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Fahrtbericht : Für Menschen, die Inhalt und nicht Image kaufen

  • -Aktualisiert am

Immer mehr Kunden kaufen nicht nach Image, sondern wegen des Inhalts Bild: Kia

Der Sorento ist vorallendingen eine günstige Alternative zu BMW X5 und Mercedes ML. Der unaufgeregte Charakter verleiht dem Wagen zwar keine Noblesse passt aber gut ins klare, übersichtliche Konzept des Kias.

          Kia hat die Spielregeln begriffen. Die mit dem Hyundai-Konzern verheiratete koreanische Marke attackiert die europäischen Autohersteller in allen Segmenten und bleibt sich gleichzeitig treu: Ein vergleichbarer Kia muß immer deutlich billiger sein. Das hat Folgen, nicht nur für den Erfolg, sondern auch für Technik und Habitus der Kia-Kaleschen. Das trifft unmittelbar auf den Kia Sorento zu, der ein ausgewachsenes Auto ist, eine Mischung aus Gelände-, Reise- und Kombiwagen. Außerdem ist er ein Appetitanreger für Menschen, die Geiz zwar nicht als geil empfinden, weil ihnen diese Emotion ohnehin fremd ist, die aber Produkte nach ihrem Inhalt und nicht nach ihrem Image kaufen. Damit fährt das Korea-Auto im Windschatten des deutschen Zeitgeists, der das Schnäppchen höher schätzt als die politische Korrektheit des Einkaufens nach sozialer Stellung und nach Netto-Einkommen. Wenn Frau Künast sich mit dem Kia Sorento beschäftigte, würde sie ihn für Besserverdiener mit einer Sonderabgabe belegen, und Gerd führte die Sorento-Steuer ein.

          Der Kia Sorento ist ein sehr günstiges Angebot. Deshalb kommt keiner auf die Idee, in ihm einen Pappkameraden aus dem Billigregal zu sehen. Zur Zeit (weitere Triebwerksversionen sind im Anrollen) kann man zwischen zwei Modellen wählen, die den gleichen Motor haben, aber in Ausstattung und Technik unterschiedlich sind. Die LX-Version kommt mit zuschaltbarem und der von uns gefahrene Typ EX mit permanentem Allradantrieb. Für den LX muß man 24.720 Euro, für den EX dann 26.970 Euro einplanen. Neben der Antriebsart ist der wesentliche Unterschied eine Klimaautomatik beim EX, im LX wird zwar Klimatisierung geboten, aber mit händischer Einstellung. Die Extraliste ist knapp, es gibt vier Positionen, ein elektrisches Schiebedach aus Glas kostet 640 Euro (nur für den LX), und eine Vierstufen-Automatik fordert 1.030 Euro. Wir würden diese Option wahrnehmen, sie fügte sich gut zum unaufgeregten Charakter des Sorento.

          Kante und Knödel gemischt

          Daß es noch kein ESP für dieses Auto gibt, ist vielleicht mit Blick auf Technik und Märkte verständlich, aber für uns ist das trotzdem ein Manko. Im nackten Preisvergleich mit deutschen Wettbewerbern haut der Kia Sorento ziemlich auf die Pauke. Wenn wir Image, Kultur und technische Raffiniertheit mal im Abseits lassen, dann kann es für jene Menschen, die für eine lange Zeit (Wiederverkaufswert!) ein Auto vom Kaliber des Kia suchen, nur den Sorento geben: Der BMW X5 3.0d kommt auf 42.000 Euro, und der Mercedes-Benz ML 270 CDI steht für 39.324 Euro in den Preislisten. Da kommt man schon ins Grübeln.

