https://www.faz.net/-gy9-8nkv4

Fallschirm-Rettungssystem : Wenn dem Direktor die Düse geht

  • -Aktualisiert am

Der Cirrus Vision Jet ... Bild: Hersteller

Kommt es zu einer Kollision oder Triebwerksausfall bei einem Vision Jet von Cirrus Aircraft, kann der Pilot einen Hebel an der Kabinendecke ziehen. Dann öffnet sich ein Rettungsfallschirm.

          3 Min.

          Eine revolutionäre Sicherheitstechnik für Business Jets hat in den Vereinigten Staaten ihre Luftfahrtzulassung erhalten. Das Alleinstellungsmerkmal des Vision Jet von Cirrus Aircraft ist sein integriertes Fallschirm-Rettungssystem, das es in ähnlicher Form schon in Propellerflugzeugen gibt. Fällt bei einem mit diesem System ausgerüsteten Propellerflugzeug beispielsweise der Pilot durch gesundheitliche Probleme aus, kommt es zu einer Kollision in der Luft oder Triebwerksausfall, können der Pilot oder seine Passagiere einen Hebel an der Kabinendecke ziehen. Daraufhin schießt eine Rakete hinten aus dem Rumpf nach oben, die einen Fallschirm herauszieht. An diesem sinkt die ganze Maschine zu Boden. Zwar wird das Flugzeug beim Aufprall auf den Boden trotz des Fallschirms normalerweise beschädigt, die Insassen sollen aber möglichst unversehrt oder mit höchstens leichten Verletzungen davonkommen.

          Im neuen Vision Jet ist es etwas komplizierter: Ist der Pilot in einer Notlage, betätigt er die Auslösung. Nun versucht aber zuerst der Autopilot, den Jet in den zulässigen Geschwindigkeitsbereich für das Auslösen des Rettungssystems zu bringen. Dieser liegt zwischen etwa 120 und 300 km/h. Erst dann katapultiert ein dem Airbag ähnliches System den vorn im Rumpf steckenden Fallschirm über den Einlass der Turbine hinaus, damit dieser oder seine Fangseile nicht vom Triebwerk eingesogen werden können. Erst danach öffnet sich der Fallschirm, der mehr als doppelt so groß dimensioniert ist wie im Propellerflugzeug.

          ... ist mit dem gleichen Fallschirmsystem ausgerüstet

          Das Auslösen des Fallschirm-Rettungssystems hat schon mehr als 140 Menschen in Flugzeugen von Cirrus Aircraft das Leben gerettet, weil es auch in den einmotorigen Propellermaschinen des amerikanischen Flugzeugbauers serienmäßig eingebaut ist. In Deutschland sind derartige Fallschirme lediglich für die maximal zweisitzigen Ultraleichtflugzeuge verpflichtend vorgeschrieben. Viersitzige, einmotorige Propellerflugzeuge sind damit bisweilen nachrüstbar, das gilt etwa für weitverbreitete Cessna-Modelle. Seit der Einführung derartiger Gesamtrettungssysteme in den achtziger Jahren haben sie in Ultraleichtflugzeugen oder schwereren einmotorigen Propellerflugzeugen schon mehrere hundert Menschen vor schweren Verletzungen oder dem Tod bewahrt.

          Die Gründe für den Piloten oder seine Passagiere, das Rettungssystem auszulösen, sind vielfältig. So kamen schon Herzinfarkte oder plötzliche Bewusstlosigkeit des Piloten vor. Kollisionen mit anderen Flugzeugen oder Vögeln, aber auch Triebwerksausfall oder der Bruch von Tragflächen oder Leitwerk sind bedrohliche Szenarien. Einer der am besten dokumentierten Fälle ist ein Flug am 25. Februar 2015 über das Meer nach Hawaii, bei dem der Maschine der Kraftstoff ausging. Der Pilot funkte das Notsignal Mayday. Daraufhin flog ihm ein Rettungshubschrauber über der offenen See entgegen. Als der Helikopter ihn weit entfernt von der rettenden Küste erreichte, aktivierte der Pilot das Rettungssystem. Die Küstenwache filmte den spektakulären Vorfall. Der Fallschirm entfaltete sich, die Maschine schlug relativ sanft auf der Wasseroberfläche auf. Der Pilot kletterte aus seinem sinkenden Flugzeug und konnte von der Küstenwache unversehrt geborgen werden.

