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Fahrtbericht VW Passat B7 : Otto und die Limousine

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VW Passat B7: Mit großem Kofferraum und großem (Benzin-) Motor taugt er für die weitesten Reisen Bild: AFP

Das jüngste Facelift hat dem VW Passat gutgetan. Die Limousine ist eigenständiger, aber nicht schöner geworden. Dennoch gibt es gute Gründe für das Stufenheck-Modell.

          Hier und jetzt verraten wir ein Geheimnis: Den VW Passat gibt es auch als Limousine. Das wissen offensichtlich nur wenige. Lediglich etwa zweieinhalb von zehn verkauften Passat kommen mit dem separaten, als Stufenheck ausgebildeten Kofferraum. Die anderen sind Kombis und heißen Variant. Allerdings verspricht die jüngste, ziemlich tiefgreifende Überarbeitung (internes Kürzel jetzt B7 statt B6) neue Limousinen-Qualitäten. Dass die im Herbst 2010 veranstaltete Überarbeitung ein Erfolg war, zeigt die Zulassungsstatistik.

          Der Shooting-Star in der Mittelklasse ist der VW Passat, deutlich vor der Mercedes-Benz C-Klasse oder 3er-Reihe von BMW. Weit abgeschlagen sind Opel Insignia und Ford Mondeo. Offenbar goutieren die VW-Kunden die Näherung des Passat an den luxuriös-aufwendigen Phaeton, der jetzt endlich sein Glück bei den Chinesen macht.

          VW-Aufsteiger und -Einsteiger müssen verliebt sein in Chrom und Zierrat. Davon hält der Passat reichlich bereit. Die Dekorationen am Design haben zu einer stattlichen, aber eher bieder als bravourös auftretenden Mittelklasse-Limousine geführt. Radstand, Spur und Fahrwerk blieben unverändert, die Motorkraft wird auf die Vorderräder übertragen. In der Ausstattungsversion Passat Highline TSI mit Doppelkupplungs-Getriebe (DSG) werden 37.200 Euro ausgerufen. Die identisch motorisierte Version mit Schaltgetriebe (jeweils 6 Gänge) ist 2.200 Euro billiger.

          Auch kultivierte Diesel können überholt werden

          Für den Passat-Testwagen fiel die Antriebsentscheidung gegen einen Diesel. Die knauserigen Selbstzünder kennt fast jeder, und die Devise war: Es darf auch mal Nikolaus Otto ran. Wer sich für die Limousinen-Minderheit entscheidet, sollte auch gleich ein Bekenntnis zu seiner Minoritätsrolle ablegen und zu einem Benziner greifen. Und dann nicht nach irgendeinem, sondern zum derzeit stärksten Vierzylinder-Otto, den es in der Passat-Familie gibt: der Zwei-Liter-Motor arbeitet wie alle Triebwerke im Passat mit direkter Kraftstoffeinspritzung und wird von einem Abgasturbolader mit Ladeluftkühlung unter Druck gesetzt.

          Das führt zu 155 kW (211 PS) und zu einem maximalen Drehmoment über die ungewöhnlich weite Spanne von 1.700 bis 5.200 Umdrehungen in der Minute. Das von uns gefahrene Exemplar ließ bei Fahrleistungen und Antriebskomfort, aber nicht im Verbrauch, auch kultivierte Diesel hinter sich: 240 km/h als Höchstgeschwindigkeit (mit Winterreifen) und sehr gute Beschleunigungswerte (aus dem Stand auf 100 km/h in 7,8 Sekunden) machen den Super-Passat zu einem guten Reisewagen. Nur mit bewusst milder Fahrweise kamen wir auf einem Teilabschnitt zu 7,8 Liter, maximal waren es 9,6 und im Durchschnitt über etwa 2.000 Kilometer waren es 9,4 Liter je 100 Kilometer. Der normiert erreichte Gesamtverbrauch wird mit 7,2 Liter genannt und erscheint als nicht realistisch für den Alltag.

          Für das DSG gibt es zwei Betriebszustände: Die ruhigere Arbeitsweise ist mit frühem Hochschalten, dem Klang der Harfen auf Wolke sieben und einer gewissen Trägheit des Motors verbunden. Das ist im Sportmodus ganz anders. Hier reagiert die Maschine fast schön nervös auf das Gas, dreht mit schmetterndem Trompetenton hoch und reißt die Limousine unter Last aus dem Scheitelpunkt der Kurve heraus, und der Fahrer stellt den Passat in den Wind der nächsten Geraden. Aber das muss nicht immer sein, und man gewöhnt sich rasch an die gut abgestimmte Federung bei gemütlicher Fahrt.

          Große Kompromisse für den Massengeschmack

          Dazu fügt sich der ausgezeichnete Geräuschkomfort. In der Mittelklasse gibt es nicht viele Modelle, die ähnlich leise und geschmeidig abrollen, so gut gedämmt sind gegen den Lärm des Abrollens und mit einer derart niedrigen Menge an Windgeräuschen aufwarten. Bis etwa 120 km/h können Unterhaltungen fast im Flüsterton geführt werden, und selbst bei Höchstgeschwindigkeit klingen die leisen Töne der kleinen Nachtmusik noch sanft durch den Innenraum. Dieser ist in der High-Line-Variante fein möbliert, und auch die Kunststoffe wirken wertvoller als in früheren Passat-Generationen. Allerdings mangelt es subjektiv an einer gewissen Pfiffigkeit, und es ist überall der große Kompromiss vorherrschend, den Massengeschmack zu treffen.

          Unter technischen Gesichtspunkten hat es noch nie einen raffinierteren Passat gegeben. Ihn in die Nähe des Über-VW Phaeton zu hieven führte zur Anwesenheit einer bisher nicht gekannten Menge an Assistenz- und Infosystemen, die es im Paket oder auch einzeln zu erwerben gilt. Ohne Aufpreis werden eine hohe passive Sicherheit und alle gängigen Vorsorgeeinrichtungen geliefert. Und die von den Kunden verschmähte Limousinenform bietet immerhin fast 600 Liter Stauvolumen im abgeschlossenen Kofferraum.

          Dennoch bleibt der VW Passat auch in seiner jüngsten Ausführung mit Stufenheck ein Geheimtipp. Das liegt daran, dass der VW Passat Variant die bessere Limousine ist, seinen Betrachter nicht zum Gähnreflex animiert und nur rund 1200 Euro mehr kostet. Doch der Passat mit der Stufe bietet ein bei VW seltenes Vergnügen: Man fährt ein beinahe exotisches Auto mit Seltenheitswert. Allerdings sollte man sich dafür ein paar Argumente einfallen lassen.

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