          Ein ausgewachsenes Auto; eine Mischung aus Gelände-, Reise- und Kombiwagen

          Weil wir schon bei Zahlen sind: Der Sorento kommt mit einer Gewährleistung von 36 Monaten ohne Kilometerbegrenzung (inklusive Mobilitätsgarantie), zur Wartung muß er alle 15.000 Kilometer oder einmal im Jahr. Seine Kosten sprengen keineswegs den Rahmen der Klasse, das gilt auch für den Verbrauch. Der voluminöse Vierzylinder-Diesel wurde von uns über knapp 1.800 Kilometer hinweg mit einem Durchschnittskonsum von 9,7 Liter je 100 Kilometer bewegt. Bewußt zurückhaltend gefahren ergaben sich 7,6 Liter, schnelles Reisen forderte 11,6 Liter. Das sind angesichts der bewegten Massen erträgliche Werte, der Tank faßt 80 Liter und bietet eine Reichweite zwischen zwei Aufenthalten von etwa 800 Kilometer.

          Die trotz ihrer üppigen Abmessungen sehr übersichtlich geratene Karosserie trägt jene Linien, die das Salz der SUV-Suppe (Sport Utility Vehicle) sind, seit es die M-Klasse gibt. Allerdings setzt der Sorento mit einer guten Mischung aus Kante und Knödel durchaus eigene Akzente, und er läßt nirgendwo Zweifel an seinen Dimensionen, die durchaus vorteilhaft sein können. Mit der ein wenig zu leichtgängigen, aber präzisen Lenkung ist er fein zu dirigieren, das gilt für Rangieren und Reisen gleichermaßen. Durch die weit öffnenden Türen gelingt der Einstieg gut, auch wenn die Einstiegshöhe reichlich erscheint. Die elektrische Verstellung der komfortablen Sitze kommt im Paket (1.270 Euro bringen zudem Sitzheizung und Leder), sie ist gut zu erreichen und einfach zu bedienen. Überall gibt es Ablagen, ein Fach unter dem Beifahrersitz und eines im Kofferraumboden nehmen Krimskrams auf. Die Verarbeitung ist tadellos, die Materialwahl geht in Ordnung. Sehr angenehm geht die automatische Klimaanlage ans Werk, sie wärmt und kühlt und entfeuchtet vorzüglich.

          Gipfelstürmer

          Großzügig sind die Platzverhältnisse, die Bank hinten ist 135 Zentimeter breit, es mangelt aber etwas an Kniefreiheit. Die Tür im Heck schwingt leicht nach oben, sie wird automatisch getragen, die Türscheibe kann man separat öffnen. In der Höhe mißt die Ladeöffnung knapp 90 und in der Breite etwa 95 Zentimeter. Die Ladekante liegt 81 Zentimeter über dem Boden, es gibt sehr stabile Zurrösen und ein kräftiges Netz zum Sichern des Gepäcks. Bleibt die im Verhältnis ein zu zwei Drittel geteilte Rückbank unangetastet, mißt der Kofferraum in der Tiefe 90 und in der Breite 112 Zentimeter. Die hintere Sitzfläche ist ebenfalls geteilt, mit zwei Handgriffen nach vorn geklappt dient sie als Schutz gegen das Rutschen des Transportguts nach vorn. Die Ladetiefe kann bis zu 150 Zentimeter betragen, die Nutzlast von 522 Kilogramm ist ausreichend.

