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Vision einer neuen Mobilität : Vier Räder für ein Halleluja

Futuristischer Hybrid: Was von außen wie ein Miniatur-Auto aussieht, gleicht innen einem Liegefahrrad. Bild: Canyon Bicycles

Canyon will die Straße nicht den Autos überlassen. Deshalb hat der Fahrradbauer ein eigensinniges Gefährt entworfen, das weder Auto noch Fahrrad ist.

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          Auch im modernsten Schuppen schwört man für den wichtigen Moment auf ein simples weißes Laken. Wenn es etwas Neues zu zeigen gibt und sich die Entwickler, die Zeit, Geld und Grips in ihren Entwurf gesteckt haben, den Augenblick der Enthüllung nicht nehmen lassen wollen. Produktdesigner Alexander Forst zieht das Tuch mit beiden Händen zurück, langsam. So, als würde er selbst schauen wollen, ob auch wirklich das richtige Gefährt auf dem Podest zum Vorschein kommt.

          Anna-Lena Niemann

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Unberechtigt wäre die Skepsis nicht. Denn wenn Canyon ein neues Modell präsentiert, kann man sich auf eines eigentlich immer verlassen: Egal, wie es obenrum aussieht, unten stehen immer zwei Räder. Und dieses Mal? Kurz noch mal durchzählen. Ja, kein Zweifel, das ist ein Vierrad. „Wir müssen die Lücke zwischen Auto und Fahrrad schließen“, sagt Forst.

          Canyon ist Spezialist, wenn es um sportliche Zweiräder geht, gefragt für seine Rennräder und Mountainbikes. Das Unternehmen rüstet Tour-de-France-Teams aus und schickte die Ironman-Sieger Jan Frodeno und Patrick Lange auf Canyon-Rädern über die Distanz. Seit Jahren gehen die Umsätze nach oben, fürs aktuelle Geschäftsjahr rechnet das Unternehmen mit einem Umsatz von 400 Millionen Euro. 170 verschiedene Modelle stehen im Sortiment. Allein im Stammwerk in Koblenz verlassen im Jahr rund 100.000 Fahrräder das Montageband. Und vielleicht bald auch dieses Gefährt, das anders ist als alles, was die Koblenzer bisher gemacht haben.

          Erst eine Woche zuvor ist die Konzeptstudie aus einem 3D-Drucker gerollt. Seifenkistengroß – in den Größen Spielzeugauto und Bobbycar stehen zudem Modelle im Büro des Entwicklungsteams – 83 Zentimeter breit und mit einem Systemgewicht von 350 Kilogramm, inklusive zukünftiger Insassen. Doch die finden hier noch keinen Platz. Der Prototyp soll Idee und Proportionen vermitteln, aber fahren kann er nicht. Nur das Dach der zweigeteilten Karosserie fährt schon horizontal nach vorne. Darüber soll der Fahrer – wenn es gut läuft, in drei Jahren – über die Fahrzeugwand einsteigen. Geschlossen böte es während der Fahrt Schutz vor Regen oder leicht geöffnet einen Luftdurchzug im Sommer. Canyons Idee eines zukunftsträchtigen Mobilitätskonzepts ist eine wettergeschützte Kapsel, die wie ein Liegefahrrad funktioniert und wie ein Miniatur-Auto aussieht.

          Skizzen für eine andere Mobilität: Produktdesigner entwerfen das Design der pedalbetriebenen Kapsel.
          Skizzen für eine andere Mobilität: Produktdesigner entwerfen das Design der pedalbetriebenen Kapsel. : Bild: Canyon Bicycles/ Stefan Simak

          „Wir wollen schon ein bisschen schocken oder provozieren mit dem Entwurf“, sagt Roman Arnold, der inzwischen auch im Showroom in Koblenz angekommen ist. Aber warum das Ganze? „Das Auto, so wie es heute ist, wird nicht das Verkehrsmittel der Zukunft sein“, meint Arnold. „Heute kann man mit Fahrradwegen Wahlen gewinnen. Es ist Zeit für ein neues Mobilitätsverhalten.“ Und für das reiche es nicht, nur auf das Fahrrad zu setzen. Selbst dann nicht, wenn eine Pandemie zum Katalysator eines Zweiradbooms geworden ist, der Herstellern landauf und landab enorme Nachfrage beschert.

