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Maria Grazia Davino : „Die Schlagzeile ,Fiat stirbt‘ ist eine Frechheit“

Alle mögen Alfa Romeo, aber kaum jemand möchte die Autos kaufen. Das will die neue Fiat-Chefin ändern. Bild: Hersteller

Maria Grazia Davino verantwortet seit mehr als einem Jahr die Geschicke von Alfa, Fiat und Jeep in Deutschland. Die Lage ist mehr als schwierig, doch die Quereinsteigerin lässt sich nicht unterkriegen.

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          Frau Davino, unlängst titelte ein großes deutsches Boulevardblatt mit der Zeile „Fiat stirbt“. Das kann Ihnen nicht gefallen haben.

          Boris Schmidt

          Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

          Diese Schlagzeile ist eine Frechheit. Sie ist unfair und unprofessionell. Unser Mutterkonzern FCA (Fiat-Chrysler Automobiles) hat in jüngster Zeit rund 45 Milliarden Euro in die Zukunft investiert. Mehr als zwanzig Prozent davon gehen in Elektro-Autos. Fiat stirbt noch lange nicht, obwohl die Zukunft für das Auto generell, sagen wir, nicht leicht wird. Aber das trifft alle, nicht nur unsere Marken. Wir müssen die Trends erkennen und verstehen und die richtigen Entscheidungen treffen. Das machen wir auch.

          Was gewiss fehlt, sind neue Autos in Ihrem Angebot, und auch ein elektrisches Fahrzeug fehlt völlig.

          Ich kann Sie beruhigen. Wir sind dran. Nächstes Jahr kommt das Nutzfahrzeug Ducato als rein elektrische Variante, und in Genf auf dem Automobilsalon im März 2020 dürfen Sie sich auf einen rein elektrischen 500 freuen.

          In der alten Schale?

          Nein, es gibt schon einige Veränderungen, er bleibt aber unverkennbar ein 500. Außerdem werden wir den jetzigen 500 und den Panda bald in einer Mild-Hybrid-Variante anbieten können.

          Ist das alles?

          Nein, Sie kennen doch die Studie Centoventi, die wir dieses Jahr in Genf vorgestellt haben. An diesem Auto arbeiten wir auch, das ist ein reines Elektro-Auto, der Kunde kann je nach Bedarf verschiedene Akku-Konzepte wählen, also viel Reichweite oder eher weniger. Der Clou ist aber das modulare Konzept inklusive eines herausnehmbaren Akkus, den Sie mit in die Wohnung nehmen können und der allein für mindestens 50 Kilometer Reichweite gut ist – zusätzlich zu den, je nach Wahl, ohnehin vorhandenen 100 bis 400 Kilometern. Das sehen wir als Lösung für die Städter, die keine Lademöglichkeit haben. Mehr verrate ich jetzt aber nicht. Auch nicht zu Alfa.

          Und was ist mit Jeep?

          Jeep geht es sehr gut. Global betrachtet haben wir 2018 im Vergleich mit 2014 den Absatz um 302,1 Prozent gesteigert. Für Deutschland beläuft sich das Plus in 2018 immerhin auf über 28 Prozent. Jeep war damit die in Deutschland am schnellsten wachsende Marke. Da hilft uns natürlich auch die allgemein sehr gute Nachfrage nach SUV.

          Ja, und neue Autos?

          Wir werden 2020 sowohl den Renegade als auch den Compass und den neuen Wrangler als Plug-in-Hybrid anbieten können. Das muss als Information genügen.

          Kommen wir zu Alfa Romeo, sicher eines der Sorgenkinder.

          Ja, ich sehe auch, dass wir in Deutschland in diesem Jahr kämpfen müssen, mit 37,1 Prozent im Minus liegen und nur knapp 2400 Alfa bis Ende Juli verkauft haben. Aber Alfa muss man mehr als eine Nischenmarke betrachten. Der Marktanteil ist nicht die Maßeinheit, in der die Relevanz der Marke gemessen wird, und daher mehr oder weniger Nebensache. Das große Minus zum Vorjahr liegt unter anderem daran, dass der Bestand an schon zugelassenen Fahrzeugen sehr groß war. Den habe ich bei meinem Antritt hier im April 2018 quasi übernommen. Der musste und muss weiter abgebaut werden. Das drückt natürlich die Neuzulassungs-Zahlen.

          Und wie wollen Sie mit Alfa auf einen grünen Zweig kommen?

          Alfa ist eine Marke, die unheimlich geliebt wird. Das glaubt man nicht. Wenn Sie es schaffen, einen BMW- oder Mercedes-Fahrer in einen Stelvio zu setzen, ist er in der Regel mehr als begeistert. Vor allem, wenn es die starke Q-Variante ist. Aber der Stelvio (ein SUV) ist hierzulande immer noch viel zu unbekannt. Obwohl er schon seit Mai 2017 auf dem Markt ist, wird man als Stelvio-Fahrer oft gefragt, ob das Auto neu ist.

          Wie wollen Sie das ändern?

