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Forschungsauto Mercedes F015 : Zehn Macbooks und kein Lenkrad

Bild: F.A.Z., Hersteller

Das Auto der Zukunft fährt nicht nur autonom, es schafft auch eine virtuelle Rundumversorgung. Mercedes-Benz wirft mit seinem Forschungsauto F015 einen Blick in das Jahr 2030. Eine erste Mitfahrt.

          5 Min.

          Wer Zukunftsforscher an der Zukunft forschen lässt, muss damit rechnen, dass sie an Grundfesten rütteln. Etwa an der Überzeugung, die besten Autos seien 250 km/h schnell oder nichts. Weil die Menschheit sich in Metropolen tummelt und trotz der entstehenden Enge daran offenbar weiter steigenden Gefallen findet, füllen sich Begriffe mit neuem Inhalt. Zeit und Raum und Privatsphäre sollen jener Luxus werden, der heute noch in Höchstgeschwindigkeit und Nordschleifen-Rundenzeiten ausgedrückt wird. Selbstfahren? Eigentlich schon längst von gestern.

          Holger Appel
          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Technik und Motor“.

          Die Denker von Daimler sind von der Leine gelassen, sie durften im Design und in der Vorausentwicklung ansteckende Wirkung entfalten, und so hat sich im Jahr 2011 eine Hundertschaft Frauen und Männer ans Werk gemacht, ein Auto für das Jahr 2030 zu bauen, das kein Lenkrad mehr braucht. Nur konsequent ist die mögliche Anordnung des Fahrersitzes entgegen der Fahrtrichtung, auf dem nun erstmals eine kleine Schar journalistischer Versuchskaninchen Platz nehmen durfte. Weil die Stuttgarter Geheimagenten ihre Lizenz zum Löten im Silicon Valley haben und dort schon computergesteuerte Roboterautos im Gewand der S-Klasse alltägliche Erfahrung sammeln, fällt die Ortswahl auf Kalifornien.

          Die Straßen von San Francisco hatten wir anders in Erinnerung, mit wilden Sprüngen über Kuppen, Verfolgungsjagden den steilen Berg hinauf und die Golden Gate Bridge entlang, stets in der Gefahr, den Schurken zu verlieren oder eine der Uralt-Straßenbahnen aus den Schienen zu schießen. Tempora mutantur. Detective Lieutenant Mike Stone und Inspector Steve Keller hätten keine Mühe, den F 015 zu stellen. Das Forschungsfahrzeug ist nur 50 km/h schnell und nicht eben so gestaltet, dass man es unauffällig an der nächsten Ecke abstellen könnte.

          Hektik ist ohnehin nicht angesagt. F 015 ist ein sensibler Kerl, von Hand zusammengesetzt und mit einem zweistelligen Millionenbetrag versichert. Das macht alle ein wenig nervös. Die Lust, eventuelle Schäden an den Vorstand melden zu müssen, ist unter den Entwicklern nicht besonders ausgeprägt, und so fällt die Entscheidung, auf Polizeischutz im öffentlichen Raum zu verzichten und stattdessen die Gastfreundschaft des Militärs in Anspruch zu nehmen.

          Auf einem ausrangierten Flugfeld also parkt der 5,22 Meter lange Silberbarren aus Aluminium und Karbon im Schatten seines Sonnenschutzes und surrt vernehmlich vor sich hin. Seine Armada an Elektronik und Batterien mag keine Hitze und keine Feuchtigkeit, weshalb unter der Sonne die Lüfter kräftig Kälte fächern und im Regen Ausfahrverbot gilt. Heute herrscht bestes Wetter. Mit majestätischer Gelassenheit schwingen die Türen automatisch auf, ach was, die Portale. Sie sind gegenläufig angeschlagen, haben in der Mitte keine Säule und bewegen sich alle einzeln. Schon das ist eine Herausforderung, die dem gemeinen Ingenieur schlaflose Nächte bereitet. Die an nur einem massiven Gelenk aufgehängten hinteren Portale ziehen sich nach dem Druck auf den bündig eingelassenen Sensor erst ein Stück zurück, verschieben sich einen Hauch nach außen und öffnen dann nach hinten. Die vorderen fahren ebenfalls rechtwinklig auf und geben so einen Raum über dem topfebenen Holzboden frei, durch den ein geschickter F-16-Pilot ohne Anecken hindurchschlüpfen könnte. Die hinteren Sessel drehen höflich nach außen, die vorderen stehen noch, wie altmodisch, nach vorn gerichtet.

          Türen zu, o je, Stau und Lärm und Stress, 30 E-Mails warten auf Antwort, die Freundin möchte gelikt und der Kumpel geshared werden. Hunger haben wir auch, kennen aber keine gute Hamburger-Bude, and the Beat drops out, wie hieß noch mal dieses Lied? Draußen sind es 25 Grad, Drinnen wären Berge und Schnee ganz schön, schon klingelt das Telefon, wie stehen die Aktien, was meldet faz.net aus der alten Heimat? Gut, dass wir nicht lenken müssen. Die Aufgaben des modernen Lebens übernimmt F 015 für uns, der dazu bis unter die Dachkante mit Rechnern und Steuergeräten und Kabeln vollgestopft ist, so voll, dass unter die Klappen an Front und Heck nicht mal mehr eine Pizza passt. Allein zehn Macbooks versorgen die virtuelle Realität, die Apple-Rechner seien für die 4-K-Grafiken und die Verknüpfung mit dem Menschen (HMI) besonders gut geeignet, heißt es.

