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Fahrtbericht Mercedes-Benz CLS : Einsteigen, nicht aussteigen

Bild: Hersteller

Das viertürige Coupé fährt selbstbewusst in die zweite Runde. Der feine Diesel steht ihm bestens und gibt ihm viel Kraft. Aber wer ist bloß auf Lederoptik in Schwarz-Aubergine gekommen?

          4 Min.

          Man kauft eine Limousine. Oder ein Coupé. Jedenfalls war das bis 2004 so. Dann kam Mercedes-Benz auf die Idee einer Kreuzung aus beiden, und weil sie attraktiv und erfolgreich war, kopierten Audi mit dem A7 und VW mit dem Passat CC das Konzept.

          Holger Appel
          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Technik und Motor“.

          Nun fährt Mercedes die zweite Generation seines viertürigen Coupés auf Basis der E-Klasse heran. Mit seiner wunderbar langen Haube und den (sonderbar?) ausgestellten hinteren Flanken zitiert es schöne Vorbilder aus einer früheren Welt des Sterns und bringt, wenn wir der Werbung glauben dürfen, einen Aussteiger im besten Alter dazu, Wald und Wildnis gegen Anzug und Arbeit zu tauschen. Dafür liefert der CLS gute Gründe. Aber auch solche, weiterhin die Waldhütte der Penthousewohnung vorzuziehen. Immerhin hätten die Stuttgarter auch in diesem Fall etwas im Angebot.

          Design
          Im Großstadtdschungel fällt der CLS allein schon aufgrund seiner Statur auf. Im wuchtigen Grill prangt ein Stern, der aus der Lastwagendivision stammen könnte. Auch die Leuchtengrafik und die hohe Gürtellinie lassen kaum Zweifel am Statement: solide, selbstbewusst, Mercedes.

          Motorauswahl
          Ehrlichkeit hingegen ist in dieser Welt offenbar nicht so gefragt, denn die Schwaben schummeln. Am Heck steht die Bezeichnung CLS 350 CDI, obwohl unter der Haube nur ein Herz mit 3 Liter Hubraum schlägt. Dabei besteht für die Aufschneiderei kein Anlass. Der 195 kW (265 PS) starke V-Sechszylinderdiesel ist ein vorzüglicher Vertreter seiner Gattung und verleiht dem CLS jene Souveränität, die man schon nach wenigen Kilometern schätzen lernt und hernach nicht mehr missen möchte. Es gibt gute Argumente für die sahnig laufenden Sechs- oder Achtzylinder-Benziner, und wer es auf die Spitze treiben will, kann in der AMG-Version 386 kW (525 PS) ordern. Wir halten indes den großen Selbstzünder für besonders mehrheitsfähig.

          Bild: F.A.Z.

          Sitze
          Der Zustieg in die Kommandozentrale gelingt ohne Mühe, eine angenehme Position ist dank der vielfältigen Verstellmöglichkeiten von Sitz und Lenkrad rasch gefunden. Wir sind allerdings, das ist ungewöhnlich für das ansonsten komfortable Mercedes-Gestühl, im CLS mit der Rückenlehne nicht gut zurechtgekommen, sie drückte immer irgendwo.

          Sicht
          Dort angekommen, ist die Aussicht für den von der hohen Karosserie eingerahmten Fahrer bescheiden. Das Ende der Motorhaube lässt sich erahnen, nach schräg hinten beträgt die Sicht nahezu null, der Kofferdeckel entzieht sich dem Blick. Da hilft nur Unterstützung durch Piepser oder Rückfahrkamera.

          Innenraum
          Im Innenraum stellen sich noch andere Fragen. Wer ist bloß auf die im Testwagen verbauten Lederhäute in Schwarz-Aubergine gekommen? Nicht nur, dass sie wegen Zwangsehen mit weiteren Extras bis zu 7500 Euro erfordern, sie sehen auch, sagen wir, gewöhnungsbedürftig aus. „Wir haben Kunden, die schätzen so etwas“, beteuert ein Kundenbetreuer.

          Bedienung
          Immerhin lassen sich verträglichere Farbkombinationen wählen, was für andere Einrichtungsgegenstände nicht gilt. Die Drehregler mit Metalloberfläche sind fein gewählt, aber einige Knöpfe und Blenden aus Kunststoff – von den Lenkradtasten über den Gurthöhenversteller bis zum Spiegel in der Sonnenblende – schmeicheln Augen und Händen nicht so, wie es angemessen erscheint. Das können andere Hersteller in dieser Klasse eleganter.

          Den Tiefpunkt reklamiert die Einstellung der (optionalen) Multikontursitze für sich. Deren Position lässt sich gewohnt gut mit logisch geführten Tasten in der Tür einstellen, doch wer die Massage- oder Dynamikfunktionen aktivieren möchte, muss an ein „Comand-Controller“ genanntes Kästchen zwischen Sitz und Mittelkonsole greifen, das aussieht, als sei es im Zubehörshop erworben und dort angebaut worden, weil sonst nirgends mehr Platz war.

          Preis
          An dieser Stelle lohnt es, sich den Preis ins Gedächtnis zu rufen. Einen CLS 350 CDI gibt es von 63 427 Euro an. In der Grundausstattung. Der Testwagen kam auf 92 361 Euro.

          Verbrauch
          Wenigstens ist der Wagen nicht nur teuer, sondern auch gut. Das Triebwerk ist leise und durchzugsstark, harmoniert auf feinste Weise mit der Siebengangautomatik und erweist sich als genügsam. Im Durchschnitt verbrauchten wir 8,7 Liter auf 100 Kilometer, auf einer zurückhaltend genommenen Autobahn erreichten wir sogar 6,8 Liter. Das sind bemerkenswert niedrige Werte.