          Vor sieben Jahren hat Canyon begonnen, sich neben Bergen und Serpentinen auch der Stadt zu widmen. Heute leitet Sebastian Wegerle die Abteilung „Urban & Fitness“, aus der die Konzeptstudie hervorgegangen ist. Er und sein Team haben untersucht, was Leute dazu bringen kann, das Auto häufiger stehen zu lassen. Das Argument „Planet retten“ war es nicht, sagt er. Am Ende überzeugten andere Dinge: dass Fahrradfahren Geld und in der Stadt Zeit und Platz spare, die Gesundheit fördere und nur einen Bruchteil des ökologischen Fußabdrucks eines Autos verursache. Doch das macht eines nicht wett: „Die Leute wollen vor Wetter geschützt sein. Das gehört zu den wichtigsten Themen, das müssen wir ernst nehmen.“

          Besser als die Blechlawine: Bei Stau kann es im 25 km/h-Modus auf dem Radweg weitergehen.
          Besser als die Blechlawine: Bei Stau kann es im 25 km/h-Modus auf dem Radweg weitergehen. : Bild: Canyon Bicycles

          Bis zu zwei Personen sollen hintereinander reinpassen, ein Erwachsener und ein Kind. Wenn kein Kind mitfährt, gibt es Stauraum für Einkäufe und Wasserkisten. Lenkrad oder Lenkstange gibt es nicht. Stattdessen steuert der Fahrer das Mobil über zwei seitliche Hebel. Wo sich die Fahrradbauer treu bleiben, ist der Antrieb. Denn in die Pedale muss schon noch getreten werden. Sie sind aber nicht mechanisch mit den Reifen verbunden, sondern speisen ihre Energie direkt in einen Akku im Heck, der eine Kapazität von zwei Kilowattstunden hat. Das biete immerhin eine Reichweite von 150 Kilometern, sagt Wegerle. Die Leistungszufuhr auf die Räder stellen zwei 1000-Watt-Elektromotoren bereit. Und wie viel sie zugeben, richtet sich nach dem Fahrmodus.

          Neben der Wetterfestigkeit ist es diese Idee, die im Zentrum der Konzeptstudie steht. Denn geht es nach Wegerle und seinem Team, soll es möglich sein, flexibel je nach Verkehrslage zwischen zwei Modi zu wechseln: Mit bis zu 60 km/h kann der Fahrer im normalen Stadtverkehr auf der Straße mitfahren. Wenn es sich dort staut, soll er abregeln können auf maximal 25 km/h, was die Fahrt auf dem Radweg erlaubt. Rechtlich ist das bisher nicht möglich, doch Canyon hofft auf den Gesetzgeber. Schließlich versuchten auch Automobilhersteller schon Ähnliches durchzusetzen, damit Hybridfahrer in eine für Verbrenner gesperrte Stadt fahren dürften, sobald sie in den reinen Elektromodus wechselten.

          Preislich soll das vierrädrige Liegefahrrad irgendwo zwischen Cargo-E-Bike und günstigem Kleinwagen liegen, etwa 7000 Euro peilen die Entwickler an. Um die Produktionskosten niedrig zu halten, ist der Entwurf bewusst einfach gehalten. Und Canyon ist schon im Gespräch mit einem Autobauer, der Interesse hat, das Chassis zu bauen. „Kein deutscher Autobauer jedenfalls“, betont Arnold. „Ja, ein bisschen bezeichnend ist das schon.“

          Das Projekt steht am Anfang. Trotzdem habe man früh an die Öffentlichkeit gehen wollen, um sich Feedback einzuholen. Das Schicksal des BMW C1 wolle man nicht teilen. Der Roller mit dem Dach hörte sich in der Theorie wahnsinnig praktisch, weil wettergeschützt, an. Nur kaufen wollte ihn einfach kaum jemand. Canyons Vierrad solle das nicht passieren.

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