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Genfer Automobilsalon : Das Fahrvergnügen fängt eben erst an

Im Bugatti Chiron sind 430 km/h drin Bild: www.dominicfraser.com

Der Genfer Automobilsalon 2016 ist der beste Platz, um auf andere Gedanken zu kommen. Als gäbe es keine Krisen, schiebt die Autoindustrie munter ein faszinierendes Vehikel nach dem nächsten auf die Bühne.

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          Ferdinand Piëch hat ihn schon gefahren. Dabei könnte Rührung aufgekommen sein. Denn sein mobiles Patenkind, der vor gut zehn Jahren gestartete Bugatti Veyron, wird vom Bugatti Chiron abgelöst. Riesig seien die Fortschritte, sagen mit den Vorgängen vertraute Menschen, die sich davor fürchten, zu viel herauszulassen.

          Boris Schmidt

          Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

          Dabei wurde schon vor dem Genfer Salon ziemlich laut geflüstert, über den in zwei Farben Blau lackierten und im elsässischen Molsheim an historischer Stätte gebauten Bugatti Chiron: Ein eleganterer, weil gleitenderer Auftritt, doch mit derselben Aura von Hightech und Kraft, ohne Barock, aber mit Finnen-Rücken wie für eine Avatar-Fortsetzung. Ultimative Technik und phantastischer Aufwand: W16-Benziner, acht Liter Hubraum, rund 1500 PS, 1600 Newtonmeter, Toptempo bei 430, Tacho bis 500 km/h, Standardsprint in 2,7 Sekunden, Preis ohne Umsatzsteuer zirka 2,5 Millionen Euro, Anzahlung 250 000 Euro, geplant sind 500 Exemplare. Milliardäre betteln um Zuteilung, der VW-Konzern kann es brauchen.

          Der neue Bugatti Chiron ist der Traumwagen des 86. Genfer Automobilsalons, der an diesem Donnerstag offiziell eröffnet wird. Er mag ein perfektes Sinnbild dafür sein, dass Autofahren in allererster Linie immer noch ein Vergnügen sein soll, und so nebenbei werden Transportbedürfnisse erfüllt. Dennoch schlägt dem Auto in der Mitte des zweiten Jahrzehnts dieses Jahrhunderts aus gewissen Kreisen der Gesellschaft Ablehnung entgegen, um es freundlich zu sagen.

          Der Diesel wird als Luftverpester gebrandmarkt, Innenstädte sollen für „schmutzige“ Autos gesperrt werden, dabei weiß doch jeder, dass der Hausbrand (welch schöner Begriff) weit mehr zur Umweltbelastung beiträgt. Die Politik fordert das „grüne“ Auto, und hört in Deutschland nicht auf, von der einen Million Elektroautos auf deutschen Straßen im Jahr 2020 zu reden, obwohl das Ziel faktisch unerreichbar ist.

          DS steht unter Strom Bilderstrecke

          Will man der Autoindustrie böse, frönt sie auch dieses Frühjahr in Genf wieder dem so bewährten „Business as usual“, es geht eben doch mehr um das Fahrvergnügen und die Faszination als um nachhaltige Mobilität. Ganz abgesehen davon, dass diese vielleicht ebenso faszinierend sein könnte, reagiert die Industrie nur auf die Wünsche der Kunden. Elektroautos sind eben nicht gefragt, solange sie zu viel kosten, die Reichweite nicht für den sonntäglichen Ausflug zur Großtante reicht und Stadtmenschen kaum Gelegenheiten haben, ihren Stromer aufzuladen.

          Zu den wenigen elektrischen Neuheiten gehört der Hyundai Ioniq, den der aufstrebende koreanische Konzern in gleich drei Varianten noch 2016 auf den Markt bringen will. Als Hybrid, als Plug-in-Hybrid und als reines Akku-Auto. Dessen Reichweite soll 250 Kilometer betragen. Das reicht vielleicht für die Großtante. Auch das Tochterunternehmen Kia wird von der Ioniq-Plattform profitieren, in Genf steht der hybride Kia Niro.

