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Fahrtbericht BMW X6 : Marketing-Konstrukt zwischen den Stühlen

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z., Hersteller

BMW hat viele Modelle in seinem Programm. Aber mindestens eines davon ist total überflüssig, und das nicht nur wegen seiner exorbitanten Preise. Am BMW X6 xDrive 35i scheiden sich die Geister.

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          Fast könnte man ihn bedauern. Wie ein Eisbär in der Sahara oder ein Känguru am Nordpol tappt er durchs Biotop Europa, für das er nicht geschaffen ist, er, der BMW X6. Man kann ja Verständnis dafür haben, dass seine Väter – aus Einsichten, die inzwischen kaum mehr gelten – den amerikanischen Markt mit einem Auto beglücken wollten, das Geländewagen und Coupé zugleich sein möchte. Jetzt sitzt es zwischen sämtlichen Stühlen.

          In den Vereinigten Staaten ist die SUV-Dämmerung hereingebrochen, die dicken, spritfressenden Allradler verlieren rapide an Publikumsgunst. Und in Europa kann selbst jene ebenfalls schwindende Fraktion, die mit der permanenten Zweckentfremdung solcher Fahrzeuge kein Problem hat, mit diesem Konstrukt enthemmten Marketings nichts Rechtes anfangen. Da ist es nur das Tüpfelchen auf dem i, dass der X6 auch geschmacklich polarisiert.

          Werkzeug für Geltungssüchtige

          Die einen halten ihn schlichtweg für den hässlichsten BMW aller Zeiten, die anderen gewinnen ihm immerhin ein Aufmerksamkeitspotential ab, das ihn zum idealen Werkzeug für Geltungssüchtige macht. Und neutrale Betrachter meinen, der X6 sei ein Indiz für die tiefe Unsicherheit, welche die BMW-Verantwortlichen über die Positionierung der Marke befallen hat.

          Bild: F.A.Z.

          Nun zu den Fakten. Der X6 wurde neben den nah verwandten X5 gestellt, und das ist in doppelter Weise erfreulich: zum einen, weil die technischen Synergien auch den Käufern nutzen, zum anderen, weil so die Wahl einer vernünftigeren Alternative offen bleibt. Der Neue ist aber auch im doppelten Wortsinn ein enger Verwandter des X5, ein wenig länger und breiter als dieser und deutlich niedriger. So können sich in diesem Auto die Nachteile des Geländewagens mit den Defiziten des Coupés verbinden.

          Im Kleinwagen sitzt man mitunter angenehmer

          Zwar ist der X6 ein Viertürer, doch im Fond dieses Autos, das länger als ein 5er-BMW ist, hat man es auf den zwei Einzelsitzen weniger angenehm als in manchem Kleinwagen. Nur die Breite der Sessel genügt; die Beinfreiheit ist den Dimensionen des Wagens nicht angemessen, das stark abfallende Dach schränkt die Kopfhöhe fühlbar ein, und der Abstand der Sitzfläche vom Boden ist so gering, dass nicht nur Langbeinige mit angezogenen Knien und ohne Schenkelauflage hocken müssen.

          Die für Coupés empfängliche ältere Klientel verschreckt der X6 zusätzlich: Beim Einsteigen muss man einen extrem hohen Schweller überwinden und sich dann wieder in die relativ niedrig positionierten Sitze fallen lassen – eine anstrengende Übung.

          Davon abgesehen hat man auf den Vordersitzen das bessere Los gezogen, zumindest dann, wenn wie in unserem Wagen die Komfortsitze mit zusätzlichen elektrischen Verstellmöglichkeiten montiert sind. Sie kosten hier aber nicht nur 2260 Euro extra, sondern sind zwangsweise mit dem Kauf von Lederbezügen und einer Vier-Zonen-Klimaautomatik verknüpft, die ihrerseits happige Aufpreise erfordern.

          Dominanz des Dosenhalters

          Die amerikanische Herkunft des X6 – er wird in South Carolina produziert – erkennt man an der Dominanz der Dosenhalter unter den vielfältigen Ablagen im Innenraum. Genug Platz gibt es fürs Gepäck: Von den 510 Liter Inhalt des Kofferraums entfällt ein gutes Viertel auf ein unsichtbares Volumen unter dem Boden, und mit Umklappen der geteilten Rücksitzlehne gewinnt man bis zu 1450 Liter auf einer allerdings ansteigenden Fläche.

          Gestählter Arme bedarf es zum Beladen, denn die Golfbags müssen fast 90 Zentimeter hochgehoben und dann wieder zehn Zentimeter hinabgelassen werden. Ein Reserverad schmälert das Gepäckvolumen nicht, denn BMW montiert auch auf den X6 als pannensicher bezeichnete Reifen – und strich gleich den Wagenheber.

          Das unübersichtlichste Auto seit langer Zeit

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