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Fernbusse : Von Netz noch keine Rede

  • -Aktualisiert am

Durcheinander: Was fehlt, ist nicht nur in Frankfurt ein Busbahnhof mit Infrastruktur Bild: Röth, Frank

Der Fernbus wurde allseits begrüßt: als billig, bequem und als Befreiungsschlag gegen die Bahn. Aber wie sieht die Wirklichkeit des Busreisens aus? Ein Selbstversuch.

          5 Min.

          Manchmal sitzt das Unterbewusste am Steuer unseres Lebens. Fügung oder Vorsehung muss man es ja nicht gleich nennen, obwohl im Rückblick eine gewisse Dankbarkeit am Platze zu sein scheint. Der erste Selbstversuch mit MeinFernbus.de scheiterte schlichtweg daran, dass der frühmorgendliche Abfahrttermin verschlafen wurde. Dem hätten einmal hin und einmal zurück je sieben Stunden Fahrt an zwei Tagen für wenig Geld folgen sollen. Es war wohl ganz gut, dass Morpheus dies verhinderte. Denn fürs Erlebnis haben auch etwas mehr als drei Stunden an einem Tag genügt.

          Dabei ist anzumerken: Das Busfahren selbst, auch wenn es hübsch gemächlich vor sich hin rollt, ist so anregend oder langweilig wie ein Flug oder eine Bahnreise, sogar eher ein wenig unterhaltsamer. Denn auf der Autobahn gibt es von oben herunter allerlei in anderen Autos zu gucken, was dann auch den bisweilen merkwürdigen Fahrstil links und rechts vom apfelgrünen Bus erklärt. Und im Flieger oder in der Bahn kann es einem schließlich auch passieren, dass man neben einer Tussi sitzt, die sich eine halbe Stunde vor dem Ziel auf das ausführlichste aufbrezelt, dass Rouge und Puder nur so stauben.

          Oder dass einem vom Losrollen an ein Ohr abgeschwatzt wird über ein so interessantes Thema wie die Frage, ob die Studenten-Kneipen in Marburg oder aber in Heidelberg besser seien. Kurz gesagt: Man ist doch schon mal unterwegs gewesen, und so völlig anders ist es in diesem Bus nicht, auch wenn der grün ist. Aber manches drum herum ist schon von entschieden anderer Qualität, um nicht zu sagen gewöhnungsbedürftig. Das fängt schon mit der Online-Reservierung an. Nehmen wir mal an, man wolle von Frankfurt nach Mannheim. Eine direkte Verbindung in Grün soll es zukünftig geben, wie auf einer Karte für 2013 als Wunschvorstellung zu sehen. Noch aber wird einem die Destination nicht im Drop-down-Menü unter Buchung gezeigt.

          Fröhlich aufgeregtes Gedrängel

          Frankfurt-Schwetzingen wird auf einer anderen Seite der grünen Netzpräsenz als „in Betrieb“ gekennzeichnet, zu sehen bekommt man diese Verbindung aber nicht, wenn man als Startort den Frankfurter Hauptbahnhof angibt. Nach Schwetzingen geht es nur von Frankfurt Flughafen, Terminal 2 aus. Nun könnte man ja, solche Haken schlägt man ja auch mal mit der Bahn, Frankfurt-Heidelberg von Hauptbahnhof zu Hauptbahnhof buchen und dann dort nach einem Altstadtbummel in den von Nürnberg nach Mannheim verkehrenden grünen Bus umsteigen. Denkste, so etwas ist nicht vorgesehen: „Aus behördlichen Gründen keine Bedienung zwischen Ludwigshafen, Mannheim und Heidelberg.“

          So reduziert sich, wenn man nicht aufpasst, das Verbindungsnetz auf der Karte zu Strecken in der Wirklichkeit. Dass die Buchung und die Abbuchung zwecks Bezahlung mal funktionierte und einige Male gerade nach Angabe der Kontonummer nicht, sei nur der Vollständigkeit halber angefügt. So was macht einem immer ein dummes Gefühl. Dann kommt der graue kalte Morgen der Abfahrt. „In unseren Bussen haben Sie generell freie Platzwahl, deswegen ist es nicht möglich, einen Sitzplatz zu reservieren. Um einen bestimmten Sitzplatz zu erhalten, empfehlen wir Ihnen, möglichst frühzeitig - spätestens aber 15 Minuten - vor Abfahrt am Bus zu sein“, heißt es auf den grünen Internetseiten.

          Wenn man so rechtzeitig da ist, dann sieht man zunächst keinen Bus, aber andere Menschen, die besorgt fragen, ob man auch auf den Bus warte. Das ist nicht nur am Morgen und in Frankfurt so, auch am Ziel in Heidelberg wird es so sein, und das vor jedem möglichen Abfahrtstermin. Dann kurvt der Bus an den Bordstein, und das Boarding verläuft sozusagen balkanisch: Fröhlich aufgeregtes Gedrängel, die Eiligsten wollen schon hinein, aber die von drinnen müssen erst einmal aussteigen, Gepäck wird gewuchtet, man nennt seinen Namen, der Fahrer mitten im Gewühl guckt in sein Smartphone, findet ihn mit etwas Nachhilfe, weil so viele nichtdeutsch-komplizierte Namen dabei sind, und schon hat man eingecheckt.

          An der Ladeluke: suchen nach dem Koffer

          Das Fahrrad kommt zu den Koffern, glücklicherweise handelt es sich um ein robustes Faltrad, später sind auch ganz normale Räder zu sehen, die einfach zwischen Koffern liegen. Der Fahrradtransport kostet 9 Euro, mehr als die 6 Euro für das Personen-Ticket nach Heidelberg. Apropos Kosten: Mit der Bahn und der Bahncard 50 würde die Fahrt nach Heidelberg 8,45 Euro plus 5 Euro fürs Fahrrad kosten. Punkt sieben Uhr, also völlig planmäßig, fährt der Bus los. Leichtes Erstaunen: Wie fährt der denn? Es geht parallel zum Main die Gutleutstraße entlang, die in eine Autobahnauffahrt Richtung Norden mündet. Die Ausfallstraße ist zu dieser Stunde so etwas wie ein wilder Frankfurter Busbahnhof: nichts als abgestellte Fernbusse, auch ein grüner darunter, und zahlreiche große Trucks.

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