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Fahrtbericht Seat Altea : Minivan oder Sportkombi mit einer Ladung Emotion

Das Seat-Modell Altea Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Seats neuestes Modell, der sportliche Minivan Altea, paßt in keine oder in viele Kategorien. Auch mit dem kleinen Motor ist man meistens gut unterwegs.

          4 Min.

          Beinahe täglich entdeckt die Automobilindustrie neue Fahrzeugkonzepte. Eines davon ist der sportliche Minivan. Während der Mitsubishi Grandis (F.A.Z. vom 9. November) in der Liga der großen Minivans antritt, versucht sich der Seat Altea bei den kompakteren Fahrzeugen zu etablieren, tritt also gegen VW Touran, Opel Zafira und Renault Scénic an. Wobei gleich die Frage zu stellen ist, ob er das überhaupt vermag: Denn weder gibt es für den Altea eine dritte Sitzbank, noch kann er in Sachen Laderaumkapazität mit den Platzhirschen mithalten. Eine Entscheidung zugunsten des neuen Seat muß also mit einem gehörigen Schuß "Emoción" verbunden sein, und offenbar nimmt der Kunde das Konzept an: Weit mehr als 20.000 Altea sind in Europa seit Juni verkauft worden, der Absatz liegt auch in Deutschland über den Erwartungen.

          Boris Schmidt

          Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

          Dieser Erfolg kommt nicht von ungefähr. Schon länger haben wir kein Auto gefahren, von dem wir bei der ersten Sitzprobe so positiv überrascht waren. Die Vordersitze sind klasse, sie bewährten sich auch auf langen Strecken. Die Armaturenbrettlandschaft ist gekonnt gezeichnet und gestaltet. Obwohl selbstverständlich nur Kunststoff verbaut wurde, sieht alles schnieke und propper aus. Drei Rundinstrumente liegen optimal im Blickfeld, sämtliche Bedienfunktionen erschließen sich beinahe von selbst. Allenfalls für den Warnblinkschalter (unten beim Schalthebel) hätte man einen besseren Platz finden können. Der Navigations-Monitor (Aufpreis 2500 Euro) macht was her, er prangt genau in der Mitte des Instrumententrägers. Das System selbst ist sehr einfach zu handhaben. Gleiches gilt für Heizung und Lüftung, deren Bedienfelder über dem Monitor angebracht sind. Eine automatische Klimaanlage, die sich getrennt für Fahrer und Beifahrer einstellen läßt, gehört bei "Stylance" zum Ausstattungsumfang.

          Viele Extras

          92 Prozent aller deutschen Seat-Kunden bestellen das dick geschnürte "Stylance"-Ausstattungspaket. Wer "Reference" wählt, weil er 2580 Euro sparen will, verzichtet vor allem auf Alufelgen, die Klimaanlage, ein Audiosystem und eine Geschwindigkeitsregelanlage. Das läßt schon ahnen, wie gut die Basisausstattung des Altea ist. Elektrische Helferlein für Außenspiegel und Fenster, Zentralverriegelung mit Fernbedienung, ESP, ABS und sechs Airbags gehören wie Isofix-Kindersitzbefestigungen an der Rückbank und vieles mehr zum Standard. Stylance läßt sich unter anderem zusätzlich mit Ledergestühl (1320 Euro), Sitzheizung (190 Euro), Schiebedach (490 Euro) und einer Parkdistanzkontrolle (nur hinten, 250 Euro) aufwerten. Metallic-Lack kostet 385 Euro, das "Emoción-Rot" unseres Wagens gab es für 150 zusätzliche Euro. Ägerlich: Manche Sonderausstattungen (Navi-System) lassen sich nicht für "Reference" bestellen.

          Gelobt werden muß der Altea auch für seine zahlreichen sinnvollen Ablagen wie das Sonnenbrillenfach links oben am Dachholm, die Schubladen unter den Vordersitzen oder das Fach, das in die Gepäckraumabdeckung integriert ist. Warum ist da nur vorher niemand drauf gekommen? Ein Novum sind auch die gegenläufigen Scheibenwischer, die ihre Ruheposition an den A-Säulen haben.

          Schöne Verkaufszahlen

          So schick der Altea mit seinen "Luchsaugen" (Seat) und der gedrungenen Form auch wirkt, der sportlich knappe Schnitt hat seine Nachteile. Das gilt zwar nicht auf der Rückbank, denn hier sitzen zwei bis drei Personen sehr kommod und haben ausreichend Beinfreiheit, aber bei der Ladekapazität müssen deutliche Abstriche gemacht werden. Nur 409 Liter faßt der Kofferraum, wenn man den doppelten Boden (18 Zentimeter tief) herausnimmt. Bei einer Außenlänge von 4,23 Meter ist das wenig, der Opel Zafira (4,31 Meter) bietet knapp 600 Liter, der VW Touran (4,39 Meter) gar 695. Der Renault Scénic (4,26 Meter) ist in dieser Hinsicht auf dem Nivau des Altea (430 Liter), schlägt ihn aber bei umgelegter Rückbank deutlich (1840 zu 1320 Liter). Zafira und Touran kommen an die 2000 Liter heran. Nach Umlegen der Rückbank kann der Altea immerhin eine Laderaumlänge von 1,61 Meter bieten, die Lehne ist dreifach geteilt, das Durchladen von langen Gegenständen somit machbar, auch wenn hinten zwei Personen sitzen. Dennoch, wer maximale Ladekapazität in kompakter Karosserie sucht, ist beim Altea im falschen Auto.

