https://www.faz.net/-gya-y8j0

Fahrtbericht Nissan Juke : Will vieles sein und ist nichts richtig

  • -Aktualisiert am

Wer soll sich für diese Promenadenmischung begeistern? Bild: Hersteller

Ist er ein SUV, ein Van, ein Coupé, ein Sportwagen oder auf gut Deutsch ein Fun Car? Keiner weiß es, und wir sind nach 14 Tagen auch nicht schlauer. Es ist einfach unbegreiflich. Für wen ist dieser plumpe Wagen bloß gedacht?

          4 Min.

          Erst bauen wir mal das Auto, dann suchen wir die Zielgruppe dafür: So ähnlich mag es zugegangen sein, als Nissan den Juke geschaffen hat. Hier hat sich die Crossover-Idee endgültig in sich selbst verheddert.

          Was herauskam, ist weder schmissig wie der Markenbruder Qashqai noch sympathisch skurril wie Nissans putziger Cube, sondern einfach nur unbegreiflich: Eine plumpe, verwachsene Gestalt, Fenster wie Kellerluken, ein fettes Hinterteil, das Außenbreite bringt und Innenraum kostet, pompöse Leuchtwarzen vorn auf den Kotflügeln, Glubschaugen darunter, die man angeblich von historischen Rallyeautos entlehnt hat, innen eine Konsole, die von einem Motorrad-Tank inspiriert sein soll. Für diese Promenadenmischung soll sich jemand begeistern können?

          Motor
          Nun, unser Problem muss es nicht sein. Aber man möge bitte auch nicht von uns erwarten herauszufinden, an wen sich dieses Auto eigentlich wendet.

          Dabei hat der Juke seine durchaus guten Seiten. Zum Beispiel den Motor unseres 1.6 DIG-T, einen Direkteinspritzer als Spitzentriebwerk der Modellreihe, das der gängigen Downsizing-Idee folgt – eher kleiner Hubraum (1,6 Liter), dafür Turboaufladung.

          Der Nissan Juke hat eine plumpe, verwachsene Gestalt... Bilderstrecke
          Der Nissan Juke hat eine plumpe, verwachsene Gestalt... :

          Der Vierzylinder-Benziner hat stramme 140 kW (190 PS) Leistung und reichlich Drehmoment, und er kann eigentlich alles, vom geschmeidigen Rundlauf selbst bei niedrigsten Drehzahlen über kräftiges Zupacken beim Gasgeben bis hin zu fröhlichem Hochjubeln, dem der Begrenzer erst bei 6800 Umdrehungen je Minute ein Ende setzt.

          Getriebe
          Dabei wird er keineswegs unangenehm laut. Das kurz übersetzte, nur beim 6. Gang mitunter hakelnde Sechsganggetriebe unterstützt allfällige Temperamentsausbrüche, wie die Elastizitätswerte – von 50 auf 100 km/h in 7,8 Sekunden (im 4. Gang) bis 15,3 Sekunden (6. Gang) – eindrucksvoll beweisen. Auch die Höchstgeschwindigkeit von 207 km/h weckt Gefallen.

          Bodenhaftung
          So ist der Juke, von diesem Motor aus betrachtet, ein Spaßvogel erster Güte. Fraglich bleibt indes, ob irgendjemand ausgerechnet in diesem Weder-Noch-Auto eine Sportwagenleistung erwartet, zumal die auch ihre Nachteile hat. Sie hält erstens die Antriebsschlupfregelung nicht nur auf nassem Asphalt gehörig auf Trab (schaltet man sie ab, wird der Frontantrieb völlig haltlos) und lenkt den Blick auf die Allrad-Version 1.6 DIG-T All-Mode 4×4i, die einzige im Juke-Programm, die einschließlich des hier serienmäßigen stufenlosen Automatikgetriebes 2900 Euro Aufpreis kostet.

          Verbrauch
          Zweitens führt die Kraftmeierei, wie bei allen Downsize-Turbobenzinern, zu einem bedenklichen Verbrauchsverhalten: 9,4 Liter Super je 100 Kilometer waren unser Durchschnitt, gewiss vom Winterwetter beeinflusst, aber auch angesichts dessen zu hoch, zumal der Nissan mit 1300 Kilogramm nicht unmäßig schwer ist. Unter acht Liter sind wir nicht gekommen, und wenigstens log uns der Bordcomputer nicht auch noch reicher, sondern meldete sogar einen erheblich höheren Konsum. Für den Appetit dieses Juke ist der Tank mit 46 Liter Inhalt jedenfalls zu klein.