          Fahrleistung
          Vor allem angesichts der gebotenen Fahrleistung. Immerhin hat es der Antrieb mit einem nicht nur äußerlich mächtigen Gefährt zu tun. Das Coupé bleibt nur knapp unter der Marke von 5 Meter Länge und bringt leer stramme 1815 Kilogramm auf die Waage. Trotzdem beschleunigt es aus dem Stand in 6,2 Sekunden auf 100 und spurtet mühelos auf die Höchstgeschwindigkeit von 250 km/h.

          Vor allem die Langstrecke ist sein Revier. Der Fahrer hat wenig Mühe am dicken Lenkradkranz, das Auto bleibt stoisch in der Spur, lässt sich zielgenau um Kurven dirigieren und ist stets angenehm unaufgeregt. Bei 200 km/h liegen säuselnd 3000/min an. Sanft streicht der Wind über die Karosserie, die Harman- Kardon-Musikanlage verwöhnt die Ohren. Das Fahrwerk nimmt es trotz der scharfen Sonderbereifung im Format 285/30 R 19 mit der Straße gut auf.

          Platzangebot
          Hinten reisen zumindest Kinder ohne Einschränkung, aber auch Erwachsene können es dort passabel aushalten. Es werden zwei durch den Mitteltunnel getrennte Plätze geboten, für die Knie bleibt ausreichend Freiraum. Schön ist, dass sich alle Seitenscheiben vollständig versenken lassen, auch wenn hinten ein Eckchen aus Glas verbleibt.

          Der Einstieg in die zweite Reihe erfordert freilich Gewöhnung, weil der äußere Griff rund 30 Zentimeter Richtung Türmitte angebracht ist, wodurch sich CLS-Debütanten die Türkante – im besseren Fall – in den Bauch hauen. Etwas Gelenkigkeit ist von Vorteil, und größer als 1,80 Meter sollte man nicht sein, dann drückt das eingezogene Dach aufs Haupt. Aber es erwartet ja niemand die Geräumigkeit der S-Klasse.

          Ablagen und Kofferraum
          Damit die in Schönheit reisende Familie nicht verdurstet, bietet der CLS, falls wir keinen übersehen haben, sieben Flaschen- oder Dosenhalter an. Vermutlich sind die Entwickler mal während einer Erprobungsfahrt im Death Valley liegengeblieben. Alles übrige schluckt der Kofferraum, der zwar nicht topfeben, aber groß genug und gut zugänglich ist. Wer noch mehr Platz für Transportgut braucht, kann gegen 517 Euro Aufpreis die Rückenlehnen einzeln umlegen. Sind beide geklappt, passt sogar ein Fahrrad rein, sofern man dessen Vorderrad ausbaut. Wer hätte das einem Coupé zugetraut?

          Ausstattung
          Für fast alle sonstigen Eventualitäten des Verkehrs hält Mercedes elektrische Assistenten bereit. Unsere Neugier hat das 2677 Euro teure Fahrassistenz-Paket Plus geweckt, das nicht nur Abstand zum Vordermann hält, sondern auch vor Hindernissen warnt und bremst. Wir sind an der ein oder anderen Verkehrsinsel alarmiert worden, obwohl wir selbige nicht glattgebügelt haben. Also wollten wir es wissen, haben eine kleine Wand aus Styropor auf die Straße gestellt und darauf zugehalten. Passiert ist: nichts. Kein Warnton, kein Bremseingriff. Die Styroporwand löste sich in einer weißen Wolke in kleinste Teile auf.

          Unser Vertrauen in die Technik hat das kaum erschüttert, vermutlich hat der Sensor den Trick erkannt, und wir machen weiterhin das, was wir immer machen: Aufpassen und selbst fahren. In den CLS als 350 CDI steigen wir dazu besonders gerne ein.

          Daten und Messwerte

          Preis 63.427 Euro
          Preis des Testwagens 92.361 Euro

          V-Sechszylinder-Turbodieselmotor , Common-Rail-Einspritzung, 2987 Kubikzentimeter Hubraum

          Leistung 195 kW (265 PS) bei 3800/min

          Höchstes Drehmoment 620 Nm bei 1600 bis 2400/min, mindestens 90 Prozent davon ab 1200 bis 4200/min

          Automatisches Siebenganggetriebe

          Antrieb auf die Hinterräder

          Länge/Breite/Höhe 4,94 / 1,88 / 1,41 Meter

          Radstand 2,87, Wendekreis 11,27 Meter

          Leergewicht 1815, zulässiges Gesamtgewicht 2300 Kilogramm, keine Anhängelast eingetragen; Kofferraumvolumen 520 Liter

          Reifengröße 245 / 45 R 17

          Höchstgeschwindigkeit 250 km/h

          Von 0 auf 100 km/h in 6,2 s

          Verbrauch 6,8 bis 9,2, im Durchschnitt 8,7 Liter Diesel je 100 km; 160 g/km CO2 bei Normverbrauch von 6,1 Liter; Tankinhalt 59 Liter

          Versicherungs-Typkl. HP 22, TK 28, VK 28

          Garantie Zwei Jahre ohne Kilometerbegrenzung, auch auf Lack, 30 Jahre gegen Durchrostung und Mobilitätsgarantie bei autorisiertem Service, Wartung nach Anzeige

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