https://www.faz.net/-gy9-utgt

Fahrtbericht Hyundai Accent 1.5 : Die Bescheidenheit zwischen den Stühlen

  • -Aktualisiert am

Nicht ideal für groß gewachsene Fahrer: Hyundai Accent Bild: Hersteller

Mit dem Accent 1.5 CRDi GLS verschreibt sich Hyundai dem neuen Trend der Bescheidenheit. Laufruhe, Einrichtung des Innenraums und Bremsen könnten aber ruhig etwas weniger bescheiden sein. Zudem sitzt der Accent zumindest hierzulande zwischen den Stühlen.

          4 Min.

          Im Trommelfeuer der CO2-Diskussion kann Bescheidenheit zu einem neuen Wert im Verhältnis zum Auto werden. Natürlich vor allem Bescheidenheit in Sachen Verbrauch: Da läge der Diesel ganz vorn, wenn er nicht seinerseits zum Opfer der Feinstaub-Hysterie geworden wäre. Aber auch die Benziner machen Riesenschritte auf dem Weg zur Mäßigung.

          Bescheidenheit bei der Größe des Fahrzeugs liegt ebenso im Trend, die Zuwachsraten bei den Mini- und Kleinwagen beweisen es. Bescheidenheit bei Ausstattung und Preis? Spätestens da hört die Selbstkasteiung der Käufer auf. Man will sich auch künftig etwas gönnen, in der Hoffnung, dass der Nachbar kundig genug ist, Luxus auch am geschrumpften Auto zu erkennen und gebührend zu beneiden. Außen kleiner, innen groß und teuer - so könnte sich der Erfolgswagen von morgen präsentieren.

          Beste Diesel-Tugenden

          Aber jetzt ist heute, und da gelten noch viele Gesetze von gestern. Der Geiz sucht weiter nach billig, zumindest relativ - Rabatte -, aber auch absolut. Südkorea und bald auch China bedienen diesen Wunsch, und es bleibt beim Käufer, den Preis gegen die unausweichlichen Einbußen an Image und Wertigkeit abzuwägen. Der Hyundai Accent, seit einem Dreivierteljahr in Neuauflage am deutschen Markt, bietet Anschauungsmaterial für diesen Widerstreit. Mit gut vier Meter Länge konkurriert er mit den inzwischen gewachsenen Opel Corsa, Fiat Grande Punto, Renault Clio oder Peugeot 207, und mit einem Basispreis von 14.390 Euro unterbietet er sie nicht einmal auf Anhieb. Erst wenn Motorisierung und Serienausstattung verglichen werden, zeigt sich sein Sparpotential. Das gilt auch für die Dieselversion, die mit 17.240 Euro schon nicht mehr wie ein Schnäppchen wirkt. Was hat der Accent dafür zu bieten?

          Der Motor, ein 1,5-Liter-Vierzylinder, war dem europäischen Markt dringend geschuldet und hatte im vergangenen Jahr im Accent den gleich großen Dreizylinder-Vorgänger abgelöst. Das moderne Common-Rail-Triebwerk ist von fröhlicher Wesensart, aber leider nicht gut erzogen und, noch schlimmer, zumindest derzeit nicht mit Partikelfilter zu haben. Es bringt den mit 1250 Kilogramm Leergewicht recht leichten Accent eindrucksvoll auf Trab: Sowohl bei der Standard-Beschleunigung von 0 auf 100 km/h als auch erst recht bei der Höchstgeschwindigkeit übertrifft er die Prospektwerte bei weitem - 10,5 statt 11,5 Sekunden und erstaunliche 189 statt 176 km/h. Auch an Durchzugskraft fehlt es kein bisschen, 14,9 Sekunden im obersten, dem 5. Gang von 50 auf 100 km/h offenbaren beste Diesel-Tugenden.

          Kaum stylingbedingte Attacken

          Doch bis zu der Laufkultur, die viele europäische Selbstzünder längst erreicht haben, gibt es bei Hyundai auf den Baustellen Geräusch- und Schwingungsdämpfung noch viel zu arbeiten. Unterhalb von 1500 Umdrehungen je Minute - für einen Diesel ein ganz normaler Bereich - läuft der Motor so rauh und brummig, dass nicht einmal der 4. Gang im Stadtverkehr für akustischen Komfort sorgen kann. Andererseits nervt kurz vor 4000/min ein unangenehmes Dröhnen, und jenseits davon wächst die Lautstärke auf ein wenig erträgliches Maß, während es mit dem Beschleunigen nur noch zäh vorangeht; schon bei 4700/min wird dann abgeregelt. Fahrer und Insassen werden also nicht gerade verwöhnt von diesem Accent, und wäre da nicht seine beispielhafte Sparsamkeit - unser Durchschnitt, den der Bordcomputer erfreulich präzis dokumentierte, errechnete sich mit 5,6 Liter je 100 Kilometer -, würden wir ohne Zögern zu den Benziner-Versionen mit 1,4 und 1,6 Liter Hubraum raten.

