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Fiat Bravo Diesel : Vergeblich am Bestseller Maß genommen

  • -Aktualisiert am

Der Beifall ist verhalten: Fiats Bravo kann in der Golf-Klasse nicht wirklich punkten Bild:

Der Fiat Bravo ist in Deutschland zum großen Hit geworden. Und zum Golf-Gegner. Nun tritt er den Kampf in einer Diesel-Version an. Beim Federungskomfort etwa trennen ihn Welten vom Golf. Fiat opferte diesen der Sportlichkeit zuliebe.

          Daheim ist sie ganz erfolgreich, die kompakte Schrägheck-Limousine aus dem Programm des Turiner Platzhirschs. Aber in ganz Europa hat sie 2008 gerade mal ein Sechstel der Golf-Verkäufe erreicht - da kann man von einem echten Konkurrenten kaum reden. Am Äußeren mag es nicht unbedingt liegen, der Bravo hat eine gefällige, coupéartige Form - aber immer vier Türen - und keine gravierenden funktionellen Schwächen. Seine Handikaps sind anderer Art: Verglichen mit Volkswagens Bestseller fehlt es ihm deutlich an der Anfassqualität, die der Käufer heute als vorrangige vertrauensbildende Eigenschaft betrachtet. Trotz seiner inzwischen zwei Jahre am Markt hat der Bravo diese sicht- und fühlbare Reife bisher nicht erreicht, und so wird er dem Golf auch fürderhin kaum zur Gefahr werden - schon gar nicht am deutschen Markt.

          Immerhin hat Fiat den Bravo im vergangenen Jahr mit neuen Dieselmotoren aufgewertet. Der bisherige 1,9-Liter-Vierzylinder, der noch aus der Zusammenarbeit mit Opel stammte, hat ausgedient und wurde - dem allgemeinen Trend zur Verkleinerung der Hubräume folgend - durch einen neuen 1,6-Liter ersetzt. Ihn gibt es in zwei Leistungsstufen, mit 77 kW (105 PS) und mit 88 kW (120 PS). Seine Vorteile sind nicht nur die in vielen Ländern niedrigere Steuer, sondern auch die Abgasreinigung nach Euro 5, der tendenziell geringere Verbrauch und die bescheideneren Wartungsansprüche (Inspektion nur alle 35 000 Kilometer).

          Um das Negative gleich vorwegzunehmen

          Wir fuhren jetzt die stärkere Version und waren, um das Negative gleich vorwegzunehmen, von ihrer Kraftstoff-Ökonomie nicht begeistert: 6,5 Liter Diesel je 100 Kilometer im Durchschnitt waren genauso viel, wie wir 2007 im 1,9-Liter-Bravo mit erheblich mehr Leistung (110 kW/150 PS) benötigten. Tröstlich bleibt allenfalls die große Reichweite, die der 58-Liter-Tank garantiert. Die gegenüber dem 1,9er fehlenden 20 Newtonmeter Drehmoment des kleineren Motors (300 statt 320), fallen nicht arg ins Gewicht. Die Fahrleistungen sind nach wie vor erfreulich: 190 km/h Höchstgeschwindigkeit, 10,9 Sekunden aus dem Stand auf 100 km/h. Das serienmäßige Sechsganggetriebe hat zwar eine recht ruppige Schaltung, ist aber praxisgerecht übersetzt, die oberste Stufe ist sehr lang und für flotte Überlandfahrten mit günstigem Verbrauch gedacht. Der erheblich kürzere 5. Gang hilft dann gern aus, wenn kraftvolles Beschleunigen gefragt ist: 11,4 Sekunden von 50 auf 100 km/h. Akustik und Laufruhe des Motors können gefallen, nur gegen ganz niedrige Drehzahlen wehrt er sich mit zunehmendem Ruckeln.

