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Fahrradgeschichte : Vom mechanischen Strecken-Messer zum digitalen Tacho

  • -Aktualisiert am

Der Alleskönner Rox 10.0 von heute neben dem ersten Cyclecoach von 1982 Bild: Hersteller

Heute hat praktisch jeder einen Digitaltacho am Fahrrad. Er wird millionenfach verkauft. Klaus-Peter Schendel hat ihn erfunden. Wir haben ihn in Neustadt an der Weinstraße besucht.

          5 Min.

          Als Klaus-Peter Schendel noch ein junger Rennradler war, hatte er (genauso wie der Verfasser) einen mechanischen Streckenmesser an der Vorderradnabe. Ein grässliches, weil ständig klickendes Dingelchen! Es war ein einfaches Zählwerk, das angetrieben wurde von einem außenliegenden sternförmigen, also nur wenige Zähne zeigenden Zahnrad. In die griff ein sich mit der Nabe drehender Mitnehmer ein, was das beständige Klicken erzeugte.

          Später kamen etwas größere Geräte, die einen Riemenantrieb hatten. Alltagsradler, die sich weder um Gewicht noch Aussehen und Größe zu scheren brauchten, hatten in diesen über vierzig Jahre zurückliegenden Zeiten einen wie eine verchromte Käseecke aussehenden VDO-Tacho am Lenker. Dessen rote Nadel und Kilometerzählwerk wurden über eine ebenfalls an der Vorderradnabe angetriebene Welle gesteuert. Gemeinsam war allen diesen mechanischen Lösungen: Man musste einen zur Radgröße passenden Tacho oder Kilometerzähler montieren. Der Mann, der unter anderem auch dies änderte, war Klaus-Peter Schendel.

          Der Mannheimer, Jahrgang 1948, hat früh den Vater verloren. Die Mutter betreibt eine kleine Spedition. Der Junge ist vielfältig sportbegeistert und alles andere als ein herausragend guter Schüler. Mit knapp vierzehn Jahren will er unbedingt ein Rennrad haben. Die 300 Mark für das weiße Peugeot-Rad - damals eine Edelmarke - verdient er sich auf dem Bau. Wo sich eines Tages herausstellt, dass er noch nicht das Mindestalter von vierzehn Jahren für eine berufliche Beschäftigung hat. Täglich und bei Wind und Wetter mit dem Fahrrad in die Schule zu radeln ist für den Jungen selbstverständlich, und abends geht es mit Kameraden von Mannheim in den Odenwald hinauf.

          „Ich wollte nicht ferngesteuert werden“

          Nach dem Abitur studiert Schendel zunächst kurz Mathematik und Physik, dann aber bald Volkswirtschaft, um nach dem Diplom zu dem internationalen Elektromulti Brown, Boveri und Cie. (BBC, heute Asea Brown Boveri, ABB) zu gehen. Dort fällt er schon als Trainee mit dem Plan auf, eine Isolierstoff-Fabrikation auszulagern, leitet diese dann einige Jahre, verkauft sie und kehrt mit 30 Jahren wieder zu BBC zurück. Bei dem zu BBC gehörenden Hersteller von Elektroinstallationstechnik Busch-Jaeger soll er internationale Erfahrungen sammeln. Busch-Jaeger baut gerade eine Fertigung in Singapur auf. Eine Karriere, die Schendel bis in die Konzernspitze führen könnte, erscheint absehbar.

          Als Schendel dann aber erlebt, wie sein Förderer im Vorstand bei Kompetenzstreitigkeiten hart gerüffelt wird, steht für ihn fest: „Ich wollte nicht ferngesteuert werden. Ich mach mich selbständig.“ Das tut er 1980. Das Kapital dafür, rund 250.000 D-Mark, hat er schon als Student begonnen zu verdienen, und zwar mit Immobilien: Er erwirbt Grundstücke bei Zwangsversteigerungen und verkauft die Objekte anschließend gewinnbringend.

          Klaus-Peter Schendel mit seinem ersten und einem heutigen Fahrradcomputer
          Klaus-Peter Schendel mit seinem ersten und einem heutigen Fahrradcomputer : Bild: Hersteller

          Der Plan für seine Selbständigkeit ist zunächst: gestützt auf seine bei Busch-Jaeger gewonnenen Erfahrungen und Kontakte Unternehmen zu beraten, die - wie damals nicht selten - vorhaben, in Deutschland zu teuer gewordene Produktionen nach Fernost zu verlagern. Außerdem hält Schendel eine Beteiligung an einem deutschen Entwicklungsbüro für Elektronik.

          Entwicklung in Deutschland, Fertigung in Singapur

          Zu diesem Entwickler kommt in jener Zeit, als es mit der Mikroelektronik gerade eben richtig losgeht, jemand und gibt eine Studie über ein Bremslicht für Fahrräder in Auftrag. Die Lösung sind vier Dauermagnete an den Speichen eines Laufrads und ein Reed-Schalter: Sinkt die Frequenz der Magnetimpulse plötzlich, weil gebremst wird und das Laufrad sich langsamer dreht, wird das Bremslicht eingeschaltet. Doch der Kunde verwertet die Entwicklung nicht. Genau das aber tut Klaus-Peter Schendel.

          Allerdings beschließt er, das Prinzip der Impulsauswertung nicht für ein Bremslicht zu verwenden, sondern für etwas, dem er den bis dahin nicht existierenden Namen „Fahrrad-Computer“ gibt. So steht es über einer überaus schlichten Strichzeichnung, die schematisch das Gemeinte zeigt: ein Gerät mit sechs runden Drucktasten und - als weitere damals hochmoderne Zutat - einer kleinen, rechteckigen Flüssigkristall-Anzeige. Auf den Knöpfen steht Uhr, Stop, Puls, km/h, km und T-km, und das LCD-Feld zeigt mit der typischen Eckigkeit einer 7-Segment-Anzeige 25 km/h.

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