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200 Jahre Fahrrad : Vom Gehen zum Fahren

Das Fahrrad wird in diesem Jahr 200. Karl Drais hat es erfunden, auch wenn es damals eine Laufmaschine war. Und die erste einspurige Radfahrt der Geschichte war nur eine seiner Leistungen.

          Man kennt die kleine Schreibmaschine mit der seltsamen Tastatur aus amerikanischen Kriminalfilmen: Da fordert der Richter im Gerichtssaal den Stenographen auf, die letzte Aussage vorzulesen. Und der greift sich den aus seiner Maschine gekommenen Papierstreifen und liest vor. Was haben die heute mit LCD-Schirm statt Papier ausgestatteten und in den Vereinigten Staaten nicht nur bei Gericht verbreiteten Steno-Schreibmaschinen mit dem Laufrädchen des noch nicht schulreifen Enkels zu tun? Nun, die Urform von beidem hat derselbe Mann erfunden: ein badischer Freiherr und Forstmeister ohne Forstamt, nachmalig Professor für Mechanik und Kammerherr, gegen Ende seines Lebens der von Entmündigung bedrohte Bürger Karl Drais, der seinen Adelstitel in der Badischen Revolution abgelegt hatte.

          Hans-Heinrich Pardey

          Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

          Die lange Reihe seiner Anregungen, Entwicklungen und Erfindungen liest sich geradezu abenteuerlich vielfältig: ein das Spiel aufzeichnendes Klavier, ein Holzsparofen, eine Kochmaschine mit Kochkiste, vierrädrige Fahrmaschinen, ein Periskop, eine vom Pferd geschobene, nicht gezogene Kutsche, ein einfaches Chiffrierverfahren. Und abenteuerlich war auch das Leben des Mannes, der vor zweihundert Jahren als erster Mensch zwar nicht Fahrrad fuhr, aber die einspurige Individualmobilität begründete.

          Als Karl Friedrich Christian Ludwig Freiherr Drais von Sauerbronn Ende April 1785 als Frühchen in Karlsruhe geboren wird und wegen des Zweifels, ob das Kind durchkommen werde, gleich die Taufe erhält, werden mehrere Mitglieder der markgräflichen Familie im Kirchenbuch als Paten verzeichnet. Seine gesellschaftliche Stellung und die Beziehung zum badischen Hof werden noch mehrfach im Leben von Drais eine entscheidende Rolle spielen - und keineswegs nur im positiven Sinne. Der Junge wächst zeitweise im Hunsrück auf, macht 1800 in Karlsruhe den Realschulabschluss und wird - vom Markgrafen und Paten - zum Beruf des Försters bestimmt. 1807 besteht Drais die Forstprüfung, im folgenden Jahr wird er zum Kammerjunker ernannt und muss auf seiner ersten Förster-Stelle untergeordnete Tätigkeiten ausüben. 1810 wird er Forstmeister ohne Bezirk.

          Zwei Jahre später veröffentlicht der „Großherzoglich Badische Kammer- und Jagdjunker und Forstmeister“ auf der ersten Seite des „Badischen Magazins“ an zwei aufeinander folgenden Tagen völlig Verschiedenes: Am „Freitag, den 24. Julius“ kündigt er eine Lösung für die Nullstellen eines Polynoms n-ten Grades an und beansprucht gegenüber einem anderen Autor in Potsdam dafür Priorität. Einen Tag später stellt er die Erfindung eines Klaviers vor, das die gespielte Musik in der „Tonschriftsprache“ eines Dresdener Professors aufzeichnen soll. Das „Badische Magazin“ wird in der Folge für Drais auch zur Publikationsmöglichkeit, wenn er für binomisches Rechnen im Alltag wirbt oder einen „Unmaßgeblichen Vorschlag zu einer Verbesserung der Feuerlöschanstalten“ macht.

          Erfindung der Laufmaschine in den „Hungerjahren“

          Seit 1811 bereits ist Drais bei vollen Bezügen vom Forstdienst beurlaubt und lebt in Mannheim. In dem folgenden halben Jahrzehnt der „Hungerjahre“ von 1812 bis 1817 wendet sich Drais der Fahrzeugtechnik zu. Sein Biograph Hans-Erhard Lessing  sieht einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen den Missernten, den ins Unerschwingliche gestiegenen Getreidepreisen, dem Pferdesterben infolge von Hafermangel nach dem verheerenden Vulkanausbruch des Tambora und der Erfindung der Laufmaschine, auf der Drais am 12. Juni 1817 seine erste dokumentierte Ausfahrt auf zwei Rädern aus Mannheim hinaus unternimmt.