          So kann dann eine Landung aussehen

          Ein ähnlich spektakulärer Unfall nahm in Deutschland ein glimpfliches Ende. Mitte August 2008 hatte der Pilot eines Ultraleichtflugzeugs über Köln die Orientierung verloren, als er versehentlich in schlechtes Wetter flog und daraufhin die Kontrolle über die Maschine verlor. Sie raste mit fast 400 km/h Richtung Erdboden, wie durch das ausgelesene GPS-Gerät später festgestellt wurde. Der Pilot traf die einzige noch mögliche Entscheidung, löste das Rettungssystem aus und schwebte am Fallschirm hängend in den Garten eines Kölner Hauses. Er überlebte ohne Verletzungen einen Unfall, der ohne Rettungssystem tödlich ausgegangen wäre.

          Das Fallschirm-Rettungssystem ist in der Luftfahrt in kleinen Propellerflugzeugen mittlerweile ein ähnlicher Lebensretter wie der Airbag im Auto. Allerdings hat es konstruktive Grenzen. Für sehr schnelle oder schwere Flugzeuge ist es bisher nicht geeignet, da die vom Schirm zu bewältigende Masse zu groß wäre. Außerdem muss das Flugzeug eine gewisse Mindesthöhe bei der Auslösung haben, da es sonst aufschlägt, bevor sich der Schirm entfalten kann.

          Das ist keine billige Angelegenheit

          Zudem beanspruchen der in einem Gehäuse zusammengefaltete Schirm sowie die Rettungsrakete Platz und verringern die Zuladung. Ein Flugzeug muss schon in der Konstruktion auf den Einbau eines Rettungssystems hin konzipiert werden. Eine Nachrüstung ist, sofern überhaupt konstruktiv möglich, aufwendig, teuer und zulassungspflichtig. Sie ist deshalb nur für weitverbreitete Flugzeugtypen wie die Cessna 172 und 182 sinnvoll.

          Zur Wartung muss je nach Hersteller etwa alle fünf bis zehn Jahre der Fallschirm ausgebaut und neu zusammengelegt werden, da sich dessen Stoffbahnen verkleben könnten. Auch die Rettungsrakete muss etwa alle zehn bis zwölf Jahre ausgetauscht werden. Das ist keine billige Angelegenheit, zur Sicherheit aber vermutlich gut angelegtes Geld.

          Dass ein Fallschirm-Gesamtrettungssystem nun auch in einem bis zu 540 km/h schnellen Business Jet serienmäßig eingebaut wird, ist ein Novum. Damit wird allerdings auch den Sicherheitsbedenken mancher Käufer derartiger Flugzeuge entgegengewirkt, da dieser Jet als einziger von lediglich einer Turbine angetrieben wird. Alle anderen Business Jets verfügen über zwei oder mehr Triebwerke. Vier Passagiere plus Pilot können im Vision Jet reisen. Die ersten Serienmaschinen sollen noch in diesem Dezember an amerikanische Kunden ausgeliefert werden. Sobald auch eine europäische Luftfahrtzulassung durch die EU-Luftfahrtbehörde EASA vorliegt, kann der zwei Millionen Dollar teure Jet von Cirrus Aircraft auch in Deutschland und weiteren europäischen Ländern verkauft werden.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Bei den Maßnahmen geht auch um eine Autokaufprämie.

          Treffen am Nachmittag : Gräben vor dem Konjunktur-Gipfel

          Am Nachmittag treffen sich die Koalitionsspitzen, um über milliardenschwere Konjunkturmaßnahmen zu entscheiden. Zankäpfel sind Kaufprämien für Autos und Schuldenhilfe für Kommunen. Aber auch andere Wünsche haben es in sich.
          Prunkvoll: Die Kirche Sankt Pirmin thront über dem Schlossplatz in Pirmasens.

          Verschuldete Kommunen : Wo Corona das kleinere Problem ist

          In keiner anderen Stadt sind die Schulden pro Kopf so hoch: In Pirmasens hofft man auf den Scholz-Plan zur finanziellen Stützung von Kommunen – auch wenn es massiven Widerstand gibt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.