          Der Vierzylinder-Diesel hat sich redlich bemüht, aber mit dem 2.078 Kilo schweren Sorento hatte er kein leichtes Spiel. Das merkt der Fahrer zwar auf der Straße kaum, im Gelände aber deutlich. Höchstgeschwindigkeit, Beschleunigung und Stehvermögen an der langen Steigung sind gut, einmal in Schwung schnurrt der Sorento mit ruhigem, sonorem Motorton sehr komfortabel dahin, lange Strecken werden in ihm gern akzeptiert. Jenseits von Asphalt bietet der permanente Allradantrieb mit der Möglichkeit einer leistungssteigernden Untersetzung (Low-Stellung mit einem Drehschalter zu wählen) sehr gute Traktion. Der Sorento wühlt sich durch Schnee und Schlamm, als sei er ein Hochgebirgler: Wir hatten grobstollige Reifen montiert, sie sind hierfür eine gute Voraussetzung. Weil es dem Motor beim Anfahren aber an Drehmoment mangelt, gibt man meist zuviel Gas, optimale Traktion wird dadurch verhindert. Günstiger für das Gelände ist die Automatik, man hat hier immer Kraftschluß, die manuelle Schaltung ist zwar leichtgängig, arbeitet aber mit langen Wegen, und bei wirklich schnellem Wechseln der Gänge ergeben sich unerwartete Hakeleien. Die Bremsen zeigten sich der Dynamik des Sorento gewachsen, auf Strapazen im Gelände antworteten sie mit leichtem Nachlassen und heftigen Gerüchen.

          Mangel an Noblesse ist hinzunehem

          Am besten ist es, wenn man im Sorento von vornherein auf Kurvenhatzen verzichtet. Daß er kein Sportwagen sein will, sieht man ihm an, in engen und schnellen Kurven neigt sich die Karosserie nach außen, auf Bodenwellen gerät sie in leichtes Schaukeln, und schlechte Wegstrecken bringen die präzise geführte, aber starr konzipierte Hinterachse an die Grenzen ihrer Möglichkeiten. Harte Stöße und harsches Versetzen lassen sich freilich durch behutsameren Umgang mit dem Kia Sorento vermeiden. Sein Geradeauslauf ist untadelig, die Empfindlichkeit auf Seitenwind gering, gute Straßen initiieren exzellenten Federungskomfort. Weil auch die Windgeräusche der Karosserie gering sind, der Motor bei 140 km/h nur nuschelt und der Fahrer im Sitz schön kuschelt, sind lange Strecken im Kia Sorento angenehme Übungen.

          Kia kennt offensichtlich die Voraussetzungen für dicken Erfolg in mageren Zeiten. Immer mehr Kunden kaufen nicht nach Image, sondern wegen des Inhalts, und sie nehmen ganz bewußt in Kauf, daß es einem Produkt wie dem Sorento an der ultimativen Raffinesse bei Namen und Noblesse mangelt. Seit der ersten Gehaltsabrechnung des neuen Jahres haben wir dafür Verständnis. Hoffentlich greift Gerd die Anregung mit der Sondersteuer nicht auf.

          Daten und Meßwerte

          Empfohlener Preis 26.970 Euro
          Preis des Testwagens 28.240 Euro

          Vierzylinder-Dieselmotor, vier Ventile je Zylinder, 2.497 Kubikzentimeter
          Hubraum

          Leistung 103 kW (140 PS) bei 3.800/min

          Höchstes Drehmoment 314 Nm bei 2.000/min, 90 Prozent davon ab 1.600 bis
          3.100/min

          Erfüllt Euro 3

          Manuelles Fünfganggetriebe

          Permanenter Allradantrieb mit automatisch-variabler Kraftverteilung

          Länge/Breite/Höhe 4,57/1,86/1,81Meter

          Radstand 2,71, Wendekreis 12 Meter

          Leergewicht 2.056 (tatsächlich 2.078), zulässiges Gesamtgewicht 2.600,

          Anhängelast 2.800 Kilogramm; Kofferraumvolumen 441 bis 1.751 Liter

          Reifengröße 225/75 R 16

          Höchstgeschwindigkeit 173 km/h

          Von 0 auf 100 km/h in 14,4 s, von 50 auf 100 km/h im 4./5. Gang in
          12,9/20,6 s

          Verbrauch 7,6 bis 11,6, im Durchschnitt 9,7 Liter Diesel je 100 km;
          Tankinhalt 80 Liter

          Versicherungs-Typkl. HP 24, TK 34, VK 24

          Kosten je km (20.000 km/Jahr) 0,41Euro

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