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Fahrtbericht Mini Roadster : Stramm, sportlich, herrlich emotional

  • -Aktualisiert am

Bild: Hersteller

Der Mini mit zwei Sitzen und ohne Blechdach kann als schönste Nebensache der Welt Karriere machen. Aber der Grat zwischen Wahnsinn und Genius ist schmal. Das Auto begeistert, ist aber auch irgendwie überflüssig.

          4 Min.

          Die Form folgt der Funktion, und der Name ist Programm? Falsch. Der Mini ist kein Kleinwagen, und formal will er eher die Herzen der Damen gewinnen als während der Einkaufstour seine Praxistauglichkeit unter Beweis stellen. Konny verzeiht ihm jegliche Schwäche.

          Aber als der zweisitzige Bruder mit Stoffverdeck, der Mini Roadster, vorfährt, ist Schluss mit dem Langmut der Innenarchitektin. Das Heck sei plump, die Textilhaube über dem Passagierraum passe nicht, und „der hat fast keinen Kofferraum“.

          Was nicht ganz stimmt. Der Roadster hat einen gar nicht so kleinen, eine Durchlademöglichkeit obendrein. Beides zählt zu den wenigen praktischen Eigenschaften der 26.750 Euro kostenden Cooper-S-Version. Vieles andere verblasst unter alltäglichen Anforderungen. Aber wo für Konny der Spaß aufhört, fängt er für andere an. Bedenken der Ratio über Bord geworfen, macht der Kleine auf jedem Boulevard und vor allem in jeder Kurve eine gute Figur.

          Design Außen

          Die Frontansicht gewinnt im Vergleich zum Viersitzer durch geringere Höhe. Das fällt auch beim Betrachten der Silhouette auf, gedrungen hockt der Kapuzenmann auf dem Asphalt, besser sieht er aus, wenn er sein Mützchen in den Nacken schiebt. Das geht rustikal von Hand, halbautomatische Unterstützung kostet 790 Euro. Dafür vergibt die Damen-Jury keinen Punkt, obwohl das Öffnen einfach geht.

          Verdeck

          Den mit Spatengriff bewehrten Zentralöffner drehen und mit Schwung Bezug und Gestänge über die beiden Überrollbügel nach hinten in den Verdeckkasten werfen. Wer das nachdrücklich genug tut, muss nicht aussteigen, um die Kappe in die Verriegelung zu drücken. Beim Schließen der Haube führt kein Weg am Hantieren außenbords vorbei, Entriegelungsknopf drücken und Verdeck nach vorne klappen, dann einsteigen und zuziehen.

          Kofferraum

          Das Kofferraumvolumen bleibt unverändert, 240 Liter passen ins Heck, lange Transportgüter finden dank Durchladeklappe eine Mitfahrgelegenheit. Dass der winklige Kofferraumdeckel nicht weit genug öffnet, stört beim Beladen allerdings und ist einem unsinnigen Sparprogramm geschuldet.

          Ordentliche Scharniere mit größerem Öffnungswinkel wären teurer gewesen. Schwer ist das Ding sowieso, integriert ist der elektrisch ausfahrende Heckspoiler, der bei Tempo 80 km/h hochklappt und sich bei weniger als 60 km/h wieder zur Ruhe begibt.

          Sitze

          Fahrer und Beifahrer gelangen einfach auf die Plätze. Zumindest bei geöffnetem Dach. Der 1,84-Meter-Chauffeur muss sich ein wenig winden, aber wenn die Haube geschlossen ist, heißt es hinters Lenkrad gleiten und hoffen, dass niemand zu knapp nebenan geparkt hat. Denn dann wird der Öffnungswinkel der langen Türen noch weiter eingeschränkt und der Einstieg beschwerlicher.

          Die Sitze sind wohlgeformt mit hohen Rückenlehnen, die gut die Schulter stützen, und mit ordentlich langen Beinauflagen, auch der Seitenhalt ist vortrefflich. Vor allem aber lässt sich eine anständige Sitzposition einstellen, was bei früheren Mini-Generationen nicht der Fall war.

          Innenraum

          Der Innenraum des Roadsters entspricht weitgehend dem des Coupés. Tempo scheint auch hier die untergeordnete Rolle zu spielen. Zumindest auf dem Tacho, dessen Format ihn eher als Tiefenmesser in U-93 ausweist, lässt sich die Fahrgeschwindigkeit nur mit Mühe ablesen. Deshalb gibt es im auf der Lenksäule aufgesetzten Drehzahlmesser zusätzlich eine digitale Signalisation des Tempos.

          Das große Innenfeld der analogen Geschwindigkeitsanzeige wird als Display für die Informationen des Bordcomputers und die Kartendarstellung der Navigation genutzt. Applaudieren wir dem Tacho also für einen gelungenen Auftritt als Design-Accessoire mit Nebenfunktion.

          Motor

          Der 1,6-Liter-Turbobenziner des Cooper-S-Roadsters wird mit einem Startknopf geweckt und klingt dabei wie Pu der Bär nach der Abi-Feier. Aus dem kann was werden, denkt ein jeder, und tatsächlich grollt der Kerl los, wenn das Gaspedal ein wenig nachdrücklicher betätigt wird. Mit Getöse schickt er den unbeladen 1260 Kilogramm wiegenden Roadster (abgesehen von Club- und Countryman das schwerste Familienmitglied) auf die Reise, von 0 auf 100 km/h gelingt sie in 7 Sekunden.

