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Fahrtbericht VW Phaeton : Noch immer ohne Prunk und Protz

  • -Aktualisiert am

Ähnlich souverän geht der auf ein noch höheres Drehmoment hin überarbeitete V6-Diesel mit den alltäglichen Herausforderungen um Bild: Hersteller

Der VW Phaeton bietet Hightech und Luxus. Die unaufgeregte Limousine hat nur einen gravierenden Mangel: Sie findet zu wenig Käufer. Warum das so ist, versuchen wir mit einer Art Spurensuche herauszufinden. Es ist aber sowieso kein Nachteil.

          4 Min.

          Vor etwa zehn Jahren waren wir mit einem begeisterten Martin Winterkorn unterwegs. Zu nachtschlafender Stunde auf dem Fabrikgelände in Wolfsburg bewegten wir das Ergebnis eines ehrgeizigen Projekts. VW hatte die ersten Exemplare seines neuen Flaggschiffs fahrbereit, und alle waren nervös.

          Es ging um Technik und Design und Verarbeitung, und die geladenen Gäste waren nicht ohne Grund ziemlich angetan vom VW Phaeton. Heute ist VW-Chef Winterkorn, bekennender Qualitätsfanatiker, auch vom jüngst überarbeiteten Phaeton in hohem Maße entzückt. Aber gleichzeitig enttäuscht. Nämlich von der potentiellen Kundschaft, die dem Phaeton die Gefolgschaft noch immer verweigert. Warum das so ist, versuchen wir mit einer Art Spurensuche herauszufinden.

          Dabei hat sich vor allem ergeben, dass wir nach intensiver Beschäftigung mit dem Phaeton-Phänomen an unserer früheren Einschätzung festhalten: Der nun abgestaubte und aufpolierte Groß-Volkswagen ist weiterhin das am meisten unterschätzte Oberklassemobil. Seine Triebwerke sind dem Stand der Technik zum Teil voraus oder repräsentieren ihn, die Ausstattung mit Materialwahl und Verarbeitung ist vorbildlich, die Eigenschaften für die sonntägliche Kaffeefahrt oder den Einsatz in der Business Class sind gleichermaßen vorzüglich, und er kann als Geheimtipp für den Vielfahrer gelten. Aber wer fährt schon gern mit einem Geheimtipp durch die Gegend?

          Bei einem Durchschnitt von 168 km/h (!) ergibt sich ein Verbrauch von 10,28 Liter Diesel auf 100 Kilometer Bilderstrecke
          Bei einem Durchschnitt von 168 km/h (!) ergibt sich ein Verbrauch von 10,28 Liter Diesel auf 100 Kilometer :

          Ablehnende Haltung
          Für den numerischen Misserfolg am Markt gibt es natürlich Gründe, die mit dem technischen Innenleben wenig, aber viel mit der Außenwirkung zu tun haben: Niemand möchte in dieser Klasse der diskreten Macht- und Money-Demonstration im permanenten Rechtfertigungszwang leben, warum er keinen BMW fährt. Oder Mercedes-Benz oder Audi, selbst der neue XJ von Jaguar benötigte weniger Argumentationshilfe.

          Und keiner will einen Hyper-Super-Klasse-VW sein Eigen nennen, der mit ein paar Extras gut 70.000 Euro kostet, auf den ersten bösen Blick wirkt wie ein tiefergelegter Passat mit dickeren Rädern und als Gebrauchtwagen nach aller Erfahrung nur mit einem aberwitzigen Preisabschlag zu veräußern ist. Zudem muss man leider sagen, dass die ablehnende Haltung vieler möglicher Kunden auch auf dem Phaeton-Design basiert. Es ist nämlich zu gut für sie. Vielleicht ist es auch zu intelligent.

          Design
          Die konsequente Verweigerung von Prunk und Pracht und das Vertrauen auf eine stille Harmonie der Proportionen schrammte schon vor zehn Jahren an fataler Langeweile nur knapp vorbei. Dennoch ist das Phaeton-Design bestes VW-Design.

