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Fahrtenyacht Bavaria Easy 9.7 : Weniger ist mehr

  • -Aktualisiert am

Ein Boot für Quereinsteiger: Mit der ganz auf Einfachheit getrimmten Easy 9.7 richtet sich die Großwerft Bavaria an ein Publikum, das gern mit weniger auskommt Bild: Claus Reissig

Aus der Bavaria 33 Cruiser wird in einer Sonderversion die Easy 9.7. Die kleinste Fahrtenyacht des Unternehmens aus Franken wird so noch einmal einfacher und vor allem günstiger.

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          Manchmal fragt man sich, wofür man heute all die Dinge braucht, die man früher nicht brauchte. Nicht nur zu Hause im Keller oder in dem riesigen Schlafzimmerschrank, sondern zum Beispiel auch an Bord von Booten. Vom drehenden Saildrive bis zum Bugstrahlruder, von elektrisch betätigten Winschen bis hin zu Kühl- und Gefrierschrank, Warmwasser, Heizung oder dem unvermeidlichen kardanisch aufgehängten Kocher für die Zubereitung kompletter Menüs auf See ist vieles häufig serienmäßig an Bord. Ohne, so suggerieren Werften und Handel einmütig, kommt man heutzutage nicht mehr aus. Die Zeiten haben sich nun mal geändert, Schluss ist’s mit dem einfachen Segeln.

          Dass es aber auch anders geht, zeigt nun ausgerechnet die in Giebelstadt ansässige fränkische Werft Bavaria Yachtbau. Auf ihrer neuen Easy 9.7 fehlen viele dieser Zutaten, obwohl man in der Vergangenheit als Verkaufsargument stets zuallererst auf das Preis-Leistungs-Verhältnis der Yachten verwies, und das im Besonderen im Hinblick auf die umfangreiche Ausstattung. Nun kommt also die Kehrtwende mit einem Boot, das auf vieles verzichtet, was man vorher noch für unersetzlich hielt. Die zur Badeplattform mutierende Heckklappe zum Beispiel oder der Kartentisch. „Die Ausstattung ist spartanisch“, räumt Bavaria-Produktmanager Daniel Kohl ein. „Aber wir reden über ein anderes Zielpublikum. Es ist das Boot für die jüngere Generation, für Menschen, die einsteigen und die ein einfaches Konzept wollen. Da zählen vor allem das Licht, der Platz, easy eben.“

          Statt der Schränke in den Kabinen und im Salon gibt es jetzt einfache Regale. Auch der kardanische Herd ist verschwunden, stattdessen wird (optional) ein nicht im Seegang mitschwingender Kocher eingebaut. Kein großes Kühlfach mehr, die Küche schrumpfte. Gardinen? Nicht einmal in der Aufpreisliste. Türen zu den beiden Kabinen gibt’s lediglich in Verbindung mit dem fast 8000 Euro teuren „Easy Living“-Paket inklusive Cockpitdusche, Warmwasser, Landstromanschluss und Cockpittisch.

          Camping: Pantry mit Kochstelle
          Camping: Pantry mit Kochstelle : Bild: Claus Reissig

          Weglassen kann guttun: endlich einmal ein aufgeräumtes, aufs Nötigste reduziertes modernes Schiff. Mehr braucht man nicht zum Leben und Segeln, Regattasegler wissen das schon lange, und auch wer ein Schiff für die zahlreichen Seen Deutschlands oder selbst für einen Liegeplatz an Nord- oder Ostsee kauft, kann mit so einer leeren Yacht glücklich werden. Man muss sich nur einmal ein typisches Wochenende an der Elbe oder auf dem Bodensee vorstellen: Freitag nach dem Abendessen an Bord, am Samstag frühstücken und Kaffee machen - dafür langt ein Campingkocher. Dann verbringt man den Tag segelnd mit Snacks und Kaltgetränken, um abends wieder vor einem Restaurant im Hafen zu liegen. Am Sonntag das Ganze zurück Richtung Heimat. Geduscht wird im Hafen oder zu Hause, aber gewiss nicht in der Nasszelle. All den Komfort fährt man zumeist durch die Gegend, für - man weiß ja nie. So sammelt sich auch der ganze Krempel im Keller an.

          Trotzdem noch ein leichtes Schiff

          Ansonsten ist die Easy 9.7 ganz Bavaria der neuesten Generation: gut verarbeitet nach teils finsterer Vergangenheit. Tragende Schotten sind an den Rumpf laminiert, selbst die unsichtbaren Stauräume sind mit präzisionsgefrästen Klappen verschlossen, wie man es von deutschen Ingenieuren erwartet. Unter Deck herrscht Stille wie in einer Kirche, selbst wenn kräftiger Wind und eine kurze Welle die Yacht wie am Tag unseres Probeschlags auf der Ostsee beuteln. Die verschraubten Bodenbretter tragen ebenso präzise gefräste Inspektionsluken für die (zahlreichen) Kielbolzen. Lediglich ein wenig Lack hätte man sich an den Schnittkanten mancher Möbelecke gewünscht, um eventuell das Eindringen von Feuchtigkeit zu verhindern. „Auf die Qualität sind wir richtig stolz“, sagt Kohl. „Daran arbeiten wir weiter, wir wollen in drei Jahren das beste Serienboot hinstellen.“