          Kofferraum
          Da ist er sich einig mit dem Kofferraum: Auch der ist mit nur 251 Liter für ein Auto von knapp Golf-Größe ein schwaches Angebot, selbst wenn man die rund 60 Liter unter seinem Boden (und über dem immerhin vorhandenen Not-Ersatzrad) hinzurechnet. Das maximale Volumen nach Umklappen der geteilten Rückbanklehne ist mit 830 Liter ebenfalls nicht wettbewerbsfähig.

          Platzangebot
          Hier rächt sich die hinten stark eingezogene Karosserieform des Juke, die zudem den Fond für eine dritte Person ungeeignet macht. Knapp sind dort auch die Tiefe der Bank und die Kopfhöhe, während für die Knie ausreichend Raum vorhanden ist.

          Vorn sitzt man eindeutig besser, die Sessel sind groß dimensioniert und recht weich gepolstert, das Lenkrad ist freilich nur in der Höhe einstellbar. Einsteigen kann man in den Viertürer ohne Mühe.

          Instrumente
          Tadellos ablesbar sind die Instrumente, der berührungsempfindliche Bildschirm für Navigation, Radio und Klimaanlage ist etwas zu tief plaziert. Eine Fehlleistung ist der schlecht erreichbare Knopf für die Funktionswahl des Bordcomputers, während der Geschwindigkeitsregler vom Lenkrad aus bedient werden kann.

          Ausstattung
          Leider nicht asphärisch sind die Außenspiegel, besonders nachteilig, weil Nissans Jukebox für den Fahrer ohnehin sehr unübersichtlich ist. Alle Kopfstützen sind hoch genug, sechs Airbags und zwei Isofix-Kindersitzhalterungen sorgen für zusätzliche Sicherheit. Die Klimaautomatik arbeitet zur Zufriedenheit, dagegen ist das mäßige Licht der H4-Scheinwerfer für die Xenon-verwöhnte Kundschaft fast schon eine Zumutung.

          Fahrdynamik-Modi
          Um die sportlichen und ökologischen Ambitionen des Juke gleichermaßen zu unterstreichen, hat Nissan drei Fahrdynamik-Modi vorgesehen – Normal, Sport, Eco –, die auf Motor, Lenkung und Klimaanlage Einfluss nehmen. Während sich Normal und Eco wenig unterscheiden, wird der ohnehin muntere Wagen mit „Sport“ hyperaktiv und natürlich noch gefräßiger, weshalb wir diese Option tunlich vermieden haben.

          Eine Vergleichsfahrt zwischen Eco und Sport ergab auf unserer Spar-Runde (mit Stadtverkehrs-, Landstraßen- und Autobahn-Anteil) eine Verbrauchsdifferenz von rund 20 Prozent (8,3 gegenüber 10,0 Liter je 100 Kilometer) bei 13 Prozent Zeitgewinn für „Sport“. Auf einem separaten Display kann man sich bei „Normal“ das Drehmomentangebot und die aktuelle Batterieladung, bei „Sport“ den Turbo-Ladedruck und bei „Eco“ Verbrauchstendenz und -bilanz grafisch anzeigen lassen, alternativ die anliegende Längs- und Querbeschleunigung.

          Solche Spielereien hätten aber allenfalls Sinn, wenn die Anzeige nicht, wie hier, tief unten im Armaturenbrett angebracht wäre, wo man sie während der Fahrt nur unter Missachtung der Verkehrssicherheit ablesen kann.

          Fahrverhalten
          In Kurven zeigt sich der kompakte Juke agil, er übertreibt es nicht mit dem Untersteuern und leistet sich beim Gaswegnehmen sogar eine kleine, durchaus hilfreiche Lastwechselreaktion. Das ESP greift früh und hart ein. Die sehr leichtgängige Lenkung verhält sich um die Mittellage unstet, das beeinträchtigt den Geradeauslauf; der Wendekreis ist aber erfreulich klein.