          Vorausgegangen war diesem Loda - so die erste Benennung seiner Erfindung durch Drais selbst - der Bau von zwei Fahrmaschinen mit vier Rädern auf eigene Kosten. Nun war der Freiherr aber kein Handwerker und hatte keine Werkstatt. Er ließ seine Erfindungen bauen, die auf ein widersprüchliches Echo stießen. Die erste Fahrmaschine wurde von zwei Gutachtern 1813 abgetan. Drais hatte sich mit der Bitte um ein Monopol und eine Förderung seiner Arbeit an den badischen Hof gewandt. Nicht zuletzt die Tatsache, dass er mit Bezügen zum Erfinden freigestellt war, wird das negative Urteil beeinflusst haben, mutmaßt Drais-Biograph Lessing. Der Erfinder führt sein Fahrzeug in Karlsruhe dem Zaren Alexander I. vor, wird mit einem „C’est bien ingénieux!“ belobigt und erhält einen Brillantring vom Monarchen geschenkt, weil die zwei Vorführungen so viel Vergnügen gemacht hätten.

          Dieses Fahrzeug könnte militärische Bedeutung haben

          Den Ratschlag, sein Fahrzeug dem beim Wiener Kongress versammelten Adel Europas vorzustellen, folgt Drais mit der zweiten verbesserten Fahrmaschine. Sie hat eine gekröpfte Radachse, ähnlich wie man sie heute in Tretbooten findet. Drais reist nach Wien. Ein zeitgenössischer Bericht schildert: „Mit Blitzesschnelle kommt ein Wagen ohne Pferde und Deichsel von zwey Bedienten mit unglaublicher Leichtigkeit gelenkt dahergefahren, und durchschneidet die Reihen der staunenden Menge.“ Dass dieses Fahrzeug militärische Bedeutung haben könne, wird Drais in Wien von den Mächtigen nicht abgenommen. Die 800 Kilometer der Rückreise - die Hinfahrt war auf der Donau erfolgt - werden überwiegend mit einem Vorspannpferd zurückgelegt.

          Wie es dazu kam, dass Drais von einem Fahrzeug mit vier Rädern zu einem einspurigen mit nur zwei Rädern wechselte, darüber lässt sich nur spekulieren. Er war kein Tagebuchschreiber. Nach Wien hat er sich wohl, so lassen kryptische Hinweise schließen, unter anderem mit Militärtechnik beschäftigt. Was ihm dazu einfiel, hielt er aber unter Verschluss. Nur ganz wenige Sätze lassen den Vorgang des Umdenkens erkennen. Es mag einen Umbau der zweiten Fahrmaschine zu einer Version, die durch Abstoßen mit den Füßen bewegt wurde, gegeben haben. Vielleicht ließ Drais auch ein Dreirad bauen. Denn er äußert sich so: „Die drei- oder vierrädrigen Maschinen taugen nicht so gut zum Reisen auf den jetzt gewöhnlichen Landstraßen.“ Und anderer Stelle heißt es, dass „man mit dem nur einzigen Geleis sich immer die besten Strecken der Landstraßen aussuchen kann“. Das soll heißen: Einspurig kommt man leichter durch. Wie und wann genau der Erfinder die Beobachtung gemacht hat, dass mit der Zahl der Räder der Fahrwiderstand zunimmt, erklären diese Sätze nicht.

          Perfektion der Laufmaschine

          Umso erstaunlicher ist die Perfektion der Laufmaschine, die Drais von 1817 an vorführt. Woraufhin im „Badwochenblatt“ für die großherzogliche Stadt Baden über Loda zu lesen ist: „Die Haupt-Idee der Erfindung ist von dem Schlittschuhfahren genommen und besteht in dem einfachen Gedanken, einen Sitz auf Rädern mit den Füßen auf dem Boden fortzustoßen.“ Das ist wohl richtig, die Genialität von Drais erweist sich jedoch zum Beispiel darin, dass er auf Anhieb eine Radgröße wählt, wie sie noch heute bei Fahrrädern die gängigste ist, oder dass seine Laufmaschine ein Vorderrad mit Nachlauf besitzt. Sein hölzernes Fahrzeug ist auch nicht schwerfällig; es wiegt in etwa so viel wie heute ein Hollandrad. Drais macht nicht nur die erste Ausfahrt zur Schwetzinger Relaisstation, sondern wettet auch, dass er schneller als die Postkutsche die 52 Kilometer von Karlsruhe nach Kehl in vier Stunden fahren könne. Er gewinnt seine Wette - allerdings nur in einer Zeitungsente.

