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Fahrradklassiker Pegasus : Mythisches Pferd auf dem Pfad der Evolution

  • -Aktualisiert am

Das Pegasus „Rubin“ von 1983 war ein Rad auf der Höhe seiner Zeit. Die filigrane Erscheinung des Stahlrahmens gefällt nicht nur älteren Semester Bild: Thomas Geisel

Was machte ein Fahrrad vor dreißig Jahren anders als eins von heute? Ein Vergleich anhand von zwei leichten Modellen der Marke Pegasus.

          Das mythische Pferd, das am griechischen Gebirge Helikon die Hippokrene, die Rossquelle, lostrat, aus der die Poeten trinken, um desto leichter Verse schmieden zu können, dies Pferd mit Flügeln ziert seit dreißig Jahren die Fahrräder der Marke Pegasus. Es ist eine Eigenmarke der sehr erfolgreich von Köln aus operierenden Zweirad-Einkaufs-Genossenschaft (ZEG). Die verbindet in Europa annähernd tausend und in Deutschland rund sechshundert unabhängige Fachhändler zu einer Marktmacht von nicht zu übersehender Stärke.

          Die Macht am Rhein lässt sich nicht nur in ordentlichen Zahlen abbilden wie dem Umsatz, der sich auf eine halbe Milliarde Euro zubewegt. Man könnte auch so sagen: Die Moden der Fahrrad-Welt mögen sonst irgendwo auf der Welt kreiert werden. Aber erst, wenn sie in Köln-Bilderstöckchen zu preislich attraktiven Modellen und in Stückzahlen orderbaren Bestellnummern geworden sind, dann erst findet, was gerade hip geworden ist, im Fahrradhandel - vor allem im deutschen - wirklich statt.

          So lässt sich die Hauptströmung der technischen Entwicklung des alltäglichen Fahrrads anhand von Pegasus-Modellen sehr schön verfolgen. Blickt man auf das heutige Sortiment der Marke, die von der ZEG als „das Familienrad“ positioniert wird, sieht man vom Kinderrad bis zum seniorentauglichen Elektrorad alles: City-, Shopping-, Trekkingrad, Fitnessbike und Faltrad, alles von Preispunkt zu Preispunkt sauber aufgefächert. Man könnte sogar meinen, von Pegasus gäbe es Mountainbikes, aber das ist sozusagen eine optische Täuschung: Da handelt es sich um Allterrainbikes für die Jugend. Denn der Sport, ob auf der Straße oder im Gelände, das ist nicht Sache des geflügelten Pferdes. Dafür hat die ZEG andere Marken.

          Diese Bremsen tun es ja gar nicht!

          Eine Gattung Fahrrad zumindest scheint es immer gegeben zu haben. Denn das Pegasus „Rubin“ von 1983 wurde genauso wie das „Premio Disc“ von 2013 mit dem Begriff „superleicht“ angepriesen. Heute heißt das natürlich beim Premio Superlite, und das Rad kostet einen Euro weniger als einen Tausender. Das „Superleichtlaufrad“ Rubin kostete vor dreißig Jahren eine Mark weniger als fünfhundert. Und das war ein stolzer Preis. Das Rad hat einen beachtlich geringen Wertverlust hinnehmen müssen: Denn die Beschaffung der himmelblauen Antiquität kostete 250 Euro. Damals wie heute musste sich das Werbewort superleicht natürlich im Fahrzeuggewicht niederschlagen. Da ist es ja beim Fahrrad genau umgekehrt wie beim schweren Wagen: Je weniger es auf die Waage bringt, desto wertvoller. Überraschung: Beide Räder, alt wie aktuell, wiegen so ziemlich das Gleiche: zwischen 14 und 15 Kilogramm.

          Deutliche Veränderungen: 2013 kommt das Pegasus „Premio Superlite Disc“ als voll alltagstaugliches Trekkingbike mit Scheibenbremsen, LED-Beleuchtung und Federgabel daher Bilderstrecke

          Aber dieses also auch heute noch - im Alltagsleben, nicht im Sport - als Leichtgewicht respektable „Rubin“ von 1983 fasst sich schon im ersten Moment ganz anders an als 14 Kilogramm von heute. Das Rad ist nicht nur optisch durch die Stahlrohre seines Rahmens filigraner; es ist auch viel ranker: Ob man es schiebt oder draufsitzt und losfährt, es wirkt irgendwie schmaler und höher. Seltsam. Und nach fünf Metern die erste leichte Panikreaktion: Diese Bremsen tun’s ja gar nicht!

          Die Seitenzug-Felgenbremsen von Weinmann verzögern die Antiquität so mühsam, dass jemand, der nur V-Brakes kennt, es nicht glauben wird. Von den Scheibenbremsen (Tektro Auriga Pro) des „Premio Superlite“ trennen diese flachbrüstigen Bügel Welten, und das in jeder Beziehung: sowohl Dosierbarkeit wie Verzögerung bei Nässe oder Standfestigkeit. Dabei hat das „Rubin“ keineswegs die für ihren Feuchtigkeits-Transport berüchtigten Chromfelgen. Die Weißwandreifen sitzen auf glatten Alufelgen. Schön lässt sich das alte Rad beschleunigen, aber bremsen muss man vorausschauend und früh.

          Die Details sind am Premio einfach schöner ausgeführt

          Der Fahrkomfort ist längst nicht so gering wie geargwöhnt. Die fünf Gänge der Positron-Schaltung, die man heute nicht mehr so leicht repariert bekommt, weil sie einen speziellen Schaltdraht benötigt, rasten mit kräftigem Schlag und Knack ein, als ob man eine Schublade zuknallen würde. Da ist das Schalten der dreißig Gänge beim „Premio Superlite“ etwas völlig anderes: Mit schmuseweichem Klicken schiebt der lange Arm der Deore XT schnelle, weite Gangwechsel über die Ritzel. Aber auch mit nur fünf Übersetzungen und dünnen, jedoch verschraubten, nicht mehr verkeilten Kurbeln - so richtig fehlen tun einem die 25 weiteren Gänge der Gegenwart nicht.

          Etwas ganz Anderes fällt dem Liebhaber von Fahrradästhetik jedoch geradezu schmerzhaft ins Auge: Der Rahmen des von Kynast gefertigten Pegasus „Rubin“ wirkt so etwas von zusammengeschustert, dass einem graust. Die Ausfallenden sind gestanzte Teile, die ohne jede Nacharbeit in die plattgedrückten und geschlitzten Rahmenrohre praktiziert wurden. Und wie der Dynamohalter auf der Gabelscheide sitzt! Solche Details, wenn es sie überhaupt gibt, denn 2013 sitzt der Dynamo natürlich in der Vorderradnabe und versorgt eine LED-Beleuchtungsanlage mit Energie, sind am Premio einfach schöner ausgeführt. Die Kabelzüge verlaufen ordentlicher, die ganze Anmutung des aktuellen Modells hat mehr Solidität.

          Ob das „Premio Superlite Disc“ in dreißig Jahren noch so leise und geschmeidig läuft wie heute, das bleibt hier außen vor. Dass es als neues Rad mehr an (Federungs-)Komfort, an leichter Bedienbarkeit und leichtem Lauf zu bieten hat, als es das Pegasus „Rubin“ je bieten konnte, steht außer Frage. Die ZEG hat schließlich mit dem mythischen Pferd ihrer Familienmarke den weiten Weg von dreißig Jahren technischer Entwicklung zurückgelegt.

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