          Mit Schnee wurde der Nissan recht gut fertig. Ein großes Lob verdienten sich die allen Ansprüchen gewachsenen Bremsen. Positives auch vom Fahrkomfort: Die Federung ist straff, aber effizient, selbst grobe Stöße reicht sie nur stark gedämpft an die Passagiere weiter, mit Poltern fällt sie ebenfalls nicht unangenehm auf. Eher schon wird das Wohlbefinden durch allerlei kleine Karosseriegeräusche und vor allem, bereits bei 120 km/h beginnend, deftigen Windlärm eingeschränkt.

          Ausstattungsvarianten
          Den fidelen Turbomotor kann man mit den Ausstattungsversionen Acenta und Tekna bekommen. Unser Tekna hatte einen Listenpreis von 22.240 Euro – dafür gibt es auch einen Qashqai, wenn es ein SUV sein soll, oder für Sportfans einen VW Polo GTI – und brachte dafür eine Fülle an Serienausstattung mit, einschließlich Leichtmetallrädern, Navigationssystem samt Rückfahrkamera, schlüssellosem Zugang und Start sowie Multifunktionslenkrad.

          Als Extras verblieben da allein die Metalliclackierung (480 Euro) und die Lederbezüge mit Sitzheizung vorn (1200 Euro). Mit Acenta spart man 1050 Euro und muss dafür unter anderem aufs Navi nebst Kamera (Aufpreis 700 Euro), die Schlüssellosigkeit und den Regensensor verzichten – die teurere Version kann sich also lohnen. Wer nicht gerade 190 PS braucht, darf schon für knapp 17.000 Euro (117-PS-Benziner) oder 18.890 Euro (110-PS-Dieselmotor von Renault) Juke fahren, mit einer ansprechenden Grundausstattung, die vor allem hinsichtlich der Sicherheit nichts gegenüber den höher positionierten Varianten vermissen lässt. Aber auch dann bleibt die Frage, ob man ein Auto wie diesen Nissan braucht, ein Auto, das vieles sein will und nichts davon richtig ist.

          Daten und Messwerte

          Empfohlener Preis 22.240 Euro
          Preis des Testwagens 23.920 Euro

          Vierzylinder-Ottomotor mit Direkteinspritzung und Abgasturbolader, vier Ventile je Zylinder, 1618 Kubikzentimeter Hubraum

          Leistung 140 kW (190 PS) bei 5600/min

          Höchstes Drehmoment 240 Nm bei 2000 bis 5600/min, mindestens 90 Prozent davon ab 1700 bis 6200/min

          Manuelles Sechsganggetriebe

          Antrieb auf die Vorderräder

          Länge/Breite/Höhe 4,14/1,77/1,57 Meter

          Radstand 2,53, Wendekreis 10,7 Meter

          Leergewicht 1250 (tatsächlich 1300), zulässiges Gesamtgewicht 1735, Anhängelast 1200 Kilogramm; Kofferraumvolumen 251 bis 830 Liter

          Reifengröße 215/55 R 17 94 V

          Höchstgeschwindigkeit 207 km/h

          Von 0 auf 100 km/h in 8,1 s, von 50 auf 100 km/h im 4./5./6. Gang in 7,8/10,5/15,3 s

          Verbrauch 8,3 bis 12,9, im Durchschnitt 9,4 Liter Super je 100 km; 159 g/km CO2 bei Normverbrauch 6,9 Liter; Tankinhalt 46 Liter

          Versicherungs-Typkl. HP 15, TK 20, VK 24

          Garantie drei Jahre bis 100.000 Kilometer, auch auf Lack (ohne Kilometerbegrenzung), zwölf Jahre gegen Durchrostung, Mobilitätsgarantie zehn Jahre bei autorisiertem Service, Wartung nach Intervallanzeige

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Vertriebene afghanische Familien haben ein Flüchtlingslager in Kandahar erreicht.

          Land im Krieg : Laschet will weiter nach Afghanistan abschieben

          Wie schon Innenminister Seehofer argumentiert der Unions-Kanzlerkandidat mit Straftätern. SPD-Chef Walter-Borjans mahnt, niemand dürfe in den Tod geschickt werden. In Afghanistan sind die Taliban weiter auf dem Vormarsch.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.