obertshausen in Hessen kaufte eines dieser von einem englischen Triumph-Motor angetriebenen Cabrios, um damit auf die Königsklinger Aue, die gegenüber von Eltville im Rhein gelegene familieneigene Insel, und zu seinem dortigen Schloss zu schippern. Doch das Amphicar hatte seine Macken. Und schon Anfang der Siebziger waren Ersatzteile nur noch schwer zu bekommen.

          Es müssen goldene Zeiten gewesen sein, als Mayer den Entschluss fasste: Ich baue ein eigenes Auto. Nicht irgendeines, sondern einen Schwimmwagen. Der Unternehmer hatte im Schaufenster eines Autohauses den T74 gesehen. T – der Buchstabe steht für Hanns Trippel. Der war so etwas wie der deutsche Guru für automobile Amphibien, hatte schon 1938 den Schwimm-Geländewagen SG6 und später unter anderem auch das Amphicar konstruiert und gebaut. Mit dem SG6 hatte er in den Dreißigern das Kunststück fertiggebracht, dieses Auto nicht nur über die Alpen nach Neapel zu steuern, sondern damit auch noch nach Capri überzusetzen und durch die Blaue Grotte zu kreuzen. Der SG6 sah ein wenig plump aus, von hinten wie eine Badewanne mit Aufbau, von vorne wie ein Biber mit Zahnschmerzen. Die Wehrmacht fand trotzdem Gefallen an dem skurrilen Mobil und ließ im Elsass 2500 Stück davon bauen.

          Gute 30 Jahre später war der T74 von Trippel ein anderes Kaliber – eckig, hochbeinig und mit zwei Propellern am Heck ausgestattet. Mayer und Trippel setzten sich zusammen und beschlossen die Fertigung eines Schwimmwagens. Zehn Stück, so wurde vertraglich festgelegt, sollten zunächst gebaut werden. Es wurde ein ziemlich einmaliges Projekt in der deutschen Automobilgeschichte. Nur drei Autos wurden fertiggestellt. Das lag auch daran, dass Trippel schon nach wenigen Monaten den „Seeotter“ als Eigenkreation präsentierte. Mayer gefiel dies nicht. Also trennten sich die Wege des Industriellen und des Konstrukteurs – und der Unternehmer beauftragte seinen Leiter für Sondermaschinen-Konstruktionen, Reiner Herrtwich, mit der Perfektionierung eines Autos, das nicht Fisch, nicht Fleisch war.

          Wenn das Auto der Gangster zu schnell ist, hilft den Gesetzeshütern für die Verfolgungsjagd vielleicht eine Abkürzung durch den See. Bilderstrecke
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          Herrtwich, inzwischen als rüstiger Senior über 80 Jahre alt, kann sich gut erinnern an die bewegten Zeiten mit dem Auto, das den Namen Amphimobil erhielt. „Die Firma Mayer hatte damals alle Möglichkeiten“, erzählt Herrtwich von Zeiten, in denen Ideen ganz offenbar nicht sofort an ihrer Wirtschaftlichkeit gemessen wurden. Das, was Trippel auf die Räder gestellt und wasserdicht gemacht hatte, hielt längeren Volllastproben auf dem Wasser noch nicht stand. „Das Auto fiel auseinander“, sagt Herrtwich. Unter seiner Führung wurde das anders. Das AM 76 war der zweite Prototyp des Schwimmwagens. Herrtwich verbesserte fast alles an dem kastigen Auto, machte ein geländegängiges Fahrzeug daraus, das aber seinen Insassen immer noch mehr einheizte, als denen lieb war. Da die Auspuffanlage im Wageninneren hatte verlegt werden müssen, herrschten dort stets Saunatemperaturen.

          Herrtwich versuchte allerhand, um für Abkühlung zu sorgen. „In diesem Auto schlängelt sich der Auspuff in abenteuerlichen Windungen unter der Motorhaube“, berichtete die „Auto Zeitung“ in ihrer Ausgabe vom 28. Juni 1978, als die Tester das Vergnügen hatten, im dritten Prototyp des Amphimobils Platz zu nehmen und mit Herrtwich zu einer kleinen Rheinfahrt zu starten. Die Absicht der verschlungenen Eigenkonstruktion war es, ein möglichst langes Stück des Auspuffs in dem mit Flusswasser gefluteten Motorraum kühlen zu lassen, so dass die Hitze der Abgase des aus dem Opel Rekord stammenden 2,0-Liter-Motors mit 100 Pferdestärken die Besatzung nicht allzu sehr ins Schwitzen bringen sollte.

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