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Fahrtbericht Daewoo Lacetti 1.8 CDX : Für alle, die Auto fahren wollen und sonst nichts

Bald ein Chevrolet: Daewoo Lacetti 1.8 CDX Bild: Wieck

Für viele Menschen ist das Auto zuerst ein Statussymbol. Für andere ist es schlicht ein Fortbewegungsmittel. Dazu gehört auch der koreanische Kompaktwagen Daewoo Lacetti 1.8 CDX.

          4 Min.

          Die Autoindustrie lebt zum großen Teil von der Eitelkeit der Menschen. Niemand wird dazu gezwungen, mit dem Auto sein Selbstwertgefühl zu steigern oder den Nachbarn zu imponieren. Aber für fast jeden ist das Auto mehr als nur Mittel zum Zweck, und besonders die sogenannten Edelmarken profitieren davon. Um alle anderen, die nur Auto fahren, weil sie müssen, und die nicht nach dem Image fragen, kümmern sich Marken wie Daewoo.

          Boris Schmidt

          Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

          Der dritte koreanische Autohersteller (neben Hyundai und Kia) ist unlängst unter die Fittiche von Big Mama General Motors gekommen, und dort hat man nichts Intelligenteres zu tun, als alle Daewoo-Fahrzeuge zum Jahreswechsel in Chevrolet umzutaufen. Na ja, vielleicht profitiert ein Auto wie der Lacetti von seiner zukünftigen Markenschwester Corvette. Dabei sollte das, was die Koreaner zu bieten haben, nicht unterschätzt werden. Die Schräghecklimousine (Lacetti kommt aus dem Lateinischen, es soll "kraftvoll" oder "energisch" bedeuten) tritt in der hartumkämpften Golf-Klasse an und wirft zunächst zwei Gewichte in die Waagschale: seinen vergleichsweise niedrigen Preis und ein Design von Giugiaro. Der Italiener zeichnete schon vor dreißig Jahren für den Golf I verantwortlich, und er hat nichts verlernt. Besonders gelungen ist das Heck mit den markanten Rückleuchten, die Front mit den mandelförmigen Scheinwerfern orientiert sich mehr am derzeitigen Geschmack, aber das ist zumindest kein Fehler.

          Leider rauben einem die Lacetti-Preise sämtliche Illusionen, daß es irgendwo auf der Welt noch billige Autos geben könnte, den Dacia Logan ausgenommen. 12 990 Euro ist der Basispreis für ein Modell mit 1,4-Liter-Motor (70 kW/95 PS). Der von der Redaktion bewegte 1.8 CDX (90 kW/122 PS) ist die Topversion und kostet 15 780 Euro. Daneben gibt es einen 1,6-Liter mit 80 kW (109 PS), eine Dieselvariante wird (noch) nicht angeboten. Obwohl man sich inzwischen an die generell hohen Autopreise gewöhnt haben sollte, muß man immer noch tief Luft holen und an die gute alte D-Mark denken: Mehr als 30 000 Mark für einen Kompaktwagen aus Korea? Natürlich ist die deutsche Konkurrenz teurer: 17 995 Euro kostet ein VW Golf Trendline mit in etwa vergleichbarer Motorisierung und einer in vielen Punkten weniger üppigen Ausstattung. Ein Opel Astra ist mit 17 010 Euro näher am Daewoo, die Ausstattung nicht berücksichtigt. Sie ist das nächste Gewicht für die Waagschale: Im Lacetti 1.8 CDX ist so ziemlich alles dabei, was in der Kompaktklasse gängig ist, das fängt bei Leichtmetallrädern an und hört bei einer Klimaautomatik auf. Was es nicht gibt, ist Lederausstattung (wohl aber Lederlenkrad), Sitzheizung, Navigationssystem und Tempomat. Automatik kostet 1000 Euro Aufpreis, ein elektrisches Glasschiebedach 550, Metallic-Lack 320 Euro. Diese drei Posten machen die Aufpreisliste aus, denn ein Radio ist in allen Versionen serienmäßig, im 1.8 auch ein Fünffach-CD-Wechsler, die Musik kommt aus acht Lautsprechern, die Bedienung der Anlage kann vom Lenkrad aus erfolgen.

          Elektrische Fensterheber sind selbstverständlich, die Außenspiegel werden elektrisch bewegt und lassen sich sogar anlegen, die Türen sind zentralverriegelt und aus der Ferne zu entriegeln, Lenkrad und Fahrersitz sind in der Höhe verstellbar, die Scheibenwischer arbeiten auf Wunsch automatisch, das Handschuhfach kann gekühlt werden. Da kann man nicht meckern. Zudem finden sich zahlreiche Ablagen, etwa unter dem Beifahrersitz. Der Lacetti ist ein durch und durch praxisorientiertes Auto, statt eines Haltegriffs links oben am Dachhimmel für den Fahrer (manche Autos haben den tatsächlich) findet sich ein Fach für die Sonnen- oder Ersatzbrille.

