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Fahrbericht Mercedes-Benz GLA : Nur nicht zu viel A sagen

Bild: Helge Jepsen

Mercedes-Benz versteht es meisterhaft, seine verschiedenen Autoklassen aufzufächern. Die einst belächelte A-Klasse ist inzwischen zum wichtigen Faktor geworden, und der GLA ist jetzt ein echtes SUV.

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          Langsam verschwindet die erste A-Klasse aus dem Straßenbild. Mercedes-Benz war mit ihr 1997 der Zeit voraus, sprach doch der kleine Minivan, der ursprünglich schon damals in einer elektrischen Variante kommen sollte, eine zu eng umgrenzte Kundenklientel an. Als dann Mercedes-Benz das Konzept wechselte und die A-Klasse ein mehr oder weniger profaner Kompaktwagen wurde, war der Aufschrei plötzlich groß, aber der Erfolg gab den Produktplanern recht. Gleichzeitig schufen sie die Möglichkeit, aus dem Grundmodell diverse Ableitungen zu entwerfen, um so den Absatz weiter zu fördern. Heute gibt es die kompakte A-Klasse außerdem als klassische Limousine, als viertüriges Coupé (CLA), dieses zudem als eine Art Kombi (CLA Shooting Brake).

          Boris Schmidt

          Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

          Und auch die B-Klasse, die von der Form her noch am ehesten den alten A-Klasse-Geist verkörpert, basiert auf der A-Plattform. Seit kurzem – zwei Jahre nach dem Start der vierten Generation – ist der neue GLA auf dem Markt, ein weiterer Abkömmling. In der dritten Generation hatte Daimler erstmals ja zum GLA gesagt, doch dieser war mehr ein Crossover, schick zwar, vor allem mit der dicken Chromspange auf der Heckklappe, aber kein echtes SUV.

          Das kann man nun vom zweiten GLA nicht mehr sagen. Er ist 17 Zentimeter höher als der einfache A und immer noch 11 Zentimeter höher als der alte GLA. Damit ist er von der Statur her eindeutig ein SUV. Mit einer Länge von 4,41 Meter bleibt er noch kompakt, das Raumangebot ist nicht weit entfernt vom GLB (F.A.Z. vom 4. August). Das Kofferraumvolumen beträgt 425 Liter, nach dem Umklappen der dreigeteilten Rücksitzlehnen sind es 1420. Vier bis fünf Personen sitzen ziemlich bequem, gegen einen Aufpreis von 418 Euro lässt sich die Rückbank um 14 Zentimeter verschieben, was Variabilität bringt, aber natürlich nicht mehr Raum schafft. Der GLA ist auch etwas breiter geworden, mit Außenspiegeln misst er nun knapp über zwei Meter. Da heißt es vorsichtig sein in engen Autobahnbaustellen.

          Eine Schau ist das neue Armaturenbrett

          Wie es sich für einen Mercedes-Benz gehört, ist im Innenraum alles aufs feinste angerichtet, nur wer genau hinschaut, findet da und dort doch tatsächlich Hartplastik. Eine Schau ist immer wieder das neue Armaturenbrett, das 2018 Einzug in die A-Klasse hielt, samt dem MBUX-Kommunikationssystem. MBUX steht für Mercedes-Benz User Experience. Das rechteckig-flache Display, das die klassischen Armaturen ersetzt und sich über mehr als das halbe Armaturenbrett erstreckt, ist in zwei Bereiche unterteilt. Hinter dem Lenkrad werden die üblichen Informationen angezeigt wie Geschwindigkeit und Drehzahl, wobei die Darstellungsform mannigfaltig variiert werden kann. Rechts, mehr in der Mitte des Vorderbaus und auch für den Beifahrer gut zu sehen, wird unter anderem die Navigationskarte dargestellt. Um alles bis in den letzten Hintergrund bedienen und nutzen zu können, ist ein umfangreiches Befassen mit der Materie nötig.

          Aber immer noch kann man sich in einen GLA einfach reinsetzen und losfahren. Das größte Problem für Novizen ist wahrscheinlich der Automatik-Wählhebel an der Lenksäule. Wir denken dabei immer an Onkel Rudolfs alten Strich-Acht-Benz, aber da mussten außerdem noch Gänge geschaltet und gekuppelt werden.

          „Sitzkühlung an“

          Heute geschieht vieles auf Zuruf: „Head-up-Display aus“, „Spiele HR3“, „Sitzkühlung an“; es ist immer wieder erstaunlich, was mit der Sprachsteuerung alles möglich ist. Navigationsziele eingeben sowieso. Fast immer klappt die Kommunikation. Weniger gefällt uns die Virtuelle Realität. Zwar ist es prinzipiell beeindruckend, dass, wer sich navigieren lässt, über die Frontkameras zum Beispiel beim Abbiegen das Straßenbild vor sich angezeigt bekommt, samt Hinweisen, wo es langgeht. Wir finden aber, das lenkt viel zu sehr ab.

