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Gelände-Wohnwagen : Offroad über die Alpen

  • -Aktualisiert am

Schräglage: Der kompakte Expeditionstrailer hinter dem Jeep Cherokee Trailhawk nimmt jedes Loch und jeden Steinhaufen - und so schnell nichts krumm. Bild: Thomas Starck

Mitten in Europa gibt es ein freies Gelände, auf dem man für Expeditionen üben kann. Wir machten uns mit einem geländegängigen Gespann auf in die Bergwelt des Piemont.

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          Auf den ersten Metern ist nur ein Gedanke: Hoffentlich kommt jetzt niemand entgegen. Denn das schmale Sträßchen, das in Haarnadelkurven steil bergauf führt, ist nur wenig breiter als unser Wohnwagengespann. Gespann? Wer kommt denn auf eine solch verrückte Idee? Vielleicht nur Verrückte, und dazu zählen wir heute: ein paar Leute, die mal Expedition spielen wollen, mit vier Jeep-Geländewagen, von denen einer einen ganz speziellen Trailer am Haken hat. Denn es gibt tatsächlich mitten in Europa frei zugängliches Gelände, auf dem man für reale Expeditionen mit einem Offroad-Gespann üben kann.

          Wir steuern von Susa westlich von Turin aus das Olympiadorf Sestriere in den piemontesischen Alpen an, über unbefestigte Pässe und vor allem über den legendären Assietta-Kamm, der bei Motorradfahrern den Ruf einer Traumtour hat. Und die werden wir jetzt unter unsere sechs Räder nehmen. Das ist möglich im Sommer außer mittwochs und samstags, für alle, die sich das zutrauen.

          Wir steuern von Susa westlich von Turin aus das Olympiadorf Sestriere in den piemontesischen Alpen an Bilderstrecke

          Der Offroad-Trailer hinter dem Jeep Cherokee Trailhawk V6 3.2 stammt von Volker Lapp, der seit Jahren Anhänger für extremes Gelände baut und mittlerweile bauen lässt. Wir haben den Typ 340 am Haken, mit einem höhenverstellbaren Spezialfahrwerk mit großen Rädern und einem robusten Aufbau, der selbst bei schlimmsten Verwindungen noch stabil bleibt. Er soll zeigen, was er kann; dem Jeep trauen wir das von vornherein zu. Er dürfte mit dem 3,40 Meter langen und nur 1,90 Meter breiten Hänger keine Probleme haben, selbst wenn der voll beladen wäre und auf 1400 Kilo käme.

          Start bei herrlichem Sommerwetter zur ersten Etappe auf den Colle delle Finestre. Die Fotografen sind glücklich, das wird schöne Fotos geben heute. Wo ein Jeep Wrangler wegen seiner Starrachsen in der Spitzkehre zurücksetzen muss, kommt auch das Gespann nicht in einem Zug durch, während die Solo-Cherokees die Kurven kriegen. Hier macht sich das Fehlen von zusätzlichen Spiegeln bemerkbar, denn in der Kehre sieht man nicht gut genug, wo das Wohnwagenrad läuft. Aber die wären auf echten Expeditionen schnell ab, daher ist es schon sinnvoll, dass der Anhänger nicht breiter als der Zugwagen ist. Langsam schrauben wir uns höher, kein Mensch weit und breit, und als tatsächlich ein Auto entgegenkommt, findet sich eine schmale Ausweichstelle, in der wir aneinander vorbeikommen.

          Nach einigen Kilometern ist der Asphalt zu Ende, jetzt wird es staubig. Wir laufen auf die ersten Radfahrer auf, die sich hier 1600 Höhenmeter hocharbeiten, meistens auf Rennrädern, und überholen sie vorsichtig, wenn der Weg es zulässt. Wir treffen sie wieder auf der Passhöhe, wo ein Gedenkstein daran erinnert, dass hier sogar einmal der Giro d’Italia vorbeiführte. Vor Stein und Schild, auf dem die Höhe von 2176 Meter vermerkt ist, machen wir für die Helden mit den muskulösen Waden Beweisfotos.

          Einige Motorradfahrer halten hier einen Plausch, wir sind schnell im Gespräch, keiner wundert sich wirklich über unser Gespann, das mittlerweile schon ziemlich eingestaubt ist. So ganz nebenbei leisten wir Nothilfe, als sich eine Ducati Monster mit dem letzten bisschen Luft im kaputten Hinterrad aus der Gegenrichtung auf den Pass schleppt: Die Biker helfen schnell, wir steuern Luft aus unserem Kompressor bei, und bald düst der Monsterfahrer dankbar weiter.

          Nach dem Abzweig zur Assietta wird der Weg schlechter, die Staubwolken, die unsere kleine Karawane selbst bei dem geringen Tempo aufwirbelt, stehen in krassem Gegensatz zu den in allen Blumenfarben leuchtenden Bergwiesen. Die Fahrkünste der Gespannfahrer sind gefragt: Bitte noch mal eine Serpentine zurück, drehen und wieder hochfahren, wünschen die Fotografen. Wir schaffen es, das Gespann in der Spitzkehre zu wenden.

          Auf dem Assietta-Kamm auf rund 2500 Meter ist eine bunte Gesellschaft versammelt: Einige Wanderer picknicken, Motorradfahrer fachsimpeln über ihre Maschinen, selbst Laien erkennen Ungewöhnliches, etwa Harleys im Military-Look. Wir sind die Einzigen mit Auto, auch hier keinerlei Erstaunen über den Anblick des Gespanns.

          Es sind nur rund 60 Kilometer von Susa bis nach Sestriere, aber wir können uns fast den ganzen Tag Zeit lassen, denn jede Begegnung auf diesen Pfaden ist Zentimeterarbeit. Wir versuchen uns an steilen Abkürzungen, in deren felsigem Geläuf Zugwagen und Hänger gelegentlich ein Bein heben, und kommen dank Untersetzung und der 272 PS des Cherokee jede Steigung hoch. Der Hänger ist im Auto kaum zu spüren.

          Die Fotografen sind zufrieden, jede Menge spektakuläre Ansichten, denn selbst wenn man mit dem Jeep den größten Steinen ausweichen kann, gelingt das dem Trailer nicht unbedingt ebenfalls. Abwärts wird die Strecke immer mehr zur groben Schotterpiste, das geht auf die Reifen. Erst als wir im Tal die ersten Hotels von Sestriere sehen, wird der Weg wieder besser, und die Karawane rollt auf immer noch schmalen Wegen in vielen Kurven talwärts.

          Der Unterschied zwischen der urigen, fast menschenleeren Berglandschaft mit ihren wunderbaren Ausblicken und dem Retortenort Sestriere mit seinen riesigen Hotelbauten könnte nicht größer sein. Wir stellen unsere Autos vor einer der Anlagen ab und tun so, als hätten wir eine echte Expedition hinter uns, staubig, wie wir sind. Wir haben jeden Meter genossen, das Gespann hat seine Bewährungsprobe zur vollen Zufriedenheit bestanden. Die Rückfahrt nach Susa über die Autobahn hat keinerlei Eindruck hinterlassen.

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