          Kommandiert wird über vier Bildschirme in den Türen, die berührungsempfindlich und mit Näherungssensoren ausgestattet sind, per Gestensteuerung oder mit den Augen. Fahrersitz umgedreht, der Finger fällt auf den virtuellen Knopf „Kommando übernehmen“. Macht das der Mitfahrer links vorn, kann es sogleich losgehen. Möchte der Dreijährige rechts hinten bestimmen, wo es langgeht, muss Papi vorn erst die OK-Taste drücken. Die Elektromotoren im F 015 akzeptieren den Befehl, mit sanftem Ruck fährt das Auto an, wir sitzen uns derweil zu viert gegenüber und haben den Konferenztisch aus dem Boden gefahren - eignet sich auch für einen gepflegten Skat.

          Das Navigationssystem kennt den Weg

          Durch die von außen undurchsichtigen Kunststoffscheiben in die rauhe Wirklichkeit blicken störte jetzt nur, wie sagt Pippi Langstrumpf? „Und ich mach mir die Welt, widde widde widd, wie sie mir gefällt.“ Über die Bildschirme flackert in 360 Grad das Video vom letzten Skiurlaub. Dann sitzen wir mitten im Waldstadion und schauen live der Eintracht zu. Wir sind angeschnallt, was eigentlich unnötig ist, denn Sensoren und Kameras im Dach und an den Seiten lassen keine Unfälle mehr zu. Das jedenfalls ist die Idee. Das Navigationssystem kennt den Weg, F 015 beschleunigt auf Wunsch sanft oder dynamisch, wie von Geisterhand geht es voran, das Lenkrad ruht regungslos im Armaturenbrett. Gleich wird zweien von uns womöglich schlecht, denn rückwärts mit 50 Sachen in eine unerwartete Kurve ist weniger schön als vorwärts mit der Blue-Fire-Achterbahnrakete durch den Europapark Rust. Fließendes Licht in wechselnder Intensität durchströmt den Raum und soll unsere Sinne beruhigend darauf vorbereiten, wenn es geradeaus nicht mehr weitergeht.

          So finden Pippi, die Versuchskaninchen und F 015 ihren Weg, vorbei an Bäumen und Kinderattrappen, die mit dem Auto interagieren (was für ein Wort). Möchte jemand über die Straße, leuchtet im Kühlergrill ein grüner Schriftzug „Go“, und F015 spricht „Bitte gehen Sie weiter“. Erkennt das Auto Gefahr, wirft es per Laser rote Stoppschilder auf den Asphalt. Hat es vor sich ein Kind, das der nachfolgende Verkehr noch nicht sehen kann, blinken am Heck rote Warnleuchten. Mit Ampeln und anderen Autos redet es sowieso, und jetzt brauchte es zum vollkommenen Glück nur noch den geplanten Brennstoffzellenantrieb im Unterboden und eine Allradlenkung, damit der Koloss enger um die Ecken kommt. Wir lassen die letzte Kurve drehen und wieder unter dem Sonnenschutz andocken. Im richtigen Leben zückte der Eigner jetzt sein Smartphone, und F 015 entschwände eigenständig in ein Parkhaus, wo er von einer automatischen Hebebühne platzsparend in ein Sandwich zwischen anderen Artgenossen abgelegt würde.

          Für uns ist die Reise zu Ende, für Mercedes-Benz noch nicht. Denn jetzt schlägt die Realität ernüchternd zu. Die Schwaben können vollautonom fahren oder in der virtuellen Welt. Nicht und. Noch nicht. Obwohl der F 015 so riesig ist, hat er keinen Platz mehr für all die Sensoren und Steuergeräte, die für vollautonomes Fahren nötig wären. Deshalb fährt er nur nach vorheriger Programmierung auf vorgegebenen Strecken. Aber bis 2030 werden die Computer kleiner und die Möglichkeiten größer. Die S-Klasse hat ja schon bewiesen, dass sie ohne Fahrer auskommt. Es ist keine Frage, ob autonomes Fahren Wirklichkeit wird, nur wann, sagt die versammelte Autoindustrie. Mercedes sagt, sie verstünden zwar eine Menge von Taxis, aber den lenkrad- und pedallosen Weg von Google wolle der Erfinder des Automobils nicht einschlagen. In einem Mercedes-Benz werde es immer ein Lenkrad geben, denn die Freude am Fahren soll ausgelebt werden können, wenn der Frust am Stau vorüber ist. Wir hören das recht gern und steigen in den wie durch ein Wunder unbestreikten Lufthansa-Airbus. Der bringt uns nach Hause. Beinahe Vollautonom.

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