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Fünfzig Jahre Blue Flame : 1001 km/h mit alternativem Antrieb

  • -Aktualisiert am

Das Weltrekordfahrzeug Bild: Bridgeman Images

Vor fünfzig Jahren fährt die Blue Flame einen sagenhaften Weltrekord. Im engen Cockpit saß der Kalifornier Gary Gabelich. Der Weltrekord überdauerte fast dreizehn Jahre.

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          Der Kalifornier Gary Gabelich (1940 bis 1984) zählte offensichtlich zu jener Spezies Mensch, in deren Adern statt Blut hochoktaniges Superbenzin pulsiert. Schon als Siebzehnjähriger bestritt er mit dem Pontiac seines Vaters erste Dragsterrennen. Bei diesem uramerikanischen Volkssport geht es bekanntlich darum, mit skurril anmutenden Gefährten über die Distanz einer Viertelmeile (rund 402 Meter) eine möglichst hohe Endgeschwindigkeit zu erreichen. Solche pubertären Spielereien genügten dem jungen Gary schon bald nicht mehr: Mit neunzehn erreichte er mit einem düsengetriebenen Rekordfahrzeug auf dem ausgetrockneten Bonneville-Salzsee im amerikanischen Staat Utah bereits 572,9 km/h.

          Seinen Lebensunterhalt verdiente der talentierte Bleifuß in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts bei North American Aviation (später North American Rockwell), dem führenden amerikanischen Luft- und Raumfahrtkonzern in Downey, Kalifornien. Welche Funktion er dort innehatte, geht aus den einschlägigen Quellen nicht hervor. Unbestätigten Informationen zufolge soll er eine Karriere als Astronaut angestrebt haben. Neben seinem Job nahm er an weiteren Dragsterrennen teil und war auch zu Wasser erfolgreich: 1969 fuhr er bei einem Powerboat-Rennen mit 322,7 km/h einen neuen Rekord.

          Seine große Stunde schlug 1970, als der Erdgaslieferant American Gas Association unter Zeitdruck einen geeigneten Piloten für ein aufwendiges PR-Spektakel suchte: Ein erdgasbetriebenes Spezialfahrzeug sollte erstmals schneller als 1000 km/h sein. Weil der dafür vorgesehene Fahrer Don Garlits kurz vor der Pressevorstellung überraschend ausgestiegen war, landete nun Gabelich im engen Cockpit des Raketenautos Blue Flame, des weltweit ersten Rekordfahrzeugs, das nicht mit Kerosin, sondern einem Gemisch aus verflüssigtem Erdgas und Wasserstoffperoxid betrieben wurde. Die dabei entstehende blaue Rückstoßflamme gab ihm seinen Namen. Das Ziel der Sponsoren war ein Imageschub für das Produkt Erdgas, dessen Potential mit einem neuen Weltrekord für Landfahrzeuge unterstrichen werden sollte. Den hielt seit 1965 der britische Rennfahrer Craig Breedlove mit 966 km/h.

          Gabelichs von der FIA offiziell bestätigter Weltrekord für Landfahrzeuge überdauerte fast dreizehn Jahre.
          Gabelichs von der FIA offiziell bestätigter Weltrekord für Landfahrzeuge überdauerte fast dreizehn Jahre. : Bild: AP

          Die Blaue Flamme war bei Reaction Dynamics Inc. in Milwaukee, Wisconsin von den Firmengründern Pete Farnsworth, Ray Dausman und Dick Keller in dreijähriger Arbeit gefertigt worden. Das einer riesigen Zigarre mit Rädern ähnelnde Gefährt war 11,64 Meter lang und mit 1,82 Meter so hoch wie ein heutiges SUV. Sein Radstand betrug 7,77 Meter, das Leergewicht von 1814 Kilogramm stieg vollgetankt auf 2994 Kilogramm. Die genietete Aluminiumkarosserie saß auf einem Rohrrahmen aus Leichtmetall. Die beiden Hinterräder und das vordere Zwillingsrad waren mit Spezialreifen von Goodyear bestückt, die auf 24 bar aufgepumpt wurden. Die Scheibenbremsen wurden durch einen 18,5 Meter langen Bremsfallschirm unterstützt. Das Raketentriebwerk leistete laut Hersteller etwa 58 000 PS und erzeugte während der zwanzigsekündigen Brenndauer eine maximale Schubkraft von 9979 Kilogramm.

          Die Regularien des Automobilsport-Weltverbandes FIA (Fédération Internationale de l’Automobile) schrieben für den Rekordversuch je eine Hin- und Rückfahrt über die eine Meile (1,609 Kilometer) lange Messstrecke innerhalb einer Stunde vor. Gewertet wurde die Durchschnittsgeschwindigkeit aus beiden Läufen. Der Rekordversuch auf dem Bonneville-Salzsee zog sich im Herbst 1970 über mehr als einen Monat hin. Zehn Tage vor dem Weltrekord hatte Gabelich zwar erstmals die 1000-km/h-Marke durchbrochen, konnte aber wegen eines defekten Ventils nicht mehr die vorgeschriebene Rückfahrt antreten. Am 23. Oktober 1970 klappte es dann endlich: Die Blaue Flamme durchraste die Messstrecke in zwei Läufen mit einem Durchschnitt von 1001,667 km/h über die fliegende Meile und 1014,511 km/h über den fliegenden Kilometer.

          Gabelichs von der FIA offiziell bestätigter Weltrekord für Landfahrzeuge überdauerte fast dreizehn Jahre. Erst am 4. Oktober 1983 übertraf ihn der Engländer Richard Noble, als er mit seinem düsengetriebenen Rekordwagen Thrust 2 in der Wüste von Nevada die fliegende Meile mit einem Durchschnitt von 1019,44 km/h schaffte. Vierzehn Jahre später schraubte der britische Royal-Air-Force-Pilot Andy Green mit dem von Noble entwickelten Thrust SSC am 15. Oktober 1997 den Weltrekord auf 1227,985 km/h über die fliegende Meile. Mit Mach 1,016 war er somit als erster Mensch schneller als der Schall auf der Erde unterwegs. Die Leistung der beiden Rolls-Royce-Düsentriebwerke mit insgesamt 110.000 PS war fast doppelt so stark wie die der Blue Flame.

          Die Schallmauer hatte zuvor auch schon Gabelich angepeilt, aber mangels Sponsoren nicht mehr angreifen können. Nach seinem Weltrekord nahm er an etlichen Dragster- und Powerboat-Rennen teil, baute mehrere Unfälle und verlor 1972 seine rechte Hand. Die wurde ihm zwar wieder angenäht, aber seine Profikarriere war damit vorbei. Am 24. Januar 1984 raste er mit seinem Motorrad gegen einen Truck und verstarb kurz darauf im Krankenhaus. Sein Weltrekordfahrzeug Blue Flame fand vor etlichen Jahren seine letzte Ruhestätte im Sinsheimer Technikmuseum.

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