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Fahrtbericht BMW 330xi Touring Automatic : Ein gutes Rezept gegen den Albtraum Winter

  • -Aktualisiert am

Allradtechnik xDrive jetzt zusätzlich mit ESP vernetzt Bild: Hersteller

Der BMW 330xi Touring Automatic ist bewährte Allradtechnik aus dem SUV-Bereich. Doch wegen des hohen Spritverbrauchs ist ein Benziner nicht erste Wahl. Vielleicht sollte man dann gleich den X3 in die engere Wahl ziehen.

          Trotz globaler Erwärmung ist der mitteleuropäische Winter für viele Autofahrer unverändert eine Herausforderung - oder gar ein Albtraum. Schnee und Eis sind unangenehme Erschwernisse, wenn nicht gar Gefahren. Mit Winterreifen kann man ihnen schon einen großen Teil ihres Schreckens nehmen, aber als wirksamstes Gegenmittel - obwohl nicht in allen Situationen - empfiehlt sich seit je der Allradantrieb. Auch in normalen Limousinen findet er zunehmend Verbreitung und profitiert hier oft vom technischen Know-how, das sich die Hersteller bei Geländewagen oder SUVs erworben haben. So auch bei diesem 3er-BMW. Seine Allradtechnik xDrive stammt von X5 und X3 ab und hat sich in ihrer jüngsten, verbesserten Form nach Ansicht der Münchner das Prädikat "intelligent" verdient, weil sie jetzt zusätzlich mit dem ESP (bei BMW heißt dieser Schleuderverhinderer DSC) und der Motorsteuerung vernetzt ist. So reagiert sie schneller und komplexer auf wechselnde Fahrbahnzustände.

          Von diesen Vorzügen profitiert auch die 3er-Reihe, die Limousine ebenso wie der Kombi Touring - natürlich nicht serienmäßig wie bei den SUVs, sondern gegen einen gepfefferten Aufpreis von 2500 Euro. Eine elektronisch geregelte Lamellenkupplung im Verteilergetriebe lenkt das Drehmoment je nach Traktionsbedarf zu den beiden Achsen. Unter normalen Umständen werden 60 Prozent davon den Hinterrädern zugeteilt, damit das Fahrverhalten BMW-typisch bleibt und nicht etwa Frontantriebs-Charakter annimmt.

          Mit dem xDrive Bekanntschaft gemacht

          Wir haben im 330xi Touring mit dem xDrive Bekanntschaft gemacht, also im Kombi mit dem 190 kW (258 PS) leistenden Dreiliter-Sechszylinder-Ottomotor, der in der jüngsten 3er-Generation seinen Vorgänger mit 170 kW (231 PS) abgelöst hat. Der Allradantrieb bürdet dem 3er um die 100 Kilogramm zusätzlich auf: Unser 330xi mit viel Sonderausstattung war bei einem Leergewicht von 1730 Kilo sogar ein richtig schwerer Brocken und konnte die 27 Mehr-PS besonders gut gebrauchen. Die 250 km/h Höchstgeschwindigkeit stehen so nicht in Frage, und mit 7,8 Sekunden von 0 auf 100 km/h vermisst man auch kaum etwas beim Beschleunigen, um so weniger, als dieser Spurt dem Fahrer dank der optimalen Traktion und dem (mit 2100 Euro aufpreispflichtigen) sechsstufigen Automatikgetriebe ganz locker von der Hand geht. Spätestens hier erweist sich der Motor als geradezu drehzahlgierig: Mit Vollgas, also unter Kickdown, wird erst bei 6700 Umdrehungen je Minute hochgeschaltet. Die rote Warnzone des Drehzahlmessers bei 7000/min, die gewiss ebenso mühelos erreicht würde, bleibt auch im Handschalt-Modus des Getriebes tabu, vorher wird zwangsweise der nächst höhere Gang aktiviert. Schon in der Normalstellung passt sich das adaptive Getriebe feinfühlig den Fahrerwünschen an.

          12,3 Liter Super Plus Verbrauch im Durchschnitt

          Für den, der noch mehr Temperament herauskitzeln will, ist der manuelle Eingriff die bessere Wahl als der S(port)-Modus der Automatik, der unnötig lange an den unteren Stufen festhält, mit nachteiligen Folgen für Fahrgeräusch und Benzinverbrauch. Der kann ohnehin für ein leichtes Erschrecken sorgen: 12,3 Liter Super Plus waren es bei uns im Durchschnitt, für den unteren Rand der Mittelklasse eigentlich undiskutabel und zuviel auch für den 63-Liter-Tank, der schon nach rund 460 Kilometern um Nachfüllen bittet. Aber ernsthaft böse kann man dem 330xi deswegen nicht sein, der kraftvolle und geschmeidige Antrieb und sein sonorer, knurrender Klang verhelfen zu permanentem Fahrgenuss.