          Lexus, die Edelmarke von Toyota, geht einen völlig neuen Weg. Fahrvergnügen und Hybrid-Technik müsse sich doch nicht ausschließen, meinen die Japaner, und die Studie Lexus LC 500h macht ernst damit. Statt eines stufenlosen CVT-Getriebes sitzt in der Antriebseinheit eine konventionelle Dreigang-Automatik, die mittels einer Art Zwischengetriebe neun Gänge darstellen kann. Ein zehnter ist dann der direkte Durchtrieb. Zwei Elektromotoren plus ein 3,5-Liter-V6 sorgen für eine Systemleistung von mehr als 350 PS.

          Der Spurt von 0 auf 100 km/h gelingt in weniger als 5 Sekunden, verspricht Lexus. Und der hinterradgetriebene LC 500h ist das erste Hybrid-Auto, mit dem ein Burnout möglich ist. Kühl und sachlich ist hingegen der große Volvo-Kombi V 90, den es aber auch mit Stecker gibt. Daran, dass es nur Vierzylinder-Motoren gibt, gewöhnen wir uns langsam.

          Mercedes-Benz ruft in Genf die „Traumwagen-Offensive“ aus und zeigt als Weltpremiere die C-Klasse als Cabriolet. Dazu haben die aufgefrischten und von lauter adretten Cabriolets umzingelten SL und SLC ihren ersten Auftritt in Europa. Wichtig ist natürlich auch die neue E-Klasse, die ebenfalls Europa-Debüt hat. BMW hat unter anderem den neuen M2 dabei.

          Audi hat den neuen kleinen Geländewagen Q2 dabei, zudem debütiert der flinke Q3 RS. SUV sind - wie könnte es anders sein - ein großes Thema der Messe. Borgward trommelte im Vorfeld für ein weiteres SUV, Skoda zeigt die Studie Vision S, die Schwesterfirma Seat den schon serienreifen Ateca, Maserati endlich den fertigen Levante, Ford den überarbeiteten Kuga, Toyota den Pick-up Hi-Lux, Peugeot den überarbeiteten 2008, Opel den Mokka X. VW hat die Studie eines kleinen SUV am Stand. Und den neuen Up.

          Was wird aus Citroën?

          Für Faszination im Grenzbereich ist ebenfalls wieder gesorgt. Ferrari ersetzt den viersitzigen FF durch den familienfreundlicheren GTC 4 Lusso, Opel lässt den legendären GT auferstehen. Mazda hält dem Wankelmotor immer noch ein wenig die Treue mit der Studie RX-Vision. Schon von April an zu haben ist der neue, vierzylindrige Porsche Boxster, der jetzt die Ziffern 718 trägt. Renault zeigt die neue Alpine leider nicht, hat dafür aber unter anderem den neuen Minivan Scénic am Stand, der mit einheitlich 20 Zoll großen Rädern und relativ schmalen Reifen einen Trend setzen will.

          Auf neuen Pfaden wandelt auch der zweite französische Konzern, wohin, das ist allerdings noch etwas nebulös. Was wird aus Citroën? Die Marke spaltet ihre für höherklassige Ausstattung stehenden Buchstaben DS ab und will diese Eigenständigkeit mit frischem Leben füllen. Von fünf bis sechs Modellen ist die Rede, doch wer nun die 2012 gezeigte atemraubende Studie Numero 9 vor Augen hat, wird wohl enttäuscht werden. Dem Vernehmen nach ist dieses Projekt geplatzt wie ein heißes Baguette.

          In Genf wird DS gleichwohl Aufmerksamkeit auf sich ziehen, mit der Studie eines zweisitzigen Sportwagens, der elektrisch angetrieben wird. Der 4,72 Meter lange Etense wiegt 1,8 Tonnen, was ihn nicht daran hindert, von 402 PS binnen 4,5 Sekunden auf 100 km/h katapultiert zu werden. Die Höchstgeschwindigkeit soll 250 km/h betragen und die Reichweite 310 Kilometer. So spannend könnte die Zukunft sein.

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