          Der Accent wird in Deutschland als Stufenheck mit vier Türen und als Schrägheck-Zweitürer angeboten. Nur bei dieser Karosserieform, die im Verkauf bei weitem dominiert, hat man die Wahl zwischen allen drei Motoren. Auch im Design ist sie die interessantere der beiden, ohne wirklich aufregend zu sein. Immerhin hat man kaum stylingbedingte Attacken auf die Funktionalität zu befürchten. Die Übersichtlichkeit und der Einstieg nach vorn verdienen sich überdurchschnittliche Noten (nach hinten gelangt man nur von rechts mit Anstand, da dort der Vordersitz beim Lehnenklappen nach vorn rückt), das Armaturenbrett ist frei von gestalterischen Loopings, die Instrumente sind tadellos ablesbar und beleuchtet. Bezüge und Verkleidungsmaterialien wirken robust, doch die verwendeten Kunststoffe müssten unbedingt kratzfester sein.

          Die Bremsen könnten besser sein

          Groß gewachsene Fahrer sitzen nicht ideal, die Oberschenkel finden auf den etwas schlaff gepolsterten Sesseln keine ausreichende Stütze. Hinten ist der Knieraum klassengemäß knapp, die Kopfhöhe - wie auch vorn - reichlich. Für drei Erwachsene genügt die Breite allerdings kaum. An Ablagen mangelt es nirgends, und auch die passive Sicherheit wurde, mit sechs Airbags und zwei Isofix-Kindersitzhalterungen, angemessen berücksichtigt. Der Gepäckraum ist nicht größer als beim zehn Zentimeter kürzeren VW Polo (270 Liter, der Viertürer bietet 390 Liter). Erweitert man ihn mit Umlegen der ungleich geteilten Lehne auf rund 950 Liter, entsteht eine 10 Zentimeter hohe Stufe im Boden. Beim Beladen ärgert man sich über dreierlei: Die Heckklappe schwingt nicht weit genug nach oben, es fehlen die Verbindungsschnüre zwischen ihr und der Abdeckung, so dass man diese immer von Hand hochklappen muss, und die Ladekante ist außen wie innen so unfreundlich hoch, dass das Darüberheben der Koffer zur Last wird. Mit 400 Kilogramm unzureichend ist die Zuladung, beruhigend dagegen die Anwesenheit eines normalbereiften Reserverads.

          Nicht nur dank des temperamentvollen Motors fährt man mir dem Diesel-Accent recht locker durch die Landschaft. Die Lenkung fordert nur geringe Haltekräfte - in Kurven fast zu geringe - und verhilft zu einem parkhausgerecht engen Wendekreis, die Schaltung flutscht wie von allein. Nachts wird die Fahrfreude durch das nur mäßige Licht der H4-Scheinwerfer eingeschränkt. Wenig Gefallen findet auch, dass das ESP 600 Euro Aufpreis erfordert. Unser Wagen hatte es nicht: So musste der Fahrer selbst darauf achten, dass die Traktion der Vorderräder nicht überfordert und die mitunter deutliche Lastwechselreaktion in Kurven rechtzeitig ausgebügelt werden. Im Normalfall verhält sich der Accent freilich folgsam untersteuernd, nur auf Nässe drängt sein Bug eigenmächtig nach außen. Nicht voll überzeugend ist die Bremsanlage. Die Spurhaltung beim vollen Verzögern könnte besser sein, und bei stärkerer Beanspruchung wachsen Pedal- und Anhalteweg gleichermaßen. Der Federungskomfort provozierte dagegen kaum Kritik. Ein bisschen Schaukeligkeit, gewiss, doch werden selbst grobe Stöße gut und mit wenig Poltern pariert und rauher Untergrund ausreichend absorbiert.

          Vielleicht doch allzu bescheiden

          So zeigt sich der Accent als zwiespältiges Wesen. Auf der Sonnenseite steht seine gute Serienausstattung, zu der die Klimaanlage ebenso gehört wie elektrisch einstell- und heizbare Außenspiegel, Nebelscheinwerfer, Zentralverriegelung mit Funk-Fernbedienung, getöntes Glas und Radiovorbereitung mit sechs Lautsprechern. Aus dem kurzen Aufpreiskatalog - darin neben dem ESP das Schiebedach (720 Euro) und ein Comfort-Paket mit einer Klimaautomatik als wichtigstem Inhalt (610 Euro) - war unser Wagen nur mit der Metallic-Lackierung (420 Euro) und dem sehr empfehlenswerten CDNavigationsradio Becker Indianapolis Pro (799 Euro) bedacht worden.

          So kamen rund 18.500 Euro zusammen, aufgewertet durch eine dreijährige Garantie, doch mit der Hypothek einiger unausgereifter technischer Details und mancher erkennbarer Resultate unverhohlenen Sparwillens. Wer europäischen Charme sucht, wird dem nüchternen Koreaner kaum verfallen. Und wer Bescheidenheit demonstrieren möchte, wird ihn trotz guter Ausstattung vielleicht doch allzu bescheiden finden. So sitzt der Accent zumindest hierzulande zwischen den Stühlen - doch das ist allemal besser, als gar nicht am Tisch dabei zu sein.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Trump und die Republikaner : Ein Ende der blinden Gefolgsamkeit?

          Nach wie vor steht die breite Mehrheit der Republikaner hinter Donald Trump. Doch einzelne Republikaner erwägen bereits, ein Amtsenthebungsverfahren gegen Amerikas Präsidenten zu unterstützen. Sie bewegen sich dabei auf einem schmalen Grat.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.