          In Kurven keinerlei Eigenmächtigkeiten

          Daran hat auch das Fahrwerk seinen Anteil. Der Allradantrieb setzt ihm selbst auf trockener Straße noch ein Krönchen auf: In Kurven gibt es keinerlei Eigenmächtigkeiten, und angesichts dieses perfekt vermittelten Sicherheitsgefühls ist es verständlich, dass BMW sein DSC unerwartet früh und schroff eingreifen lässt, sobald die Grenzen des Grenzbereichs näher kommen.

          Die 45er-Reifen machen die ohnehin zur Nervosität neigende Lenkung geradezu neurotisch, sie lässt sich bei langsamerem Tempo von jeder Fahrbahnrinne irritieren. Auch dem Komfort tun diese Gummis nicht gut, weil sie (beim 3er serienmäßig) mit Notlaufeigenschaften ausgestattet sind und daher besonders steif abrollen. Grobe Stöße führen sogar zu harten, polternden Durchschlägen. Der Nutzen dieser Ausrüstung ist zweifelhaft, denn bei einer Reifenpanne mit voll beladenem Auto sind gerade noch 50 Kilometer Fahrstrecke erlaubt. Viel Glück bei der Suche nach Ersatz am Wochenende: Denn ein Reserverad gibt es nicht, und der Wagenheber wurde gleich mit gestrichen. Angenehmeres ist von den Bremsen zu berichten - top.

          Dass der 3er Touring nicht Kombi heißen und auch keiner sein will, hat schon Tradition. Er stellt Schönheit über Nützlichkeit und begnügt sich mit 450 Liter Kofferraum (einschließlich der Reserveradmulde) im Normalzustand und maximal 1385 Liter nach dem Umklappen der geteilten Rückbanklehne, das einen völlig ebenen und nur von einer kleinen Ladekante gestörten Boden entstehen lässt. Für ein 4,50-Meter-Auto ist dieses Volumen wenig rühmlich, und das nach hinten abfallende Dach schränkt auch die Ladehöhe auf dem letzten halben Meter Kofferraumtiefe unschön ein. Über den Rücksitzen - der Zugang dorthin ist dank der günstigen Türausschnitte einfach, der Mittelplatz erträglich - ist die Kopfhöhe aber ausreichend und vorn sogar üppig. Mit der Kniefreiheit bleiben erwachsene Hintensitzende auf die Kompromissbereitschaft ihrer Vorderleute angewiesen, so richtig bequem ist es selbst im neuesten 3er nicht.

          Flotte Begleiter eines Singles

          Auch an Ablagen fehlt es im Fond, fast so, als wollte der Touring bewusst kein Familienauto sein, sondern der flotte Begleiter eines Singles oder kinderlosen Paares. Die Person am Lenkrad lässt sich auf einem etwas schmalen Sportsitz nieder und darf sich auf einen BMW-konformen, funktionell vorbildlichen Arbeitsplatz freuen. Die Instrumente sind tadellos ablesbar, der Navigationsbildschirm ist hoch genug platziert, und der berüchtigt vielseitige iDrive-Knopf liegt ideal zur Hand, ist aber nach wie vor ein Prüfstein für die Fähigkeit des Fahrers, sich ohne Ablenkung vom Verkehr durch die Menüs zu schieben, zu drehen und zu drücken. Das Kühlmittelthermometer wurde gestrichen, doch gerade in diesem Auto hätte man es viel lieber als das wenig präzise Zeigerinstrument für den Momentanverbrauch. Wegrationalisiert wurde auch der gute alte Ölpeilstab, es gibt bloß noch eine elektronische Standanzeige, von der man nur hoffen kann, dass sie immer klaglos funktioniert. Nebenbei: Wo die Starterbatterie versteckt ist, verschweigt heutzutage die Bedienungsanleitung des 3ers, und eben so wenig steht dort, welche Glühlampen man gegebenenfalls als Ersatz benötigt. Alles Werkstattsache - aber was, wenn keine Werkstatt in der Nähe ist? Angenehm geräusch- und zugarm arbeitet die Klimaautomatik, die man (statt der serienmäßigen Klimaanlage) am besten zusammen mit anderen sinnvollen Extras im Komfort-Paket (1550 Euro) kauft. Überhaupt wird man auch den 330xi kaum ohne Zuhilfenahme der Sonderausstattungsliste bestellen. Zum Grundpreis von 43100 Euro (einschließlich Automatik) können dann noch einige Tausender hinzukommen, im Fall unseres Wagens bis hin zu 58000 Euro. Das ist für einen 3er sehr viel Geld.

          Und der Allradantrieb? Ob man die 2500 Euro dafür ausgeben soll, will gut überlegt sein. Mit seiner ausgewogenen Achslastverteilung ist auch der hinterradgetriebene 3er heute ein durchaus schneetaugliches Auto. Wer wegen Wohnort oder Beruf den Winter fürchten muss und daher xDrive haben will, sollte schon des Verbrauchs halber unbedingt den Diesel 330xd (Sechszylinder mit 170 kW/231 PS) nehmen, auch wenn er mit 42000 Euro (plus Automatik, wenn gewünscht) die teuerste x-Version ist. Oder gleich den X3 in die engere Wahl ziehen, der als SUV alles Schwierige noch ein bisschen besser kann.

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