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Fahrtbericht Porsche Cayman S : Die neue Liebe zum Kuckuck im Nest

  • -Aktualisiert am

Vor allem ein Porsche: Der neue Cayman S Bild:

Ein runder Sportwagen für alle Tage mit einem Heck aus Pfeffer und starkem Motor.

          4 Min.

          Der Kuckuck hat einen schlechten Ruf. Als Brutschmarotzer wächst der Cuculus canorus auf, und die fremden Eltern müssen ganz schön ran, um ihn zu füttern. Vorher aber schmeißt der rabiate Vogel im fremden Nest die anderen Eier raus. Der Volksmund nutzt dieses Verhalten: Wer in den Besitz eines Kuckuckseis gerät, der handelt sich einen hausgemachten Nachteil ein. Ob der Cayman ein solches ist und ob er für Porsche nicht zum Nach-, sondern zum Vorteil gerät, das wird sich zeigen. Wir glauben an letzteres.

          Die Herkunft des Cayman ist nicht zu leugnen. Sein Design ist vorne Boxster und hinten Zukunft. Fast stehen da zwei Autos: Der Bug ist rund wie beim Roadster, und das Heck ist berückend. Sein Gleiten beginnt im Dach und in der seitlichen Fensterpartie und in den Flanken, und es scheint kein Ende zu nehmen, und dann kneifen rechtzeitig die Kotflügel ihre Backen zusammen, und dazwischen da zischen präzise Falten und Fugen, und das Radhaus, das wölbt sich wie ein Bizeps auf dem Oberarm von Wendelin Wiedeking nach seinem Eintritt in den VW-Aufsichtsrat. Der Cayman setzt seine eigenen Duftmarken, sowohl dem Boxster als auch dem 911 gegenüber. Dieser wirkt plötzlich soignierter, ernsthafter, einen Hauch älter auch, noch nicht alt, aber doch eher mit grauen Schläfen als mit gegeltem Wuschelkopf.

          Nicht zufrieden kann man mit der Rundumsicht sein im Cayman. Nach schräg vorne liegen in Kurven die kräftige A-Säule und der massige Rückspiegel sperrig im Blickfeld. Dort halten sich auch die Kopfstütze des rechten Sitzes und nach hinten die breiten Dachteile rund um das Heckfenster auf. In dessen Feld wächst dann noch der automatisch ausfahrende Spoiler hinein, der Fahrer hat dann kein Brett vor dem Kopf, aber einen Balken im Rückspiegel.

          Agilität bis in die Zehenspitzen: Der Cayman S mit 295 PS auf dem Weg zur neuen Liebe.
          Agilität bis in die Zehenspitzen: Der Cayman S mit 295 PS auf dem Weg zur neuen Liebe. :

          Der Cayman ist trotz seiner engen Verwandtschaft natürlich mehr als eine geschlossene Version des Boxsters. Man hat diesen schließlich nicht einfach zugeschweißt. Das Ergebnis jedenfalls kann sich sehen und fühlen lassen: Wir hatten kurz zuvor den renovierten Boxster S gefahren (gibt zusammen mit Nissan 350 Z und Chrysler Crossfire eine nette Frühjahrsgeschichte), und im Reich der Roadster ist der offene Porsche eine steife Erscheinung. Doch der geschlossene Cayman ist naturgemäß noch viel resistenter gegenüber Verwindungen. Das zeigt sich in der Absenz jeglicher Karosseriegeräusche und in der Anwesenheit jener Agilität, die wir uns seit je bei jedem Porsche wünschen: Die nur noch auf extrem schlechtem Untergrund leicht stoßende Lenkung arbeitet präzise, informiert gut über die Bedingungen des Fahrens und ist der Hauptverantwortliche für das Aufkommen dieses puren, typischen Porsche-Gefühls. Direkt und ohne Verluste werden die lenkenden Fahrer-Intentionen umgesetzt, das gilt auch für Kuppeln, Bremsen, Gasgeben und Schalten (das Eilen durch die sechs Gänge geht flott, aber nicht mit ultimativer Präzision), die Verbindung zur Mechanik funktioniert wie auf Millimeterpapier, im Raster eines Räderwerks, das auch unter der Dominanz der Elektronik nichts von seiner Faszination verloren hat. Das ist die eigentliche Stärke und der innerste Kern des Charakters von Porsche, das Gefühl, mehr oder weniger direkt mit der Hand in den Lauf der Zahnräder einzugreifen, nicht zuviel den Servosystemen zu überlassen, mehr auf menschliche Intelligenz und weniger auf elektronische Assistenz zu setzen. Diese hat der Cayman natürlich an Bord, aber er protzt nicht mit ihr.

          So serviert der jüngste Porsche die ältesten Eigenschaften der Marke schon nach kurzer Zeit: Der Federungskomfort ist ausreichend, aber es gibt auf schlechten Straßen noch genügend Hubbewegungen, um die Herkunft dieses Autos mit verbundenen Augen und verstöpselten Ohren zu erkennen. Die (einst nicht unproblematische) Mittelmotor-Position läßt wunderbar zehenspitzenagiles Fahrverhalten entstehen, Kurvenverhalten und Geradeauslauf (relativ langer Radstand) sind frei von Tücken. Natürlich nur in den Grenzen der Fahrphysik, der vernünftige Fahrer wird sie nicht mutwillig überschreiten, das Porsche-Fahrsicherheitssystem schreitet recht spät ein, man kann die Wirkungen der Dynamik noch spüren. So kommuniziert nur ein Porsche mit seinem Fahrer.

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