          Bild: F.A.Z.

          Mit der flinken Tempoaufnahme ist dann lange nicht Schluss, wie an der Gummischnur gezogen nimmt der Roadster weiter Fahrt auf, die Turbotechnik spreizt die Leistungskurve bis zum Horizont. Bis der Tacho 200 km/h anzeigt, vergehen nur wenige weitere Momente, die dennoch unvergesslich sind. Immer hängt die Maschine wundervoll am Gas und strotzt vor Agilität.

          Lautstärke

          Eine Sport-Taste schärft sie nochmals, zaubert zudem einen noch prustenderen und blubbernden Auspuffklang herbei. Bei geschlossenem Verdeck rauscht es während flinker Fahrt kräftig, ist die Kappe weggeschoben, steigen Geräusch- und Windniveau nur unwesentlich. Die Haarbürste zeigt sich nach offener Expressfahrt zwar störrisch. Aber das nur DINA4 kleine Windschott zwischen den Sitzen leistet ganze Arbeit. Wer den Roadster aufklappt, beweist keine besondere Härte.

          Getriebe

          Die Sechsgangschaltung des Cooper S ist knackig wie ein Baguette vom französischen Bäcker, kratzt bisweilen in der Kulisse, dennoch rutschen die gewünschten Gänge zackig rein. Die Übersetzungen sind nicht weniger stramm gehalten, die Anschlüsse passen und ebnen erheblichen Durchzugskräften den Weg.

          Verbrauch

          Dass der Verbrauch trotz Spartricks wie Start-Stopp-Automatik und Bremsenergie-Rückgewinnung in höheren Regionen rangiert, überrascht nicht. 5,7 bis 8,6 Liter Benzin verlangt die Turbomaschine, das Mittel von 7,2 Liter Treibstoff für 100 Kilometer versöhnt, zumal wir bevorzugt offen und schnell unterwegs waren.

          Fahrverhalten

          Das Fahrverhalten des Roadsters ist tadellos. Die straffen Radaufhängungen halten ihn sicher in der Spur, wer es übertreibt, macht Bekanntschaft mit einem zusehends leichter werdenden Heck. Das ESP unterbindet die Neigung zum Übersteuern wirkungsvoll, und die unmerklichen Einflüsse des Antriebs auf die Lenkung machen den Fahrer glauben, mit einem hinterradgetriebenen Wagen unterwegs zu sein. Nicht gnadenlos hart, aber doch nicht wirklich komfortabel ist die Federung ausgefallen, Roadster-Piloten müssen Nehmerqualitäten haben.

          Bremsen und Lenkung arbeiten mustergültig, das massige, aber kleine Volant liegt fein in der Hand und vermittelt stets ein perfektes Gefühl für Fahrbahn und Traktionszustand. Nur die Übersichtlichkeit ist bei geschlossenem Verdeck schlecht, der tote Winkel droht wie Gewitterwolken. Die übrige Bedienung ist ebenfalls nicht einfach, da Knöpfe und Schalter nicht nur verspielt und unlogisch verteilt an Bord sind, sondern oft keinen direkten Zugriff gewähren.

          Ausstattung

          Die Serienausstattung ist mit Klimaanlage, Parksensoren und Audio-Anlage halbwegs ansprechend, aber was wäre ein Mini, der nicht mit Liebe (und reichlichen Aufpreisen) individualisiert würde. Aluminium-Dekor, Zierstreifen und Chrom-Intarsien, alles will extra bezahlt werden. Wobei dies alles verzichtbar wäre. Mini hofft, dass dies die Kunden anders sehen.

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          Daten und Messwerte

          Empfohlener Preis 26.750 Euro
          Preis des Testwagens 31.090 Euro

          Vierzylinder-Benzinmotor, Turboaufladung, vier Ventile je Zylinder, 1568 Kubikzentimeter Hubraum

          Leistung 135 kW (184 PS) bei 5500/min

          Höchstes Drehmoment 260 Nm bei 1730/min, 90 Prozent davon von 1600 bis 5600/min

          Manuelles Sechsganggetriebe

          Antrieb auf die Vorderräder

          Länge/Breite/Höhe 3,73/1,89/1,39 Meter

          Radstand 2,47, Wendekreis 10,7 Meter

          Leergewicht 1260, zulässiges

          Gesamtgewicht 1475 Kilogramm,

          Kofferraumvolumen 240 Liter

          Reifengröße 195/55 R 16 87 V

          Höchstgeschwindigkeit 227 km/h

          Von 0 auf 100 km/h in 7 s, von 50 auf 100 km/h im 4./5./6. Gang 7,8/9,8/11 s

          Verbrauch 5,7 bis 8,6, im Durchschnitt 7,2 Liter Benzin je 100 km; 139 g/km CO2 bei Normverbrauch 6 Liter; Tankinhalt 50 Liter

          Versicherungs-Typklassen HP 16, TK 22, VK 19

          Garantie zwei Jahre ohne Kilometerbegrenzung, Service nach Intervallanzeige

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