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Formel 1 : 1000 PS und der Kampf der Generationen

Verfolgungsrennen mit maximaler Motivation: Red Bull und Honda wollen endlich an Mercedes vorbei. Auf der Geraden mit bis zu 360 km/h. Bild: Imago

Viele Rennen, wenig Änderungen, neue Fahrer: Die Formel 1 startete in eine besondere Saison. Und zieht die Fans dennoch in ihren Bann.

          5 Min.

          Mick Schumacher soll der neue Star der Deutschen in der Formel 1 werden. So wünscht sich das der Bezahlsender Sky. Und lässt den Sohn des Rekordweltmeisters überall auftreten. Im eigenen Programm, in Werbefilmchen, in Anzeigen. Schumacher omnipräsent. Obwohl der 22-Jährige noch keinen einzigen Grand Prix gefahren ist. Das gefällt Stefano Domenicali, dem neuen Vorstandschef des Formel-1-Managements: „Der Fahrer soll wieder im Mittelpunkt stehen.“ Die Fahrgemeinschaft nickt. Mensch vor Maschine. Aber im Renn-Marathon über erstmals 23 Grands Prix. Der Große Preis von Bahrein, den Lewis Hamilton gewonnen hat, zeigte bereits, dass die Piloten auch 2021 vor allem auf die Qualität ihrer Boliden angewiesen sein.

          Anno Hecker
          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Wer hat den besten Jahreswagen? So ist die neue Saison eingeleitet worden. Wie eine Gebrauchtwagenmesse. Da sprachen die Rennställe von einer Übergangszeit mit verstaubten Autos. So mag das Ingenieuren vorkommen, die es gewohnt sind, ihren Flitzer von heute schon morgen als überholt zu betrachten. Harte Zeiten: 70 Prozent eines jeden in Bahrein kreisenden Rennwagens sind quasi identisch mit dem Modell 2020. Corona ist schuld. Wegen der Pandemie ist die große Regelreform, der Versuch, Mercedes als Seriensieger vielleicht auf Abwege zu lotsen, auf das Jahr 2022 verschoben worden. Und so gibt es Neuwagen nur zu 30 Prozent. Aber die haben es in sich. Die Regelbehörde, der Internationale Automobil-Verband FIA, hat eingegriffen in die Freiheiten der Aerodynamiker. Auf dass frischer Wind wehe.

          Die Einschnitte reduzierten die Abtriebskraft um rund zehn Prozent. Da klebt nichts mehr so schön am Asphalt auf dem Weg durch die Kurven. So beschnitten, wachsen kaum noch Flügel. Aber die Phantasie. Mario Isola, der Reifenmeister des Ausrüsters Pirelli, stellt das immer wieder fest. Er ist in die Abtriebswerte eingeweiht, weil er festlegt, welcher Reifendruck gefahren werden darf, damit die Pneus den Belastungen standhalten. Der Italiener gab nach den ersten und einzigen Testfahrten Mitte März beeindruckt zu Protokoll: Zur Hälfte ist der Abtriebsverlust wieder ausgeglichen.

          Fast schon verzweifelt auf der Suche nach dem alten Glanz: Ferrari Bilderstrecke
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          Helmut Marko, Sportchef von Red Bull, lässt sich nicht aus der Reserve locken, bestätigt aber den Trend: „Ich rechne noch nicht damit, dass wir an die Qualifikationszeit vom vergangenen Jahr herankommen“, sagt der Österreicher, „aber das wird nicht lange dauern.“ Vor allem in seinem Team. Red Bull gilt als Test-Sieger. Max Verstappen und sein neuer Teamkollege Sergio Perez absolvierten das komplette Programm im pannenfreien Dienstwagen. Niemand fuhr schneller als Verstappen. „Wir waren seit 2014 nicht mehr so gut im Testen“, sagt Marko, der selten emotionale Haudegen der Szene: „Ich freue mich auf den Saisonstart.“ Weil die schärfste Konkurrenz ins Schleudern geraten ist?

          Mercedes hat seit 2014 jeden Kampf um den Konstrukteurstitel gewonnen. Siebenmal in Serie. Ein Rekord in der Geschichte der Formel 1. Nun wackelt der deutsche Rennstall britischer Provenienz – zumindest mit dem Heck. Der Dienstwagen der Formel-1-Galionsfigur Lewis Hamilton fiel mit einem beim Bremsen instabilen Hinterteil auf. Der Chefpilot wollte sich damit nicht weiter beschäftigen. Er weiß um die Reaktionsgeschwindigkeit seines Weltmeisterteams, um die Fähigkeit, technische Probleme selbst während der Fahrt lösen zu können. Manch lässig wirkender Umlauf am Sonntagnachmittag hätte sonst nicht zu einem Sieg geführt, sondern schnurstracks in die Werkstatt. Mercedes gewann in den vergangenen fünf Jahren viermal den Zuverlässigkeitspreis unter Vollgas-Bedingungen.

          Diesmal aber rätselten die klugen Köpfe am Stammsitz der Rennwagenschmiede in Woking. Weil die fehlende Stabilität mal hier, mal dort auftrat. Ein heikles Thema. Steuerkünstler wie Hamilton mögen vieles überfahren können. Ein beim Bremsen unruhiges Auto aber nimmt ihnen das Vertrauen, an die Grenze zu gehen. Sebastian Vettel verlor deshalb bei Ferrari seine Fortune. Hamilton wird seine Mühe haben. „Aber sie werden das lösen“, sagt Marko mit einem Anflug von Bedauern in der Stimme, „es wird etwas dauern.“ Was nicht heißen soll, dass die wieder schwarz lackierten „Silberpfeile“ vorerst abgehängt seien. „Wir glauben nur“, fügt Marko hinzu, „dass wir näher dran sind.“

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