          Kühl, mit reduzierten Emotionen, sachlich und geprägt von jenem Pragmatismus, der den VW Golf von jeher auszeichnet. Aber ein Phaeton ist kein Golf. So ist wohl dieser Stil nicht die richtige Ausdrucksform für diesen großen Volkswagen. Der sollte ja auch eine Demonstration von Fähigkeiten sein, die man hinter einem VW Fox nicht vermutet. Und das ist die innere Existenzberechtigung für den Phaeton. Er hat die Marke nicht ruiniert, sondern tatsächlich vorangebracht.

          Fahrleistungen
          Wie weit es VW mit dem Phaeton gebracht hat, demonstriert die Fahrt auf der verlassenen Autobahn A7: 220 km/h werden als angenehmes Reisetempo empfunden, der große Wagen ist mit unerschütterlicher Ruhe unter dem nächtlichen Himmelszelt unterwegs, der Motor arbeitet hinter dicken Kanzleitüren, irgendwo heulen einsame Hunde den Mond an, aber das sind dann doch sanftere Windgeräusche.

          Verbrauch
          Am Ende der Fahrt wird abgerechnet: Bei einem Durchschnitt von 168 km/h (!) ergibt sich ein Verbrauch von 10,28 Liter Diesel auf 100 Kilometer. Ließen wir es langsamer angehen, kamen wir auf acht bis knapp neun Liter, da sind die 90 Liter im Tank ein beruhigender Vorrat.

          Motor
          Ähnlich souverän geht der auf ein noch höheres Drehmoment hin überarbeitete V6-Diesel mit den alltäglichen Herausforderungen um. Die Maschine startete auch bei minus 15 Grad zuverlässig und nahm unverzüglich ihre Tätigkeit auf. Wobei der Arbeitsbeginn lediglich über den Drehzahlmesser und nicht über die Hörnerven des Fahrers wahrzunehmen ist. Die Tätigkeitsgeräusche des Selbstzünders dringen eher nach außen als nach innen.

          Getriebe und Drehmoment
          Etwas zögerlich setzte sich der Phaeton bei den Beschleunigungsprüfungen in Bewegung. Zunächst sorgt die Sechsgangwandlerautomatik für einen keineswegs ruckfreien Kraftschluss. Da, auf den ersten Metern, wirkt der Phaeton sehr spontan, dann aber ist ein gewisses Phlegma nicht zu übersehen. VW hat wohl auf der Suche nach bestmöglichem Antriebskomfort der Automatik noch ein Schäufelchen Schlupf zugestanden. Und natürlich bleibt auch ein Drehmoment von 500 Newtonmeter (es wird von 1500 bis 3000/min geliefert) nicht unbeeindruckt von einem Leergewicht, das bei 2300 Kilogramm liegt.

          Fahrverhalten
          So kann es auch wegen der träge ansprechenden Servolenkung nicht ausbleiben, dass der Phaeton weniger agil wirkt, als er ist. Denn unter heftigerer Betätigung des Fahrpedals wird durchaus jenes Temperament geboten, das man in dieser Klasse erwartet.

          Aber der Fahrer passt sich rasch der Neigung des Wagens an, eher ruhig dahinzugleiten, als rasant zu glühen. Für feinen Komfort vermag die serienmäßige Luftfederung zu sorgen, sie schluckt viel, aber bügelt nicht alles weg. Ohne Kritik bleibt der aufwendige, permanente Allradantrieb, der nicht nur am Arlberg willkommen ist.

          Innenraum
          Der ein wenig altväterlich eingerichtete, aber wertvoll wirkende Innenraum bietet bei einem Radstand von 2,88 Meter reichlich Platz für fünf Passagiere. Man kann sich auch für eine Sitzanlage mit vier Plätzen entscheiden, die Lehnen der Rücksitze sind beim von uns ausprobierten Fünfsitzer starr montiert.

