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Fahrtbericht BMW 118d : Ein teurer Solitär mit Premium-Allüren

  • -Aktualisiert am

Bild: Hersteller

Beim kleinsten Diesel von BMW steht Wirtschaftlichkeit vor Temperament. Doch mit Hilfe der Aufpreisliste stößt man schnell in Mittelklasse-Sphären. Ein Auto für Menschen mit besonderen Geschmack und am besten ohne Kinder. Gerold Lingnau und der BMW 118d.

          5 Min.

          Der kleine BMW, der Einser, ist nach wie vor ein Solitär: mit seinem Hinterradantrieb allein gegen den Rest der Welt, mit seinen Preisen sehr selbstbewusst, mit seinem Nutzwert - na ja. Aber auf den kommt es wohl den wenigsten Käufern an.

          Und so wird auch die neue zweitürige Version, die noch einmal ein Stückchen weniger alltagstauglich ist als der Viertürer, ihren Weg machen, als weiteres Beispiel dafür, wie geschickt BMW mit seiner Salamitaktik bei Modellen und Versionen den Markt bei Laune hält.

          Der faltige Belmondo-Charme

          Zudem spielen die Münchner virtuos auf dem Klavier der Emotionen: Hat doch der Zwei- mehr noch als der Viertürer etwas vom faltigen Belmondo-Charme des Z3-Coupés in die Großserie herübergerettet, das damals die BMW-Gemeinde gespalten hatte.

          Bild: F.A.Z.

          Damit die Ästheten klassischer Denkart nicht frustriert werden, tritt in Bälde das 1er-Coupé als weitere Variante auf, die ihnen kaum Anlass zum Erschauern geben wird. Nein, ein praktisches Auto ist auch der jüngste 1er wirklich nicht.

          Weltabgeschieden auf den hinteren Plätzen

          Abgesehen von den allgemeinen Zweitürer-Unzuträglichkeiten - schwieriger Einstieg nach hinten trotz vorrückender Vordersitze, zu knappe Türöffnung beim Nebeneinanderparken, mühsames Angeln der Vornsitzenden nach ihren Gurten - haben die Designer auch spezielle Sünden begangen, etwa mit den auf ein Minimum reduzierten Fensterflächen, deretwegen man besonders im Fond ziemlich weltabgeschieden untergebracht ist. Dass dort von vornherein nur zwei Sitze vorgesehen sind, schätzt die Verhältnisse zutreffend ein: Ein dritter wäre zumindest Erwachsenen kaum zumutbar.

          Wenig Erfreuliches ist auch vom Kofferraum zu berichten: recht klein für die Wagengröße, hohe Bordkante außen wie innen, daher eine sehr kurze Heckklappe, die zudem nicht weit genug hochschwingt. Serienmäßig ist immerhin die geteilt umlegbare Rückbanklehne, doch mehr als 1150 Liter Gepäckraumvolumen sind auch mit ihrer Hilfe nicht heranzuschaffen. Kurz: Wer ein Auto sucht, das auf den 4,24 Meter Länge des BMW um ein Optimum an Nutzraum bemüht ist, liegt hier völlig falsch.

          Bedenklicher Body-Mass-Index: 1420 Kilogramm

          Aber richtig liegt, wer lieber aufs Ungewöhnliche setzt und auch von Premium-Allüren nicht abgestoßen wird. Man mag es begrüßen, dass dem 1er das weite Feld der BMW-Sonderausstattungen ungeschmälert offensteht. Doch es wird schnell deutlich, dass Extrawünsche in der 25.000-Euro-Klasse anders zu Buch schlagen als im 50.000-Euro-Bereich.

          Der von uns gefahrene 118d, die schwächere von zwei Diesel-Versionen des 1ers, hat einen Basispreis von 24.550 Euro (für den Viertürer sind es 750 Euro mehr). Aber so, wie er dastand, kostete er auf den Cent genau 38.000 Euro, ein Aufschlag von 55 Prozent.

          Gewiss, damit war er fürstlich ausstaffiert - was sich auch im Gewicht ausdrückte, 1420 Kilogramm bedeuten einen bedenklichen Body-Mass-Index - und weit jenseits dessen, was man bei anderen Kompaktautos per Aufpreisliste überhaupt erreichen kann. Bei einem solchen Preis-Leistungs-Verhältnis braucht es schon einen gewissen Abstand zur Rationalität.

          Viel schalten für artgerechten Elan

          Oder einen starken Hang zur Marke BMW und ihren Eigenheiten. Zu ihnen gehört vor allem die Dominanz von Motor und Leistung als Voraussetzung für Agilität in jeder Lebenslage, zu der natürlich auch das Fahrwerk seinen Teil beitragen muss.

          Wer das im 1er besonders ausgeprägt zu erleben hofft, sollte allerdings nicht unbedingt den 118d wählen. Mit seinem partikelgefilterten Zweiliter-Vierzylinder und 105 kW (143 PS) ist er zwar nominell gut bei Kräften, aber das schon erwähnte hohe Gewicht und die sehr lang übersetzten Gangstufen des Getriebes lassen ihn schwerfälliger erscheinen, als er den Messwerten nach ist.

          Schon der 5. Gang würde theoretisch bis 235 km/h reichen, der (serienmäßige) 6. gar bis 280. Das heißt andersherum, dass beide im Stadtverkehr fehl am Platz sind - und auch außerhalb immer dann, wenn man einmal schnell beschleunigen will. Man muss also für artgerechten Elan viel schalten in diesem BMW.

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