          Weiter geht's im Praxis-Test: Die Rückbanklehnen sind asymmetrisch geteilt umlegbar, um das Kofferraumvolumen zu vergrößern. Das ist auch nötig, denn mit 275 Liter Volumen ist das eigentliche Abteil eher klein, obwohl der Lacetti mit 4,30 Meter Außenlänge sogar zehn Zentimeter länger ist als ein VW Golf (Kofferraum 330 Liter). Diese Zentimeter stecken im Radstand (2,60 Meter, Golf: 2,51), und das macht sich vor allem im Fond sehr positiv bemerkbar. In kaum einem Kompaktwagen läßt es sich in der zweiten Reihe so gut sitzen wie im Lacetti. Die Beinfreiheit ist sehr gut, die Kopffreiheit zumindest gut, und für jeden der drei Sitze gibt es Dreipunktgurte und Kopfstützen. Bei voller Besetzung mit Erwachsenen wird es aber auf der Bank schon sehr eng. Der Lacetti hat grundsätzlich vier Türen, hinten ist der Einstieg fast noch bequemer als vorn, wo er ungewöhnlich knapp ist, wenn man nicht aufpaßt, stößt man sich den Kopf. Im übrigen findet der Fahrer ein aufgeräumtes Armaturenbrett vor, das zumindest in der 1.8er-Variante einen gewissen Charme versprüht. Es gibt langweiligere Cockpits in Fernost-Autos. Die Sitze sind bequem, auch auf langen Strecken. Zu bemängeln ist aber das Gefummel, mit dem das Verstellen einhergeht. So unauffällig wie der Innenraum ist auch der Motor. Er treibt die Vorderräder an, und er tut das recht gut und ohne dabei zu laut zu werden. Mit der Durchzugskraft kann man zufrieden sein, mit der Elastizität auch (siehe Daten und Meßwerte). In 10,5 Sekunden kann man von 0 auf 100 km/h sprinten, maximal sind 195 km/h möglich. Wer sich in diesen Bereich vorwagt, muß feststellen, daß der Lacetti plötzlich nervös wird, der Geradeauslauf wird unstet. Dieses Phänomen tritt aber tatsächlich erst in der Nähe der Höchstgeschwindigkeit auf. Sonst läßt sich das Fahrverhalten mit "kreuzbrav" beschreiben. In schnellen Kurven gibt es eine Tendenz zum Untersteuern, die sich leicht beherrschen läßt. Wer ganz auf Nummer Sicher gehen und ESP haben möchte, wird beim Lacetti nicht bedient, denn sowas ist nicht im Angebot. Die Servolenkung arbeitet geschwindigkeitsabhängig, ohne daß ein Vorteil daraus zu erkennen wäre. Ein präzises Lenkgefühl vermittelt sie jedenfalls nicht. Die Bremsen dagegen sind tadellos, vorn wie hinten kommen Scheiben zum Einsatz, ABS ist ebenso Grundausstattung wie Front- und Seitenairbags. Federungskomfort ist vorhanden, im Lacetti wird es erst dann ungemütlich, wenn die Straße richtig große Löcher hat. Bleibt noch die Schaltung, die mit relativ großen Wegen arbeitet, aber niemanden vor Rätsel stellt. Damit gar nichts schiefgehen kann, ist zum Einlegen des Rückwärtsgangs ein Hebel am Griff hochzuziehen.

          Der Lacetti bietet fast über alle Ebenen hinweg, die ein Auto ausmachen, biedere Hausmannskost, nicht mehr, aber auch keinen Deut weniger. Und man weiß ja, wie gut Hausmannskost schmecken kann, satt wird man davon auch (man kommt von A nach B). Das einzig Überdurchschnittliche am Lacetti ist sein Verbrauch: 10 Liter Superbenzin auf 100 Kilometer sind nicht mehr zeitgemäß für einen Kompaktwagen mit 1,8-Liter-Triebwerk. Und wer den Wagen scharf fährt, kann sogar auf elf Liter kommen. Dagegen drückt selbst ein erzwungener Sparfuß (120 km/h in der Schweiz) den Bedarf auf 100 Kilometer nur auf 8,9 Liter. Wenigstens sichert ein 60-Liter-Tank akzeptable Reichweiten. Ein weiteres Minus handelt sich der Motor mit seiner Euro-3-Einstufung ein. Ein neues Auto sollte Euro-4-Triebwerke haben und sowenig Schadstoffe wie möglich ausstoßen.

          Der hohe Benzinverbrauch stellt die Rechnung mit dem billigen Auto etwas in Frage. Das weiß man offenbar auch beim Importeur in Bremen: Die in diesem Text genannten Preise sind seit dem vergangenen Wochenende gültig, sie sind niedriger als bisher: Das Basismodell wurde um rund 800, der 1.8 CDX um rund 500 Euro günstiger.

          Nächste Woche: BMW 120i; weitere Artikel unter www.faz.net/Fahrtberichte

          Daten und Meßwerte

          Empfohlener Preis 15 750 Euro, Preis des Testwagens 16 070 Euro

          Vierzylinder-Ottomotor, vier Ventile je Brennraum, 1799 Kubikzentimeter Hubraum

          Leistung 90 kW (122 PS) bei 5800/min

          Höchstes Drehmoment 165 Nm bei 4000/min, mindestens 90 Prozent davon ab 2000 bis 5700/min

          Erfüllt Euro 3

          Manuelles Fünfganggetriebe

          Antrieb auf die Vorderräder

          Länge/Breite/Höhe 4,30/1,74/1,45 Meter

          Radstand 2,6, Wendekreis 10,4 Meter

          Leergewicht 1210 (tatsächlich 1250), zulässiges Gesamtgewicht 1705, Anhängelast 1200 Kilogramm; Kofferraumvolumen 275/1045 Liter

          Reifengröße 195/55R15

          Höchstgeschwindigkeit 195 km/h

          Von 0 auf 100 km/h in 10,5 s, von 50 auf 100 km/h im 4./5. Gang in 12,8/17,5 s

          Verbrauch 8,9 bis 11,0, im Durchschnitt 10,0 Liter Super je 100 km; Tankinhalt 60 Liter

          Versicherungs-Typklasse HP 18, TK 32, VK 19

          Kosten je km (bei 16 000 km/Jahr) 0,36 Euro

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