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Fahrtbericht Porsche Cayenne : Der sanfte Wechsel auf die Zukunft

  • -Aktualisiert am

Das ist nach der Papierform richtig, aber die gesamte Kurve zur Entwicklung des Drehmoments über der Motordrehzahl sorgt für eine bessere Information: 500 Newtonmeter - etwas mehr als 90 Prozent des Maximums - gibt es im Cayenne Diesel schon bei etwa 1500/min, und diese Kraft hält sich bis 3200/min. Zum Vergleich: Der 4,4 Liter große V8 im Cayenne GTS bietet ebenfalls 500 Nm, aber als Maximum und erst von 3500/min an.

Kaum Schub jenseits der 180 km/h

Der Diesel hält in der Praxis meist, was seine Daten versprechen: Der Cayenne D schiebt jederzeit an, geht gut aus dem Startblock, hat dann einen winzigen Herzschlag-Durchhänger und stürmt einfach dorthin, wo sich Zeiten und Räume in einem Kontinuum der Faszination zu treffen vermögen: Der D-Porsche bietet gute - aber nicht ausgezeichnete - Fahrleistungen, eignet sich ob der Laufruhe, der zurückhaltenden Geräuschentwicklung und der Kultiviertheit seines Motors für die ganz langen Strecken und offenbart unterwegs nur eine einzige motorische Schwäche, die wir mit unserem radikalen Subjektivismus notiert haben.

Jenseits von 180 km/h nimmt der hochgewachsene Porsche nur zögernd Fahrt auf, das Prestige seiner V8-Turbo-Brüder kann der äußerlich fast identische Selbstzünder-Cayenne auf der höflich freigegebenen Überholspur nicht nutzen, dem Fahrer ist das fast schon peinlich. Vorzüglich temperiert geht die serienmäßig anwesende Tiptronic S ans Werk, händisches Eingreifen ist selten nötig und bringt nur höhere Motortouren, aber selten kräftigeren Schub.

Die ideale Antriebsquelle

Erlebnisse der besonderen Art halten die - seltenen - Besuche bei Zapfstellen bereit. Das liegt am Tankvolumen (ein Hektoliter) und am Cayenne-Verbrauch. Und hier schüttelt er die Bürde der Benzinbrüder ab: Wir haben einen Durchschnittsverbrauch von 11,8 Liter Diesel erzielt, mussten bei zügiger Fahrt mit 12,8 Liter rechnen und durften uns unter Verleugnung jeglicher Temperamentsausbrüche über asketische 8,8 Liter auf 100 Kilometer freuen.

Man wird im Alltag den Cayenne Diesel mit rund 11 Liter bewegen können: Diese Werte muss man noch vor dem Hintergrund eines Cayenne-Leergewichts von 2,4 Tonnen sehen. Kein anderes Motorkonzept (inklusive Benzin-Hybrid) wartet mit einem ähnlichen Knauserverhalten auf. Für den Porsche Cayenne ist dieser Diesel die derzeit ideale Antriebsquelle.

Imagination des Grauens

Wobei der Diesel nicht nur auf die Brieftasche besänftigende Wirkung hat. Man fährt ihn eher gleitend als hetzend, man blickt voraus und nutzt eher den Schwung im großen als die Beschleunigung im kleinen Gang. So ist dieser Porsche der zurzeit beste Porsche für die ganz langen Strecken, mit der fast 3000 Euro kostenden variablen Luftfederung gibt es ausreichende Komfort- oder fordernde Fahrwerksqualitäten. Sicheres Fahr- und stabiles Bremsverhalten werden geliefert, die Lenkung arbeitet direkt, und das Tiptronic-Getriebe schaltet besser als die meisten Fahrer.

Dennoch bleiben Wünsche: Die Fuß-Feststellbremse erscheint mit dem krachenden Geräusch beim Lösen antiquiert, da gibt es modernere Systeme; das Reserverad durch die „elektrische Luftpumpe“ zu ersetzen, sorgt für Unwohlsein beim Fahrer; den großen Tank bis unter die Halskrause mit schäumendem Diesel zu füllen, ist eine Geduldsprobe; die Einstufung nach Euro 4 ist überholt, Euro 5 wird schon erwartet; zum Umklappen der Rücksitze muss man umständlich die Kopfstützen demontieren, und die Ladefläche steigt nach vorn an. Dass die füllige Karosse nicht so viel Platz bietet, wie sie verspricht, zudem unübersichtlich ist, weiß man vor dem Einsteigen, und danach sieht man, dass Verarbeitung und Materialwahl im Innenraum gut sind. Aber nicht vorzüglich.

Der Cayenne Diesel ist ein Vorgriff. Denn Motorleistung und Kurvenhatz allein werden künftige Generationen weniger locken. So ist der D-Cayenne auch ein Wechsel auf die Zukunft, aber es geht mit ihm keine Porsche-Welt unter: Die gerät erst in Gefahr, wenn es im Heck des 911 dieselt. Eine Imagination des Grauens.

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