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Fahrtbericht Nissan Leaf : In der Ruhe liegt der Saft

Bild: Hersteller

Das Leben mit einem Elektroauto ist ein Balanceakt zwischen Faszination und Frustration. Mit dem Leaf schwebt Nissan einer Zukunft entgegen, der im hektischen Treiben und jenseits der Stadt die Energie ausgeht.

          4 Min.

          Dieser Text könnte so beginnen: Das Elektroauto ist Murks, untauglich im Alltag, es schränkt über Gebühr ein und die Fummelei mit dem Kabel verdirbt einem jegliche Freude.

          Holger  Appel

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Technik und Motor“.

          Oder er könnte so anfangen: Das Elektroauto entwickelt seine eigene Faszination, Nissan hat mit dem mehr als 24.000 Mal gebauten Leaf das derzeit vermutlich reifeste Angebot, mit den Beschränkungen lernt man umzugehen, das gute Gewissen fährt mit und diese Ruhe - ach, herrlich.

          Beides wäre richtig, das macht eine Beurteilung so schwierig.

          Reichweite

          Beginnen wir also mit einer Begebenheit aus unserem Testalltag. Ein jedes Fahrzeug muss irgendwie in die Redaktion gelangen, was in der Regel „auf Achse“ geschieht. Die wenigen Elektroautos, die bisher da waren, kamen auf einem Anhänger, denn Reichweite und Ladezeit machen Reisen unmöglich.

          Der Nissan Leaf indes verführt dazu, die Fahrt von der Deutschland-Zentrale bei Köln nach Frankfurt mit einem Schnelllade-Stop aus eigener Kraft in Angriff zu nehmen, schließlich versprechen die Japaner mit vollem Akku 175 Kilometer Reichweite.

          Schon nach wenigen Minuten bewahrheitet sich freilich, was sich als goldene Regel für jedes Elektroauto herausstellt: Die Autobahn ist der Reichweitenkiller. Die zuständige Digitalanzeige fällt ebenso schnell, wie der Adrenalinspiegel des Fahrers steigt.

          Die Hand greift zum Wählknopf und legt die Stufe „Eco“ ein. Mit 80km/h stehen die Chancen besser, ans Ziel zu gelangen. Ausschalten der ohnehin zu schwach dimensionierten Klimaanlage addiert weitere fünf Kilometer, man wird ja bescheiden, in der Stadt bringt der Verzicht auf einen kühlen Kopf 15 Kilometer, aber das nützt jetzt nichts. In Montabaur ist der Traum ausgeträumt, knapp 100 Kilometer hat der Leaf geschafft, bis er sich auf den Hof eines Nissan-Händlers rettet.

          Laden

          Die Händler sollen über Schnellladepunkte verfügen, an denen sich das Gefährt mittels Mode-3-Kabel binnen 30 Minuten zu 80 Prozent aufladen lässt. Leider trifft das noch nicht auf alle zu, jener hat nur eine Haushaltssteckdose wie du und ich. Das ist das Ende der Fahrt, denn das für jedermanns Dose vorgesehene EVSE-Kabel begrenzt zum Schutz vor Überlast den Ladestrom auf 10 Ampere, womit ein kompletter Ladevorgang bis zu 14 Stunden dauert. So nimmt der Chauffeur den Zug nach Hause, kehrt am nächsten Tag mit demselben zurück und bringt den Leaf in Etappe zwei ans Ziel.

          Leistung

          Wer es krachen lässt, den Nissan mit der beachtlichen (die meisten Konkurrenten schaffen nur 130 km/h) Höchstgeschwindigkeit von 145km/h (unser Exemplar schien enthemmt und lief Tacho 166 km/h) über die Autobahn jagt, dem geht schon nach 40 bis 50 Kilometer der Saft aus. Haken wir also Reisen ebenso ab wie eilige Etappen über Land.

          Stadtfahrt

          In der Stadt und auf der Fahrt aus dem Vorort ins Büro zeigt sich der Leaf indes von seiner starken Seite. Hier gelingt es zeitweise sogar, zusätzliche Reichweite „in den Akku zu fahren“. Durch die effektive und mit angenehmer Verzögerung versehene Bremsenergie-Rückgewinnung entstehen Reichweiten, die allemal für das tägliche Geschäft ausreichen.

          Lautstärke

          Des Abends hängt man den Leaf an die Steckdose und nimmt ihn morgens aufgeladen in den Tag. Das geschieht mittels Druck auf den Startknopf, der eine Lightshow auf der Anzeigetafel in Gang setzt und den Raum erfüllt mit sanften Klängen eines Windspiels aus dem Geisha-Haus. Hernach herrscht entspannte Stille, man könnte glatt vergessen loszufahren.

          Tut man es doch, verbünden sich die Sitze, die vorne wie hinten Sessel für die kaiserliche Kleinfamilie sind, mit dem komfortbetonten Fahrwerk und dem säuselnden Motor zu einer Quelle der Fortbewegung, die wolkengleich schwebend ihre Kraft aus der Ruhe schöpft. Der Lärm anderer Verkehrsteilnehmer wirkt plötzlich aufdringlich, es ist erstaunlich, wie Fahrten im Leaf auf die Psyche der Passagiere wirken: ausgleichend, beruhigend, entschleunigend.

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