          Das ist nicht einfach. Es ist immer die Frage: Wie viel Geld nimmst du in die Hand, um ein Auto zu verkaufen? Meine Maxime ist: Wir verkaufen keine Autos mit Verlust. Wir brauchen Menschen als Händler, die sich für Alfa begeistern und die Marke leben. Aber natürlich ist Deutschland – und das gilt wieder für alle Marken – die größte Herausforderung für jeden Importeur. Kein Kunde ist so schwer zu überzeugen wie der Deutsche. Und er vergisst nichts. Ich muss zugeben, die Imageprobleme, die wir vor allem in den 70ern bei Alfa hatten, wirken heute immer noch nach.

          Was wollen Sie dagegen tun?

          Durch unsere Arbeit und durch das Produkt überzeugen. Paradox ist, wie sehr die Marke gleichzeitig geliebt wird. Alfa gehört zu den Marken-Ikonen, Alfa ist ein Mythos, das ist gar keine Frage. Ein guter Beweis ist die Anfrage des Technikmuseums Sinsheim, die in einer neuen Halle wechselnde Themen zeigen wollen. Und mit was fangen sie am 19. September an? Mit Alfa. Und sie haben uns gefragt, nicht wir sie. Für ein Jahr werden dort 40 bis 50 historische Alfa Romeo zu sehen sein, mit Unterstützung unseres Museums in Arese, aber auch private Besitzer werden ihr Fahrzeug zur Verfügung stellen. Es ist natürlich auch geplant, die neue Location auch für Veranstaltungen von Händlern zu nutzen.

          Apropos Händler. Brauchen Sie in Zukunft überhaupt noch welche? Sie könnten Ihre Autos doch online verkaufen?

          Wir können nicht auf Händler verzichten. Vielleicht teilweise, bei einem Panda oder einem 500. Theoretisch ist das möglich, aber massiv sehe ich das nicht. Und Service-Punkte werden Sie immer brauchen. Auch das gilt allgemein, nicht nur für uns. Ich sehe allerdings durchaus neue Konzepte. Einer unserer Händler hat jetzt einen Shop in einem großen Einkaufszentrum in Stuttgart. In gewisser Weise kommt das Autohaus also zum Kunden und nicht umgekehrt. Und generell arbeiten wir an unserem Händlernetz. Das soll größer werden und nicht kleiner. Wir haben noch einige offene Punkte in großen Städten.

          Anderes Thema. Was hat Sie gereizt, diesen Schleudersitz hier zu übernehmen?

          Ich weiß natürlich, dass einige Geschäftsführer von FCA Germany oder früher Fiat Deutschland nicht sehr lange ihre Funktion ausgefüllt haben. Das hat schon eine gewisse Tradition. Ich werde das ändern. Wir können uns schon jetzt für ein Interview in einem Jahr verabreden. Wir brauchen endlich Kontinuität in der Führungsspitze hier. Ganz generell reizen mich schwierige Aufgaben. Und ich arbeite einfach gern, unabhängig von Wochentag und Uhrzeit.

          Sehen Sie sich als Frau auf diesem Posten in einer Sonderrolle?

          Nein. Es gibt keinen Vorteil und keinen Nachteil. Vielleicht glaubst du als Frau selbst, dass du dich noch mehr beweisen musst. Das liegt aber eher in der eigenen Persönlichkeit und Psychologie als generell am System.

          Die Fragen stellte Boris Schmidt.

          Fiats Steuerfrau

          Die 41 Jahre alte Maria Grazia Davino hat für ihre Position einen eher ungewöhnlichen Werdegang. Geboren in Neapel, studierte sie in Salerno Philosophie und wollte nach ihrem Abschluss eigentlich eine Doktorarbeit in Deutschland schreiben. Plötzlich bekam sie aber ein attraktives Angebot von Lamborghini, das zunächst nur ein Zwischenschritt in der Laufbahn sein sollte, sich dann aber zu etwas ganz anderem entwickelte. Hier machte sie schnell Karriere und holte nebenbei noch einen wirtschaftlichen Master-Abschluss in Bologna nach. Bei Lamborghini war sie dann unter anderem für die weltweite Vertriebsplanung zuständig. Um noch mehr zu lernen – so sagt sie selbst – wechselte sie dann zu Fiat auf eine Position, die zunächst faktisch zwei Stufen niedriger war als zuvor in Sant’Agata Bolognese. Doch ihr Talent wurde schnell erkannt, und sie wurde mit der Führung des größten europäischen FCA-Händlers in Turin betraut, des dortigen Motor Village, dem auch der Werksverkauf unterliegt. Nächster Schritt war das Motor Village in Rom, aufgrund der Nähe zu den staatlichen Institutionen ebenfalls ein strategisch wichtiger Standort. Von dort ging sie jeweils als Managing Director zu den Importeurs-Gesellschaften nach Österreich und später in die Schweiz, bevor sie im April 2018 Vorstandsvorsitzende der FCA Germany AG wurde. Obwohl sie von einer Unternehmer-Familie aus der Welt der Mode kommt, hatte sie schon immer ein Faible für Autos. „Ich habe als Kind ebenso gern mit meinen ferngesteuerten Autos gespielt wie mit klassischen Mädchen-Sachen.“

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