          Vielleicht will man bei VW in der Oberklasse den Eigner nicht mit schnöder Variabilität belästigen, der Kofferraum ist von ausreichender Weitläufigkeit und durch eine üppig geschnittene Öffnung gut zu beladen.

          Technik
          Allerdings zeigte sich hier erstmals die Tücke der im VW Phaeton großzügig verbauten Elektrik- und Elektroniksysteme. Unangenehmerweise bei dichtem Schneefall und heftigem Wind streikte vor einem Berghotel die Fernbedienung des Kofferraums, der sich erst nach intensiven Tastbemühungen manuell durch Druckkontakt im Markenzeichen öffnen ließ. Bei einer anderen Gelegenheit verweigerten die Türschlösser den Zugang, aber nur einmal.

          Dauerhaft eingerichtet hatte sich offensichtlich ein durchaus als spaßig zu interpretierender Defekt im Bordrechner. Die Anzeige für den Momentanverbrauch alarmierte bei sanfter Fahrt, verbunden mit Streicheleinheiten für das Gaspedal, mit dem Hinweis auf einen Dieselkonsum von 40 Liter, mit steigender Tendenz, jeweils hochgerechnet auf 100 Kilometer.

          War der Fahrer eher nassforsch unterwegs, mit Orgien des Beschleunigens, dann gab die sogenannte MFA dagegen Entwarnung und signalisierte unrealistische Minimalwerte. Diese kleinen Eigenheiten demonstrieren lediglich die Anfälligkeit dieser Komfortsysteme und sind bei einem Werkstattaufenthalt wohl auch ohne Schwierigkeiten zu beheben. Die viel komplizierteren Assistenzsysteme arbeiteten dagegen ohne Ausfallerscheinungen.

          Fazit
          Unsere Spurensuche hat ergeben: Der VW Phaeton bleibt ein Geheimtipp - für alle, die ihn über Jahre hinweg be- und erhalten wollen und dabei auf innere Werte setzen. Zumal Martin Winterkorn auch bei dem größten VW auf Kontinuität setzt. Denn die nächste Generation ist schon in Vorbereitung. Und ihr Design verbindet Vernunft und Emotionen. Aber auf eine radikal andere Formensprache wird man sich nicht einstellen müssen.

          Daten und Messwerte

          Empfohlener Preis 66.500 Euro
          Preis des Testwagens 72.000 Euro

          V6-Dieselmotor, Common-Rail-Einspritzung, Turbolader, vier Ventile je Zylinder, 2967 Kubikzentimeter Hubraum

          Leistung 176 kW (239 PS) bei 4000/min

          Höchstes Drehmoment 500 Nm von 1500 bis 3000/min, 90 Prozent davon ab 1200 bis 3200/min

          Automatikgetriebe mit sechs Schaltstufen

          Permanenter Allradantrieb

          Länge/Breite/Höhe 5,06/1,90/1,45 Meter

          Radstand 2,88, Wendekreis 12 Meter

          Leergewicht 2158, zulässiges Gesamtgewicht 2760, Anhängelast 2500 Kilogramm; Kofferraumvolumen 500 Liter

          Reifengröße 235/55 R 17

          Höchstgeschwindigkeit 237 km/h

          Von 0 auf 100 km/h in 8,6 s

          Verbrauch 8,2 bis 10,3, im Durchschnitt 9,7 Liter Diesel je 100 km; 224 g/km CO2 bei Normverbrauch von 8,5 Liter; Schadstoffklasse Euro 5; Tankinhalt 90 Liter

          Versicherungs-Typklassen HP 23, TK 27, VK 27

          Garantie zwei Jahre ohne Kilometerbegrenzung , zwölf Jahre gegen Durchrostung, Mobilitätsgarantie, Wartung nach Anzeige.

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