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Finalisten „Car of the Year“ : Debakel für Deutschland

Mutprobe: Der Kia EV6 Bild: Hersteller

Sieben Finalisten kämpfen um den Titel Car of the Year 2022. Aber keiner aus Deutschland. Und auch keine Marke aus Japan.

          3 Min.

          Das verflixte Coronavirus greift allerorten einschränkend ins Leben ein. Da ist es doch ein wenig tröstlich, wenn es die ein oder andere Konstante gibt. Seit 1964 wird die Auszeichnung Car of the Year vergeben, in Deutschland bekannt als „Auto des Jahres“. Ein solches wird es auch 2022 geben.

          Holger Appel
          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Technik und Motor“.

          Der begehrteste Preis der Automobilindustrie widersetzt sich erfolgreich all den verhängten Reisebeschränkungen, abgesagten Messen, herbeigerufenem Gegenwind, trüber Stimmungsmache. Er steuert wie eh und je unbeirrt auf das interessanteste Auto des Jahres zu, verliehen von 61 Fachjournalisten aus ganz Europa, die sich der Freude am Fortschritt und der individuellen Mobilität verschrieben haben, man könnte auch sagen: einfach der Freude an guten Autos. Und genau hier setzt es in diesem Jahr eine gehörige Überraschung.

          Im Finale findet sich keine einzige deutsche Marke. Auch aus Japan, das mit dem Toyota Yaris den Titelverteidiger stellt, hat es kein Hersteller unter die sieben Finalisten geschafft. Ob es so etwas je in der Geschichte gegeben hat, wissen nicht mal alte Fahrensmänner zu berichten. Das Debakel für die stolzen Autonationen Deutschland und Japan hat sich keineswegs abgezeichnet, waren auf der 39 Fahrzeuge umfassenden Longlist doch einige aussichtsreiche Kandidaten. Von Audi standen Q4 e-tron und e-tron GT darauf. BMW hatte gleich vier Anwärter, darunter das spritzige 2er Coupé. Von Mercedes-Benz trat unter anderen die feine C-Klasse an, Opel entsandte den frischen Mokka, Volkswagen seine elektrische Speerspitze ID 4 und den jungen T7 Multivan. Honda HR-V, Nissan Qashqai, Toyota Highlander waren gleichfalls starke Anwärter. Allesamt sind sie durchgefallen.

          Über die Beweggründe lässt sich nur spekulieren, die Wahl zur Shortlist ist geheim. Erst die Kür zum Auto des Jahres wird öffentlich gemacht, jeder Juror schreibt dann seine Bewertung auf. Die Juroren sind erfahren und unabhängig, der Preis lässt sich aus der Branche heraus nicht beeinflussen, es gibt keine Sponsoren aus der Industrie. Die Kosten trägt die von teilnehmenden Medien getragene Organisation selbst. Im Fokus steht der Verbraucher, für ihn soll das Qualitätsurteil sein.

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          Finalisten : Car of the year

          So steht nun die Wahl an unter sieben Finalisten, die sich alle schon als Sieger fühlen dürfen. Sechs von ihnen sind als reine Elektroautos konzipierte Modelle, das zeigt eine klare Präferenz. In alphabetischer Reihenfolge sind zum Auto des Jahres 2022 nominiert: Cupra Born, Mustang Mach-E, Hyundai Ioniq 5, Kia EV 6, Peugeot 308, Renault Mégane E-Tech und Škoda Enyaq.

          In den vergangenen Jahren fand die Preisverleihung stets im Rahmen einer Gala mit etwa 400 Gästen auf dem Autosalon in Genf statt. Doch der fällt abermals aus. So muss ein neues Format her, wenn es Ende Februar heißen wird: Das Auto des Jahres 2022 ist der … Die Redaktion Technik und Motor begleitet traditionell die Wahl, der Autor dieser Zeilen ist Mitglied der Jury. Wie in den Vorjahren werden wir wieder unsere Leser an der Abstimmung teilhaben lassen. Kurz vor Bekanntgabe des Siegers werden wir hier abstimmen lassen, welcher der Kandidaten die Herzen der Leser erobert hat und ihrer Meinung nach aufs Podium gehört. Wegen der Transparenz und der professionellen Jury gilt der Titel als besonders erstrebenswert. Es gibt nur einen Sieger, keine Unterkategorien. Die Bewertung ist hier einsehbar.

          Aus der Vielzahl der Neuerscheinungen wurde zunächst eine Liste von neununddreißig Fahrzeugen erstellt, die in die engere Wahl kamen. Aus ihr wurden die sieben Finalisten gewählt. Die Kriterien sind streng. Jedes Jurymitglied muss persönlich jedes Auto gefahren haben, welches es beurteilen möchte. Damit wird sichergestellt, dass die Eindrücke authentisch sind, die Chancen exotischer Marken schrumpfen indes, weil nicht jeder Hersteller willens oder in der Lage ist, alle Journalisten auf eine Testfahrt mitzunehmen. Gerade in jüngerer Zeit haben die Hersteller besondere Anstrengungen unternehmen müssen, um Testwagen und Jury zusammenzubringen. Manche Hersteller zeigen beachtliches Engagement, das unterstreicht, welche Bedeutung sie dem Preis zumessen.

          Einige Jurymitglieder neigen dazu, teuren Fahrzeugen wenig Punkte zu geben, weil sie nur wenige Kunden erreichen. Das erklärt unter anderem, warum es etwa Mercedes-Benz oder BMW trotz herausragender Fahrzeuge seit Jahren nicht auf die Pole Position schaffen. Es gibt Mitglieder, die das für falsch halten, gelangen doch viele Innovationen von oben nach unten die Fahrzeuge. In den Statuten steht, Innovation solle eine entscheidende Rolle in der Stimmvergabe spielen. Auch das Preis-Leistungs-Verhältnis wird angeführt. Design spielt als Kaufargument Nummer eins eine große Rolle.

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          Wie sehr das Thema die Menschen berührt, zeigt unsere Umfrage zur vergangenen Preisverleihung. Innerhalb eines Abstimmungstages wurden 4600 Stimmen gezählt. Gewonnen in der Lesergunst hatten VW ID 3 vor Škoda Octavia und Land Rover Defender. Der Sieger Toyota Yaris, eine Überraschung, belegte den letzten Platz. Mal sehen, wie sich das für das Auto des Jahres 2022 darstellt. Am 28. Februar wissen wir mehr.

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