          Der Bravo ist deutlich länger als ein Golf und bietet - besonders in der Breite - großzügige Innenmaße. Hinten passen mühelos drei Erwachsene auf die Bank, freilich mit den üblichen Bequemlichkeitseinbußen auf dem Mittelplatz (geringere Sitztiefe, breiter Tunnel). Hoch gewachsene Personen freuen sich über viel Kopf- und Knieraum, sind aber zugleich unglücklich, weil der Abstand der Sitzfläche vom Boden viel zu gering ist. Einsteigen kann man vor allem nach hinten ohne Qualen. Den Fahrer stören die überaus breiten vorderen Dachsäulen enorm, und er wünscht sich für die an sich gut ablesbaren, aber in tiefen Höhlen wohnenden Instrumente eine Dauerbeleuchtung. Ablagen gibt es genug. Die Klimaautomatik - bei den Top-Versionen anstelle der manuellen Ausführung serienmäßig - stört oft mit anhaltendem lautem Gebläsegeräusch, arbeitet aber untadelig. Und dass die Nebelscheinwerfer auch die Funktion eines Abbiegelichts beherrschen, rechnen wir ihnen hoch an.

          Schwierigkeiten beim Beladen macht der Bravo reichlich

          Im Kofferraum wirkt sich der Größenvorsprung gegenüber dem Golf kaum aus - 365 statt 350 Liter, wenn im Fiat ein Notrad statt des Reifenreparatur-Sets an Bord ist. Der Vorteil kehrt sich sogar um, wenn die maximale Kapazität verglichen wird: Da ist der VW mit 1305 zu 1175 Liter vorn. Im Bravo werden für die Erweiterung Sitzfläche und Lehne (nötigenfalls geteilt) geklappt, ein durchgehend ebener Boden ergibt sich dann aber nicht, und die Vordersitze dürfen nicht in ihrer hintersten Position stehen. Noch ärgerlicher als mangelndes Volumen sind Schwierigkeiten beim Beladen, und die macht der Bravo reichlich: Seine Bordkante liegt fast 80 Zentimeter über Straßenniveau und 28 Zentimeter über dem Kofferraumboden. Das ist nur Muskelmännern zumutbar.

          Das Fahrwerk des Bravo wartet mit ausgewogenen, hinlänglich agilen Kurveneigenschaften auf und mit einer Bremsanlage, die nur in der Spurhaltung beim vollen Verzögern schwächelt. Das nicht abschaltbare ESP wartet lange zu und greift sehr harsch ein, wenn das Sicherheitskonto überzogen wird. Die Lenkung hat, Fiat-üblich, einen schaltbaren City-Modus, in dem sie extrem leichtgängig wird. Das mag zierlichen Damen in engen Parkhäusern nützen, wir empfanden es als zu lasch, wie auch die Normalstellung, die zudem recht unbestimmt agierte. Noch gravierender ist allerdings der unerfreulich geringe Federungskomfort des Bravo auf nahezu allen Fahrbahnen: Auch hier trennen ihn Welten vom Golf, und Fiat sollte sich wirklich überlegen, ob man einer von wem auch immer gewünschten Sportlichkeit zuliebe wichtige Eigenschaften eines Autos einfach vernachlässigen darf.

          Der Bravo 1.6 Multijet 16V mit 88 kW kostet in der teuersten Ausstattung Emotion 23 000 Euro. Daneben stehen die Versionen Dynamic (21 500 Euro) und Racing (22 600 Euro) zur Wahl, die sich untereinander nur in wenigen Details unterscheiden. Auch der Emotion lässt sich mit Extras noch gehörig aufrüsten, im Fall unseres Exemplars auf knapp 25 000 Euro. Die dunkel getönten hinteren Scheiben und das Raucherpaket hätten wir uns freilich erspart und dafür lieber das Bi-Xenon-Licht (680 Euro) und den Tempomat (280 Euro) genommen. Aber hätten wir überhaupt den Bravo gekauft? Jedenfalls nicht, solange ihm Fiat nicht Federungs-Manieren beigebracht hat.

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