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Fiat Abarth : Der Stachel sticht wieder

  • -Aktualisiert am

Hitparade: Sechs Fiat 1000 TC Abarth Berlina Corsa drehen schon mal eine Runde, bevor das Rennen losgeht. Bild: Hersteller

Fast 40 Jahre nach seinem Abschied erlebt Carlo Abarth, der erste König der Tuning-Szene, die größte Anerkennung: Fiat ehrt den Meister mit einem Muskel-Team aus Abarth Cinquecentos und Spidern, die alle seinen Namen tragen.

          Unser erster Abarth war gar keiner. Der schon etwas abgewohnte Fiat 600 D (natürlich kein Diesel) sah auf den ersten Blick nur so aus. Mit etwas Klebeband, breiteren Rädern und der aufgestellten Motorhaube im Heck hatte der fahrerisch begabte, jedoch chronisch unterfinanzierte Philosophiestudent den italienischen Bestseller modifiziert. Unter der flott geschlitzten Haube gingen vier wassergekühlte Zylinder bei einem Hubraum von 767 Kubikzentimetern ihrer Tätigkeit nach und produzierten etwa 22 PS bei 4800/min. Mit dieser Serienleistung kam der 600 D auf gut 120 km/h, wenn der Wind günstig stand und die Gefällstrecke lang genug war.

          Unter Vollgas und mit etwas Wagemut ließen sich zwar die VW Käfer dieser frühen Jahre domestizieren. Doch sonst ergaben sich nur ungefähr 110 km/h, was eine demütigende Geschwindigkeit für etwa dreieinhalb Millionen europäischer Fiat-Fahrer war. Jeder von ihnen fühlte deutlich das Rumoren der Gene des Pisten-Helden Tazio Nuvolari in sich. Mit der Serienleistung des kleinen, eher beruhigend vor sich hin nuschelnden 600er-, später 770er-Vierzylinders wäre auch Nuvolari gescheitert.

          Genau diese Pein in der schmerzhaften Leistungslücke zwischen Wunsch und Wirklichkeit erkannte ein in Wien geborener, in Österreich und Italien aufgewachsener Motorrad- und Gespann-Rennfahrer mit seinem Gespür für Unternehmertum. Als Karl Abarth kam er 1908 auf die Welt, und als Carlo Abarth schuf er das erste Tuningauto aus der großen Serie und begründete gleichzeitig eine neue Marke und das jüngere Selbstverständnis der Fahrer von Automobilen, die schneller waren, als jeder andere vermutete.

          Zwei Zylinder reichen: Fiat Abarth 500 Record von 1958. Bilderstrecke

          Weil Carlo Abarth ein fixer Kerl auf dem Motorrad war und auch ein Gespür für Publicity hatte, noch bevor das Wort aufkam, war er zu einem Spektakel bereit: Er fuhr 1934 über 1400 Kilometer ein Rennen gegen den legendären Luxuszug „Orient-Express“ auf der Strecke Ostende–Wien. In klassischer Ledermontur mit knieschützendem Mantel und verwegener Ballon-Schirmmütze ist der Einzelkämpfer Abarth schneller als der Prestigezug: großer Jubel bei proletarischen Bikern. Abarth zieht nach Meran, und es beginnen nach dem Zweiten Weltkrieg die großen Jahre des Karl, der jetzt Carlo heißt.

          Er ist voller Unternehmungslust, gründet 1948 seine „Società Abarth & C.“, erlebt die phantastischen Cisitalia-Rennwagen und deren Niedergang, übernimmt von Cisitalia einige Sportgeräte sowie Technik und Talente. Er bringt seinen eigenen Rennstall ins Sausen und Brausen, liebt die italienische Küche (Spaghetti Carbonara) und tüftelt an seiner Technik für den kleinen Mann im unterschätzten Fiat.

          Schon vor dem Krieg hatte er die Idee für ein Auspuffsystem am Auto, das mehr Leistung für bessere Tempo-Taten und heftigere Geräusche für höheres Prestige erzeugen sollte. Abarth startet mit siegreichen Rennaktivitäten und ertragreicher Teileproduktion zum Beginn der fünfziger Jahre in eine Art von italienischem Wirtschaftswunder hinein. Das noch vom Krieg gezeichnete Land entdeckt seine Liebe zur Mobilität, zuerst noch mit dem Vorkriegs-Topolino, von 1955 an mit dem Typ 600, aus dem 1960 der 600 D wird. Fiat fährt die Produktion seiner Familien-Vertreter-Alleskönner-Typen 600 und 600 D hoch, das erste Heckmotorauto der Marke wird von 1955 bis zum Ende der sechziger Jahre in Italien rund zwei Millionen Mal gebaut und international überaus erfolgreich verkauft, Seat in Spanien baut etwa 800.000 Exemplare, vom Fiat Neckar/Jagst in Deutschland kommen fast 200.000 auf die Straßen.

          Und jeder Besitzer lechzt nach höherer Power des im Leerzustand weniger als 700 Kilogramm wiegenden Kleinwagens. Alles potentielle Kunden für das Abarth-Tuning: Ganz Italien kennt Carlo Abarth, sein Sternzeichen Skorpion als Firmensignet, er produziert in seinem Turiner Werk zum Beginn der fünfziger Jahre regelmäßig mehr als 100.000 Auspuffanlagen im Jahr. 1962 beschäftigt Abarth & C. fast 400 Mitarbeiter.

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