          Daß Laderaum nicht alles ist, zeigen alleine schon die Verkaufszahlen dieses Seat. Es gibt wohl eine Klientel, die goutiert, mit dem Altea den anderen Van zu fahren - oder ist der Altea ein Sportkombi? Die von Seat so beschworene Sportlichkeit nebst "Emoción" ist kein leeres Versprechen, das zeigt sich bei flotter Landstraßenfahrt. Man hat niemals das Gefühl, in einem behäbigen Van zu sitzen. Der frontgetriebene Altea fährt sich sehr agil, kennt auch in schnellen Kurven kaum Seitenneigung und ist zudem gut gefedert. Biegungen werden nonchalant genommen, das ESP muß kaum eingreifen. Die VW-Golf-Plattform, die unter der Seat-Hülle ist, leistet da ganze Arbeit. Auf ganz schlechten Strecken knorzte es allerdings in unserem Fahrzeug quasi überall. Wiederum positiv fällt die elektromechanische Lenkung auf, mit der sich der Wagen einwandfrei und äußerst genau dirigieren läßt. Beinahe noch mehr Spaß als die Lenkung macht die knackige Schaltung, die mit kurzen Wegen und Präzision eine Automatik vergessen läßt (wird für den 1,6-Liter-Motor nicht angeboten). Auch an den sehr standhaften Bremsen gibt es nichts auszusetzen.

          Besonders leiser Motor

          Und der Motor? Zu haben ist der Altea entweder mit 1,6- oder 2,0-Liter-Ottotriebwerk oder als TDI (1,9 oder 2,0 Liter Hubraum). Alle Triebwerke stammen aus den VW-Regalen, der kleine 1,6-Liter-Basis-Motor ist so etwas wie der Alleskönner des VW-Konzerns und findet dort zu Recht mannigfaltig Verwendung, selbst im großen VW Passat. Es werden immerhin 102 PS geboten, die aus dem Altea zwar keinen Sportwagen machen (der 2,0-Liter-Ottomotor hat 150 PS), aber flottes Vorankommen sicherstellen. Trotz des gringen Hubraums ist der Motor ziemlich elastisch und dabei recht leise, kritisieren kann man allenfalls den stark zunehmenden Appetit, wenn man das Letzte aus dem Triebwerk herausholt. Wer über weite Strecken auf der Autobahn Tacho 170 und mehr fährt, was in Anbetracht des sturen Geradeauslaufs und des tadellosen Fahrwerks ohne weiteres entspannt möglich ist, darf sich nicht wundern, wenn er auf 100 Kilometer fast 12 Liter Superbenzin verbrennt. Die tatsächliche Höchstgeschwindigkeit beträgt 180 km/h, die Kurbelwelle muß sich dafür 6000mal in der Minute drehen, da kommt der Durst nicht von ungefähr.

          Wundern kann man sich aber über den leisen Lauf des Motors, selbst bei diesen Drehzahlen. Fährt man gemäßigter, also etwa Tacho 140 (bei auch schon 4500/min), sinkt der Kraftstoffbedarf auf weniger als 10 Liter für 100 km. Im Schnitt waren es bei mehr als 2200 gefahrenen Kilometern 9,7 Liter, Seat gibt für den Stadtverkehr 10,5 Liter an. Das ist nicht wenig, liegt aber daran, daß der relativ kleine Motor doch vergleichsweise viel zu schleppen hat. Der 2,0-Liter-Motor (Mehrpreis 2300 Euro) dürfte kaum mehr verbrauchen. Mit ihm oder mit den drehmomentstarken Turbodieseln wird Seats Versprechen, einen Sportvan zu bieten, sicher noch mehr erfüllt als mit dem kleinen 1,6-Liter-Triebwerk. Dem allgemeinen Trend entsprechend, entscheiden sich auch beim Altea mehr als die Hälfte der Käufer für einen Diesel. Schon der kleine ist 1900 Euro teurer als der 1,6er-Otto. Vorbildlich: Alle Motoren erfüllen Euro 4. Doch von der Entscheidung für die Antriebsquelle abgesehen, der VW-Tochter Seat ist mit dem Altea ein beachtenswerter Wurf gelungen.

          Daten und Meßwerte

          Empfohlener Preis 19 700 Euro Preis des Testwagens 22 910 Euro

          Otto-Vierzylindermotor, zwei Ventile je Zylinder, 1595 Kubikzentimeter Hubraum

          Leistung 75 kW (102 PS) bei 5600/min

          Höchstes Drehmoment 148 Nm bei 3800/min, mindestens 90 Prozent davon ab 2100 bis 5400/min

          Erfüllt Euro 4

          Manuelles Fünfganggetriebe

          Antrieb auf die Vorderräder

          Länge/Breite/Höhe 4,28/1,77/1,57 Meter

          Radstand 2,58, Wendekreis 10,9 Meter

          Leergewicht 1320 (tatsächlich 1350), zulässiges Gesamtgewicht 1920, Anhängelast 1200 Kilogramm; Kofferraumvolumen 228/1046 Liter

          Reifengröße 195/60 R 15 88 H

          Höchstgeschwindigkeit 180 km/h

          Von 0 auf 100 km/h in 12,8 s, von 50 auf 100 km/h im 4./5. Gang in 12,9/18,7 s

          Verbrauch 9,1 bis 11,8, im Durchschnitt 9,7 Liter Super je 100 km, Tankinhalt 55 Liter

          Versicherungs-Typkl. HP 14, TK 17, VK 14

          Kosten je km (bei 20 000 km/Jahr) 0,31 Euro

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