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Fahrtbericht : Vom gelungenen Kunststück, die alte Form neu zu erfinden

  • -Aktualisiert am

Freie Fahrt auf der Nordschleife: Der neue Jaguar XJ8 Bild: Wieck

Der Kompromiß zwischen Charisma und Moderne hinterläßt oft Spuren in der Glaubwürdigkeit eines Autos. Nicht so beim XJ8 - dort ist der Kompromiß eine kunstvolle Kombination.

          "Iss dat der Neue?" Der Mann in dem baufälligen XJ6, etwa Baujahr '92, beugt sich beim Stop-and-go auf der Autobahn aus seinem Fenster. "Ihre Vermutung ist korrekt, das ist der neue XJ8 3.5 V8" lautet die wohlbemessene Antwort. "Sieht man gar nicht", wird mit einer gewissen Portion Häme herübergerufen. "Hauptsache ist, wir wissen es", wird der Mann im XJ6 beschieden. Der alte, vom Pflegestau gezeichnete Jaguar hustet beim Anfahren. Unser XJ8 nimmt geschmeidig gleitend und arrogant summend seine Fahrt auf.

          In der Tat ist den Jüngern von Jaguar ein Kunststück gelungen: Der neue XJ hat Figur und Flair sowie Charakter und Charisma ohne Verlust an Glaubwürdigkeit in eine neue Form gebracht, also die wirklich besten Eigenschaften des in seiner Grundarchitektur aus dem Herbst 1968 stammenden, jetzt abgelösten XJ übersetzt und in die Moderne übertragen: vielleicht zu direkt, wie manche meinen. Dieser Vorgang und das gesamte Auto tragen noch die Handschrift von Wolfgang Reitzle, dem einstigen Chef der Ford-Luxussparte, zu der auch Jaguar gehört. Hinzugekommen eine gewaltige Portion Fortschritt und mehr High-Tech, als man erwartete.

          Eleganter Schmelz

          So ist der neue, im Vergleich zum Vorgänger in allen Dimensionen gewachsene XJ nun jene Alternative in der Oberklasse, die sich auf Abstand bedachte Menschen schon immer gewünscht hatten. Keine andere Marke hält nach wie vor in dieser Klarheit jene Eigenschaften bereit, mit denen Jaguar seine eigene Klasse definiert. Seine natürlichen Feinde sind zahlreich, sie kommen von BMW, Mercedes-Benz, von Audi und Cadillac und Lexus, ein neuer XJ muß deshalb mehr sein als verklärte Erinnerung und sentimentale Ergebenheit. Deshalb Alu überall, die Karosserie ist komplett daraus gefertigt, fast alles ist auf Leichtgewicht getrimmt. Trotzdem ist der Typ "schwerer Wagen" spürbar, vorzügliche Crash-Sicherheit, alle elektronischen Segnungen sind an Bord, von ABS bis zur dynamischen Stabilitätskontrolle, vom Bremsassistenten bis zum Entertainment vom Rücksitz aus, Luftfederung und adaptive Fahrwerksregelung und Sechsgang-Automatik von ZF: ein hochmodernes Auto mit dem Schmelz einer Zeit, in der Männer für Frauen noch den Cashmeremantel zum Darüberschreiten in die Pfütze warfen.

          Vier Motorversionen gibt es vom XJ, der XJ6 mit 3-Liter-V6 kostet 59.900 Euro, der große V8 mit 4,2 Liter Hubraum ist für 73.500 Euro zu haben, und im Schnittpunkt von Leistung und Preis liegt der von uns ausprobierte 3,5-Liter-V8. Der XJ ist damit sehr auskömmlich motorisiert und dank überaus kompletter Ausstattung im Vergleich zu deutschen Konkurrenzprodukten bis zu 6.000 Euro billiger: Ein Jaguar gewinnt seine Exklusivität nicht aus exorbitantem Preis, sondern aus der Zuneigung seiner Besitzer. Allerdings ist der XJ nicht wirklich billig, mit Navigationssystem (2.820 Euro) und Schiebedach (1.470 Euro) liegt man doch bei 70. 000 Euro. Die Frage nach dem Wiederverkaufswert eines neuen XJ wird sich nicht stellen, man verkauft ihn nicht, sondern bewahrt ihn für die nächste Generation.

          Ernstgenommen: Der Komfort

          Einem bequemeren Jaguar sind wir noch nie zuvor begegnet: Die Türen öffnen weit, ihre Höhe ist großzügig bemessen, die komfortabel gepolsterten, den Körper gut unterstützenden Sitze liegen nicht zu tief, und für den Fahrer gibt es sofort dieses unvergleichliche Herrenzimmergefühl: Hier darf sich der kultivierte Mensch zu Hause fühlen, im tadellos verarbeiteten und großzügig geschnittenen Innenraum duftet es nach Nobilität, Leder schmeichelt, alles liegt gut zur Hand, die Instrumente sind etwas klein geraten, doch klar gezeichnet, ihre Beleuchtung bei Dunkelheit ist ohne Fehl. Im neuen XJ findet man sich fast auf Anhieb zurecht, die Bedienung gibt keine Rätsel auf, beinahe herrscht klassische Frugalität, aber nur beinahe. Denn Luxus ist natürlich vorhanden, er ist nur nicht aufdringlich, die vorzüglich wirkende Klimatisierung verläuft automatisch, wie denn sonst, fragt der Jaguar-Fahrer. Daß die Briten sich auch um Details kümmern, zeigt die elektrisch verstellbare Pedalerie: Der Fahrer fühlt sich ernstgenommen. In der zweiten Reihe ist reichlich Raum für Knie und Kopf, auf die Nutzung des Mittelplatzes sollte man verzichten, die äußeren Sitze sind prima, der Platz in der Mitte ist das Gegenteil. Der Kofferraum fällt knapp aus, die Rückbank ist nicht variabel, ein Manko, auch in einem Nobelauto.

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