          Unter Segeln geht es easy weiter, der Rumpf mit seinen steilen Flanken baut auf große Formstabilität und wenig Ballast. 25 Prozent des Leergewichts macht der gusseiserne Kiel lediglich aus. Das alles ist gut für die Performance, das Schiff möchte jedoch rechtzeitig gerefft werden. Aber das wollen andere auch, nur sind sie manchmal gnädiger mit unwissenden Skippern. Aber dann kann man mit der kleinen Yacht beim Kreuzen durchaus Spaß haben. Der Wendewinkel liegt bei guten 88 Grad, selbst wenn es wie beim Test mit 4 bis 5 Beaufort weht und sich eine einen Meter hohe Welle aufbaut. Winschen gibt es serienmäßig drei, die beiden für die Genua sind weit achtern auf den Sülls montiert, in den Manövern für Rudergänger wie Mitsegler gut erreichbar.

          Karg: Blick in den Salon
          Karg: Blick in den Salon : Bild: Claus Reissig

          Unterdimensioniert erscheint der Achterstagspanner, mit dem sich das Rigg mit den zwei breiten Salingspaaren im Grunde prima trimmen lässt. Dafür muss man ihn allerdings mit der Winsch dichtkurbeln. Auch die fehlende Sperrfunktion des Großschotblocks auf dem Cockpittisch fällt in die Rubrik „Sparen an der falschen Stelle“: Bei frischem Wind ist die Schot selbst für kräftige Segler nur mit Mühe zu halten. Wie bei der Bavaria 33 - von der die 9.7 ein Abkömmling ist, wie auch das Typenschild bestätigt - stehen die Cockpitbänke achtern recht weit auseinander. Das ist gut für den Weg an Land, der Rudergänger würde sich dagegen ein größeres Rad wünschen, um bequemer zu sitzen. Leider steht das nur für die 33 in der Optionsliste, nicht jedoch für die 9.7. Man muss es sich also im Zubehör kaufen, wie den erwähnten Campingkocher.

          Unser Testschiff ist übrigens verhältnismäßig üppig ausgestattet. Sprayhood, Kocher, Kühlschrank, Warmwasser, Heizung, Rollgroßsegel und einiges mehr treiben den Einstiegspreis von knapp 60 000 Euro auf gut 86 000 Euro (zum Vergleich: die Cruiser 33 als Basis kostet mindestens 79 600 Euro). Dafür ist fast alles an Bord, was die Aufpreisliste so hergibt. Das verwässert natürlich die Easy-Philosophie etwas, es bleibt aber immer noch ein aufgeräumtes, leichtes Schiff. Das freie Durchatmen leidet darunter jedenfalls nicht.

          Bavaria entert das Katamaran-Geschäft

          Der Giebelstäder Yachtbauer Bavaria hat sich mit dem französischen Unternehmen Nautitech Catamarans auf eine Übernahme geeinigt. Über den Preis wurde zwischen den Werften Stillschweigen vereinbart. Bavaria - schon heute die Nummer zwei auf dem Weltmarkt - wird damit zusätzlich zum Anbieter von Fahrten-Katamaranen. Es handelt sich um ein interessantes, seit Jahren wachsendes Marktsegment. „Nautitech passt hervorragend zu uns“, sagt Daniel Kohl, der in der Bavaria-Geschäftsführung für Produktentwicklung, Marketing und nun auch für die Katamaran-Sparte zuständig ist. „Im Einrumpf-Sektor bieten wir ja schon fast alles an. Aber für Katamarane haben wir nicht die Produktionsmöglichkeiten.“ Nautitech baut Zweirümpfer zwischen 40 und 60 Fuß (12,20 bis 18,30 Meter) Länge und bedient damit vorwiegend den Chartermarkt. Gründer Bruno Voisard bleibt Geschäftsführer der Nautitech Bavaria, der Produktionsstandort in Rochefort an der Atlantikküste soll eigenständig bleiben. „Wir haben eine Vertriebsmannschaft bei Bavaria und machen das Controlling und die Buchhaltung in Deutschland“, kündigt Kohl an. Auch für den Einkauf erhoffe man sich Synergien. Mit Nautitech nimmt Bavaria den dritten Anlauf für eine Expansion durch Übernahme innerhalb weniger Jahre. Im Fall der Hersteller Grand Soleil und Dufour wurde das allerdings schon wieder beendet.

          Daten und Preise

          Länge über alles 9,99 m,

          Rumpflänge 9,75 m,

          Länge Wasserlinie 8,85 m, Breite 3,42 m,

          Tiefgang 1,95 (Option 1,50) m,

          Verdrängung 5,2 t,

          Ballast 1,3 t (Ballastanteil 25 Prozent),

          Segelfläche 45 m2,

          Wassertanks 150 l,

          Diesel 150 l,

          Maschine Volvo Penta Diesel D1-20, 18,8 PS (13,8 kW), Saildrive mit zweiflügeligem Propeller,

          Konstruktion Farr Yacht Design, CE-Kategorie A (6 Personen, Hochsee), Werft Bavaria Yachtbau GmbH; Bavariastraße 1; 97232 Giebelstadt,

          Preis ab 59.440 Euro,

          Preis Testschiff 86.007 Euro.

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