          Was nun einsetzt, würde man heute einen Hype nennen. Drais bemüht sich, seine Erfindung durch Privilegien und Patente zu schützen. Und er greift auch zu kleinen Tricks: So verdeckt das nach hinten ausgestreckte Bein des Fahrers auf den ersten Abbildungen die nicht ganz unwichtige Reibbremse. Noch ehe Drais selbst eine Beschreibung seiner Maschine publizieren kann, sind nämlich schon die Nachbauer und Verschlimmbesserer auf dem Plan, allen voran der Nürnberger Mechanikus Bauer, der den Ruhm beanspruchen darf, das erste Fahrradbuch der Welt geschrieben zu haben.

          Dann verdüstern sich seine Lebensumstände

          Auf das, was heute als der Höhepunkt des Erfinderlebens erscheint, folgen bis zu seinem Tod Ende des Jahres 1851 noch 34 Jahre, in denen Drais weitere Erfindungen macht und weitere Nackenschläge zu erdulden hat. Kaum hat der Preis für Hafer wieder nachgegeben, da hagelt es Fahrverbote für die Laufmaschinen - das Wort Fahrrad wird erst einige Jahre nach dem Tod von Drais auftauchen - in zahlreichen Städten des In- und Auslands. 1821 wird Drais zum Kammerherrn ernannt, sein Vater erkrankt an grauem Star, der Sohn baut eine Typenschreibmaschine für ihn. Im folgenden Jahr folgt bis 1827 ein Aufenthalt in Brasilien, wo Drais als Landvermesser arbeitet und vor Kaiser Pedro I. seine Schreibmaschine vorführt. Nach der Rückkehr aus Brasilien entwickelt er die Schreibmaschine zu seiner Schnellschreibmaschine weiter, mit der er - vergebens - nach London zur Präsentation reist. Er bekommt die Professoren-Pension gekürzt wegen angeblicher unerlaubter Nebentätigkeit, gewinnt vor Gericht und erringt mit einem Holzsparofen eine Medaille, wird aber um das Preisgeld betrogen.

          Noch einmal erregt er mit der Kutsche, die vom Pferd geschoben und nicht gezogen wird, weswegen die Insassen nicht im aufgewirbelten Staub sitzen müssen, international Aufsehen. Dann verdüstern sich seine Lebensumstände zusehends. Intrigen bei Hof kosten ihn den Kammerherrn-Titel, politisch motivierter Rufmord setzt ihm zu, er entgeht gerade so einem Mordanschlag, entwickelt eine Kochmaschine/Kochkiste und testet eine Schienen-Draisine. 1849 wird er - per Zeitungsanzeige - zum Bürger Drais; als die Preußen nach der Niederschlagung der Badischen Revolution das Sagen in Karlsruhe haben, soll Drais entmündigt werden. Seine Pension wird konfisziert. Als Drais 1851 stirbt, sind es nur noch wenige Jahre bis zum Beginn des Siegeszugs seiner größten Erfindung.

          Drais und mehr

          Wer mehr zu den zweihundert Jahren der Fahrrad-Geschichte erfahren möchte, der wird im Technoseum, dem Landesmuseum für Technik und Arbeit in Mannheim in der Ausstellung „2 Räder - 200 Jahre“ sowie dem gleichnamigen Katalog (Theiss Verlag) fündig. Wem der Mensch Karl Drais mit all seinen Facetten und Widersprüchen, nicht zuletzt auch seiner Tragik noch mehr Interesse abnötigt, der sei auf die umfängliche, alle Aspekte beleuchtende Biographie hingewiesen, die der Technik-Historiker Hans-Erhard Lessing unter dem Titel „Automobilität - Karl Drais und die unglaublichen Anfänge“ (527 Seiten, Maxime Verlag, Leipzig 2003) vorgelegt hat. Lessing verficht in ihr die These, dass es sich bei der Draisschen Laufmaschine um den Urahn des Automobils handele, daher auch der Titel.

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