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Fahrtbericht Opel Zafira : Bochum, ich komm aus dir

Bild: Hersteller

Bei allem Ballyhoo um Opel geraten die Autos etwas aus dem Blickfeld. Das ist schade, denn sie sind so gut wie nie - auch im Vergleich zur Konkurrenz. Mit dem neuen Zafira erreicht Opel ein bisher nicht gekanntes Niveau.

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          Der Zafira legt in allen Kategorien zu. Die dritte Generation des Minivans, seit Anfang des Jahres im Handel, ist mit einer Länge von 4,66 Meter fast schon der einstigen Dimension „Kompakt“ entwachsen. Fahrer-Assistenzsysteme sind jetzt zu haben, die sonst nur in der Oberklasse zu finden sind, außerdem ist die Verarbeitungsqualität spürbar gestiegen - vor allem im Vergleich zum Vorgänger.

          Boris Schmidt
          Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

          Und letztlich besticht das Angebot durch eine Vielzahl von Motoren, sieben sind es, jeweils drei Diesel und Benziner, dazu kommt eine Erdgas-Maschine. Vier der Motoren lassen sich für 355 Euro Aufpreis zu besonders sparsamen Ecoflex-Modellen mit Start-Stopp machen. Das Basismodell mit 1,8-Liter-Otto (85 kW/115 PS) lockt mit günstigen 22.950 Euro, wobei Sparfüchse auch auf den alten Zafira zugreifen können, der ohne den Beinamen Tourer als „Family“ im Programm bleibt und den gleichen Grundpreis hat - bei besserer Ausstattung (mit 1,6-Liter-Otto als Ecoflex und mit ebenfalls 85 kW).

          Versionen

          Leider hat Opel beim Tourer mit der Tradition gebrochen, die Sitze 6 und 7 jeder Variante mitzugeben. Sie sind nur noch in den teureren Ausstattungslinien „Sport“ und „Innovation“ serienmäßig enthalten, nicht aber in „Selection“ und „Edition“, wo sie 700 Euro extra kosten.

          Kofferraum

          Einen Vorteil hat das Fehlen der Fauteuils: Das Kofferraumvolumen ist größer; das rechnerische Volumen beträgt 710 Liter, unter dem Boden sind noch Staufächer, und wenn man die Fondsitze (jetzt drei einzelne statt einer sperrigen Bank) umklappt, entsteht eine ebene Ladefläche, das Volumen erreicht mit mehr als 1800 Liter Transporter-Niveau.

          Und nur bei Opel gibt es den genialen Fahrradträger „FlexFix“ zum Ausziehen, der sich bei Nichtgebrauch unter dem Heck versteckt. Er kostet 790 Euro und kann sogar vier Fahrräder schleppen, wenn weitere 237 Euro investiert werden.

          Sitze

          Der Zafira ist und bleibt ein Multitalent, was er jetzt mit dem neuen Lounge-Konzept für die zweite Reihe unterstreicht. Die beiden äußeren Sitze lassen sich zehn Zentimeter nach hinten und etwas zur Seite schieben, wenn zuvor aus dem Mittelsitz eine üppige Armlehne gefaltet wurde (Option für 295 Euro).

          So sitzt der Nachwuchs noch besser als zuvor und lümmelt sich mit übereinandergeschlagenen Beinen. Das Sitzen in der Lounge ist komfortabel, leider sieht die „Armlehne“ etwas ungeschlacht aus. Ein kleiner Nachteil ist zudem, dass bei der fünfsitzigen Konfiguration zwischen Sitzen und Laderaum ein Spalt entsteht, in dem kleinere Gegenstände verschwinden können.

          Innenraum

          Doch das ist Erbsenzählerei. Der Innenraum hat im Vergleich zum Vorgänger deutlich gewonnen, ist wohnlicher, sage und schreibe 27 Ablagen oder Fächer warten auf Krimskrams. Im Armaturenbrett gibt es wieder eine Anzeige für die Wassertemperatur, die elektrische Handbremse ist indes nur noch ein Knopf und kein Hebel mehr. Zwischen den beiden bequemen Vordersitzen (schon wieder Aufpreis, 690 Euro für die Modelle der „Aktion Gesunder Rücken“) lässt sich die Ablage-Box, die gleichzeitig als Armlehne dient, auf zwei Schienen hin und her schieben.

          Opel Zafira Tourer 2.0 CDTI Edition Bilderstrecke
          Opel Zafira Tourer 2.0 CDTI Edition :

          Als störend empfinden wir die mit Schaltern und Knöpfen überfrachtete Mittelkonsole, sie macht den Blick in die Bedienungsanleitung vor der ersten Fahrt zwingend notwendig. Zu loben sind die gute Rundumsicht und die mustergültig arbeitenden, gegenläufigen Scheibenwischer, die kaum einen Bereich der riesigen Frontscheibe ungeputzt lassen. Ein Regensensor ist mit dabei.

          Motor

          Doch nicht nur die statischen Qualitäten des Zafira überzeugen, der Minivan fährt sich auch gut. Ausgerüstet mit dem vielleicht etwas poltrigen 130-PS-Diesel (üppige 300 Newtonmeter maximales Drehmoment), zieht der Opel munter durch den Verkehr und schwingt sich auf der Autobahn auf fast 200 km/h hoch.

