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Fahrräder für Behinderte : Ohne Tricks zum Trix von der Krankenkasse

  • -Aktualisiert am

Emely übernimmt in Trebur zusammen mit ihrer Mutter bei Monika Schwarz das neue Trix Bild: Pardey

Für manche Kinder ist Radeln nicht einfach nur Spaß, sondern Therapie. Der Weg zum passenden Rad ist kompliziert. Eine Fahrradhändlerin hat sich darauf spezialisiert.

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          Emely ist zwölfeinhalb und leidet am CHARGE-Syndrom, einer ebenso seltenen wie komplexen, durch Genmutation ausgelösten Mehrfachbehinderung. Seit sie ein Baby war, ist sie kontinuierlich in medizinischer und physiotherapeutischer Behandlung. Sie ist, wie für dieses Krankheitsbild typisch, in ihrer körperlichen Entwicklung verzögert, sieht und hört nicht gut, sie hat nicht die altersübliche Kraft in den Händen und kann keine Balance halten. Als Emely sich fürs Radeln zu interessieren beginnt, bekommt sie zunächst einen Nachläufer - quasi ein halbes Kinderrad, das mit einer Deichsel hinter das Fahrrad ihrer Mutter gehängt und von diesem gezogen und stabilisiert wird. Aber eines Tages ist Emely dieser Lösung entwachsen, sie möchte selbst Rad fahren.

          Also beantragt die Mutter bei ihrer Krankenkasse ein Therapierad. Sie hat für Emely ein Dreirad für Kinder mit Handicaps ausgesucht, das von Hase Bikes in Waltrop manufakturartig gebaut wird. Jedes Dreirad, das bei Hase für einen Behinderten entsteht, wird genau auf seinen Benutzer abgestimmt. Im Fall von Emely bedeutet das zum Beispiel, dass die Schuhe auf den Pedalen fixiert werden müssen, aber so, dass sie selbst rasch in die Halterung hinein- und herausschlüpfen kann. Die Form der Bremsgriffe sowie der nötige Druck zu ihrer Betätigung und jener der Gangschaltung müssen Emelys geringe Handkräfte berücksichtigen.

          Grundpreis beträgt mehr als 3700 Euro

          So ein in Handarbeit gebautes individualisiertes Rad ist teuer: Der Grundpreis für das ausgesuchte Rad beträgt mehr als 3700 Euro, mit ein paar Extras kostet alles zusammen etwas über 4000 Euro. Die Krankenkasse schlägt der Mutter vor, entweder eine erhebliche Zuzahlung zu leisten oder ein von der Kasse ausgesuchtes Therapierad zu akzeptieren. Da sich die alleinerziehende Mutter außerstande sieht, die Zahlung aufzubringen, geht sie auf den Vorschlag der Kasse ein.

          Emely bekommt ein 20-Zoll-Kinderfahrrad mit großen Stützrädern. Mit etwas Fahrradverstand betrachtet, könnte man dieses von der Kasse finanzierte Rad ein „Therapierad älteren Stils“ nennen. Der Name des Herstellers tut nichts zur Sache; er ist in der Reha-Szene bestens eingeführt und produziert eine breite Palette von Fahrrädern mit und ohne Hilfsmotor, vorwiegend mit drei Laufrädern. Problematisch erscheint, dass sich das ganze Sortiment dieser Behindertenräder nicht von der Konzeption herkömmlicher Fahrräder für Nichtbehinderte löst.

          Hart gesagt: Es gibt technisch bessere Lösungen. So liegt etwa die Frage nahe: Ist es sinnvoll, jemand, der wie Emely keine Balance halten kann, auf ein Fahrzeug zu setzen, das einen so hohen Schwerpunkt hat wie ein Fahrrad, auf dem man nach unten pedaliert? Der Hersteller von Emelys Kassenrad hält an der aufrechten Sitzposition fest, weil seine Fahrräder keine andere ermöglichen. So werden manche Behinderte mit einem veritablen Gerüst am Rücken, vom Becken bis zum Kopf hinauf, aufrecht auf dem Rad fixiert.

          Man muss nur einmal gesehen haben, wie sich ein Kindergartenkind auf seinem Rad mit Stützrädchen - meistens auf drei von den vier Laufrädern unterwegs - abmüht, um zu begreifen, woran Emely scheitert. Die Angst machende Unsicherheit der hohen Sitzposition ist nämlich nur einer der Punkte, die ihr das neue Fahrrad sehr schnell verleiden. Sie kommt keine Steigung hinauf. Die Gänge kann sie nur - unterstützt von der Federkraft - in Richtung der großen Übersetzungen schalten. Sobald es holprig wird, braucht sie Hilfe. Ohne Begleitung will sie das Kassenrad gar nicht benutzen. Das Ende vom Lied: Das angestrebte Ziel, Emelys Wirbelsäule und die autonome Mobilität des Mädchens zu stärken, wird völlig verfehlt; das Rad steht nur herum.

          Der ausziehbare Rahmen kann mitwachsen

          Jetzt kommt der Teil der Geschichte, der Anfang dieses Monats in ein Happyend mündet. In Trebur, einer ländlichen Gemeinde südlich von Frankfurt, hat sich Monika Schwarz, Mitinhaberin des alteingesessenen Fachgeschäfts Fahrrad Claus, auf Fälle wie den von Emely spezialisiert. Geschäft wie Werkstatt sind auf hochwertige Fahrräder (unter anderem von Hase) ausgerichtet, was man - geschweige denn den Service von Schwarz - auf dem buchstäblich platten Land kaum erwarten würde. Emely und ihre Mutter wohnen in der Nähe der Loreley, aber ihnen ist der Weg ins Hessische Ried nicht zu weit.

          Alles beginnt Anfang Juni mit einer Probefahrt in Trebur. Hases Modell Trix, ein Therapiedreirad für Kinder (Hilfsmittelnummer 22.51.02.0059), wird Emely genau angepasst. Das zerlegbare, daher auch anders als das erste Rad in den Kombi der Mutter passende Dreirad hat einen tiefen Schwerpunkt. Der ausziehbare Rahmen kann mitwachsen, bis ins Erwachsenenalter von Emely. Monika Schwarz guckt sich an, wie das Kind mit dem Rad zurechtkommt. Denn zu den Unterlagen (Verordnung des Arztes, Stellungnahmen der Therapeuten, Kostenvoranschlag, Einwilligung zur Begutachtung und andere), die ungefähr einen Monat später der Krankenkasse mit dem erneuerten Antrag eingereicht werden, gehört auch ein ausführlicher Probefahrtbericht. In dem steht der Satz: „Alle Bewegungsabläufe verliefen schmerzfrei und ohne Anstrengung.“ An diese erste Fahrt mit dem Trix schließt sich eine Ausleihe des Dreirads an: Das Kind soll das Rad in heimischer Umgebung ausprobieren. „Emely war total begeistert . . .“, schreibt ihre Mutter im neuen Antrag.

          Was alles an Argumenten zu solch einem Antrag vorgebracht werden muss oder sollte, um ihn erfolgreich zu machen, das hat sich Monika Schwarz durch zwanzig Jahre Erfahrung angeeignet. Inzwischen ist sie mit ihrer Erfolgsquote zufrieden - bei Kindern, denn bei Erwachsenen gilt den Kassen das Fahrrad meist als Freizeitvergnügen. Dass es jetzt ziemlich schnell ging mit der Zusage der Kasse, mag einfach am Sachbearbeiter liegen. Oder etwa daran, dass Emelys Mutter das Kassenrad lieber zurückgeben wollte?

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