          Ablenkung bringt auch die Ausstattungsliste eines Mercedes, wenn einem Kauf näher gerückt werden soll. Sie ist ellenlang, und vieles, was im Testwagen beeindruckt hat, die starke Sitzkühlung etwa, kostet Aufpreis. So wird aus einem Basispreis von 45.159 Euro ein happiger Endpreis von 68.800 Euro. Eigentlich unglaublich, aber wahr. Schon seit 30 Jahren schimpfen wir über die Aufpreispolitik. Der Kunde aber lässt es ganz offensichtlich mit sich machen.

          Bevor er sich mit den Extras beschäftigt, muss er freilich wissen, welches konkrete Modell er will. Sechs verschiedene gibt es, mit und ohne Allradantrieb, alle sind Vierzylinder, ein Plug-in-Hybrid ist im Gegensatz zum GLB auch dabei. Der Testwagen war ein 220 d 4Matic mit 2-Liter-Motor, einer Leistung von 190 PS und einem strammen Maximal-Drehmoment von 400 Newtonmetern bei nur 1600 Umdrehungen in der Minute. Damit sind die 1,7 Tonnen GLA gut bedient, die Höchstgeschwindigkeit beträgt knapp 220 km/h, bei Tacho 200 brummelt der Turbodiesel mit moderaten 3000/min vor sich hin. Die Kraft wird von einem Achtgang-Doppelkupplungsgetriebe auf alle vier Räder übertragen, im Offroad-Modus lässt sich eine feste 50/50-Kraftverteilung festlegen.

          Im Allgemeinen merkt man von der 4matic nichts, ohnehin ist es eine der großen Stärken des GLA, die an ihn gestellten Anforderungen einfach ohne viel Aufhebens zu erledigen. Das Getriebe schaltet kaum merklich, nur in der Stellung Sport ist das etwas anders, auch werden dann die Gänge höher ausgedreht. Wir sind fast immer im Modus Comfort unterwegs gewesen. Die Federung arbeitet meist ausgewogen, manchmal ist sie nach unserem Geschmack etwas zu hart. Ein Lob verdient der Umgang mit Kraftstoff. Nur 7,1 Liter Diesel auf 100 ergaben sich nach mehr als 2100 absolvierten Kilometern. Und geschont wurde der Wagen kaum. Nur einmal, während der Sparfahrt: 200 Kilometer auf flacher Autobahn mit Tacho 120. Dann braucht er nur 4,9 Liter Diesel auf 100 Kilometer, 0,2 Liter weniger als der Normverbrauch.

          Der neue GLA ist ein gutes Auto mit einem Motorenangebot für alle Bedürfnisse, schließlich gibt es noch zwei AMG-Versionen mit 306 oder gar 422 PS. Aber es ist das alte Lied: Man darf nicht zu viel A sagen, sonst galoppiert der ohnehin schon hohe Einstandspreis davon. Wenigstens erspart die reduzierte Mehrwertsteuer anderthalb Tausender.

          Unser Fazit

          STARK: Die Verarbeitung, das Angebot an Assistenten, die Sprachsteuerung, der sparsame und kraftvolle Motor, ausreichend Platz für vier bis fünf Personen.

          SCHWACH: Schon die Basis ist teuer, und viele Extras verführen zum Kauf. Der Federungskomfort könnte besser sein.

          X-MAL A: Die Einsteiger- Klasse von Mercedes fächert sich so weit auf wie keine andere. Selbst der B ist eigentlich ein A.

          Technische Daten und Preis

          Empfohlener Preis 45.159 Euro

          Preis des Testwagens 68.800 Euro

          Vierzylinder-Turbo-Dieselmotor, Hubraum 1950 Kubikzentimeter, Direkteinspritzung, Leistung 190 PS (140 kW) bei 3800/min, maximales Drehmoment 4000 Nm bei 1600/min

          Doppelkupplungsgetriebe, acht Gänge

          Allradantrieb

          Länge/Breite/Höhe 4,41/1,83/1,61 Meter, Radstand 2,73, Wendekreis 11,30 Meter

          Leergewicht 1670, zulässiges Gesamtgewicht 2190 Kilogramm, Anhängelast 2000 Kilogramm, Kofferraumvolumen 425 bis 1420 Liter

          Reifengröße 235/50 R 19

          Höchstgeschwindigkeit 220 km/h

          Von 0 auf 100 km/h in 7,5 Sekunden

          Verbrauch 4,9 bis 7,5 Liter, im Durchschnitt 7,1 Liter Diesel auf 100 Kilometer, 133 g/km CO2 bei einem Normverbrauch von 5,1 Liter nach NEFZ, Tankinhalt 51 Liter

          Komfort & Sicherheit MBUX-Kommunikationssystem, LED-Scheinwerfer, Internetzugang, Head-up-Display, adaptiver Tempomat, Spurwechsel-Assistent, Totwinkel-Assistent, Verkehrszeichenanzeige, DAB-Radio, Rückfahrkamera mit Rundumsicht, Navigation, Audioanlage mit DAB

          Die Anderen

          Audi Q3 40 TDI Ein Hauch größer, 190 PS, 43.378 Euro

          BMW X1 xDrive 20d Gewohnt sportlich, 190 PS, 43.329 Euro

          Range Rover Evoque D200 AWD Britischer Beau, 204 PS, 46.532 Euro

           

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