          Getriebe

          Das Sechsganggetriebe mag etwas lang übersetzt sein, es sorgt aber für niedrige Drehzahlen, so liegen bei Tacho 140 km/h nur 2400 Umdrehungen in der Minute an. Die gemessene Höchstgeschwindigkeit von 193 km/h ist sowohl im 5. als auch im 6. Gang zu erreichen. Im 5.Gang liegen dann 4200/min an, im obersten nur 3450/min.

          Federung

          Angenehm ist der Federungskomfort, wobei anzumerken ist, dass der Testwagen mit dem „FlexRide“-Fahrwerk ausgerüstet war (980 Euro), das die Dämpfer elektronisch regelt und drei Fahrmodi bietet (Standard, Tour und Sport). In „Sport“ spricht der Motor etwas spontaner aufs Gas an, die Federn sind härter, und die Jugend liebt die dann in rotes Licht getauchten Instrumente.

          Ausstattung

          Ohnehin hatte Opel in den Testwagen fast alles gepackt, was die üppige Aufpreisliste (allein 15 verschiedene Räder-Designs) hergibt. An Bord waren unter anderem Lane Departure Control, Rückfahrkamera, Verkehrszeichen-Erkennung, adaptiver Tempomat mit automatischer Gefahrenbremsung, Toter-Winkel-Warner, adaptives Bi-Xenon-Licht und ein Navigationsystem.

          Leider schnürt Opel die Systeme zu nicht immer sinnvollen Paketen zusammen. Ob diese Zusatzausstattungen notwendig sind, muss jeder für sich entscheiden. Wir lieben den mitarbeitenden Tempomaten und ärgern uns (nicht nur in diesem Wagen) über den Toter-Winkel-Onkel, der oft warnt, obwohl es gar nichts zu warnen gibt.

          Fahrverhalten

          Gut, dass man die Systeme abschalten kann. Das gilt nicht für das ESP (und erst recht nicht für ABS), das etwas rüde eingreift, wenn man es vor einer Kurve mit dem Tempo übertreibt. Sonst aber gibt sich der frontgetriebene Zafira auch in dieser Hinsicht keine Blöße, die Lenkung mag etwas gefühllos sein, sonst ist alles prima, auch die Bremsen arbeiten gut und ermüdungsfrei.

          Verbrauch

          Unserer Einschätzung nach ist der neue Zafira ein gutes Auto, das aber manchem Altkunden einfach zu groß sein mag. 4,66 Meter sind weit entfernt von den 4,40 Meter, mit denen der Zafira 1998 startete. Und schwer ist der neue auch, fast 1,7 Tonnen wiegt er mit dem dicken Diesel unter der Haube.

          Dass er nicht besonders sparsam sein kann, liegt nahe, doch 7,4 Liter Diesel auf 100 Kilometer im Durchschnitt sind so schlecht nicht, zumal wir stets eher forsch unterwegs waren. Wer etwas mehr Zurückhaltung an den Tag legt, kommt mit 6,6 Liter 100 Kilometer weit.

          Fazit

          So gut der neue Zafira auch ist, über allem schwebt in diesen Wochen die große Frage: „Opel, was wird aus Dir?“ Der Zafira, der aus Bochum kommt, wird vielleicht bald Rüsselsheimer. Er könnte dort den Astra ersetzen, der nicht mehr „deutsch“ sein wird. Zwar regt sich niemand darüber auf, dass der VW Polo nur in Pamplona gebaut wird, aber das Schließen von Bochum hätte Signalwirkung.

          Der Kunde hat zurzeit wenig Vertrauen in die Produkte von Opel. Das kann nicht an solchen Autos liegen, sondern an einem diesseits und jenseits des Atlantiks angesiedelten Management, dem ziemlich viel danebengeht. Einen Pulsschlag aus Stahl könnten die Bochumer Opelaner bestens gebrauchen. Wir hätten nichts dagegen, käme dieser gelungene Minivan auch 2016 aus Bochum.

          Nächste Woche: Hyundai i30 blue 1.6 CRDi

          Daten und Messwerte

          Empfohlener Preis 27.350 Euro
          Preis des Testwagens 37.190 Euro

          Vierzylinder-Dieselmotor mit Abgasturbolader und Ladeluftkühlung, Common-Rail-Einspritzung, 1998 Kubikzentimeter Hubraum

          Leistung 96 kW (130 PS) bei 4000/min

          Höchstes Drehmoment 300 Nm bei 1750/min, 90 Prozent davon zwischen xx00 und xx0/min

          Manuelles Sechsganggetriebe

          Antrieb auf die Vorderräder

          Länge/Breite/Höhe 4,66/1,92/1,69 Meter

          Radstand 2,76, Wendekreis 11,4 Meter

          Leergewicht 1650, zulässiges Gesamtgewicht 2425, Anhängelast 1500 Kilogramm, Kofferraumvolumen 710 bis 1860 Liter

          Reifengröße 225/50 R 17

          Höchstgeschwindigkeit 193 km/h

          Von 0 auf 100 km/h in 11,5 s, von 50 auf 100 im 4./5./6. Gang in 12,2/18,7/32,2 s

          Verbrauch 6,6 bis 7,9, im Durchschnitt 7,4 Liter Diesel je 100 km; 137 g/km CO2 bei Normverbrauch von 5,2 Liter; Euro 5, Tankinhalt 58 Liter

          Garantie zwei Jahre ohne Kilometerbegrenzung, 12 Jahre gegen Durchrostung (bei Service), Wartung jährlich

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