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Fahrbericht Fiat 500 13 Jahre Dolce Vita

Der kleine Fiat ist ein Phänomen. Als Neuauflage 2007 gestartet, verkauft er sich besser denn je. Neue Hybridtechnik soll ihn jetzt fit für die Zukunft machen. Und bald fährt er auch rein elektrisch.

Von Boris Schmidt

© Helge Jepsen

Nur wenige aktuelle Automodelle sind wahre Dauerbrenner. Der kleine Fiat 500 gehört gewiss in diese Kategorie. Schon seit 13 Jahren wird er verkauft, und er ist bis heute nur wenig verändert worden. Das zeigt, wie zeitlos genial das Retrodesign des 3,57 Meter kurzen Kleinwagens ist, der so überhaupt nicht nach Mangel aussieht und schmeckt. 2020 wie 2007 ist der Innenraum mit dem in Wagenfarbe gehaltenen Armaturenbrett eine wahre Freude, die digitale Tachoeinheit kam 2015, inzwischen gibt es auch ein geschlossenes Handschuhfach. Nichts fühlt sich nach Verzicht an. Die beiden Vordersitze sind groß, stabil, bequem und schwer wie immer, nur sind sie jetzt mit recyceltem Plastik bezogen, das aus dem Meer gefischt wurde. Unverändert steinhart sind die Kopfstützen, der Kofferraum ist weiter winzig, die Rückseiten der geteilten Rückbank zeigen wie gewohnt blankes Blech, aber nach dem Umlegen ergibt sich ein Laderaum, der für den Urlaub zu zweit mehr als genügt.

Für vier Personen kann der 500 nur eine Notlösung sein, im Fond ist es eng, allenfalls Kinder kommen gut unter. Der Fahrer hat aber nie das Gefühl, in einem kleinen Auto zu sitzen, alles wirkt solide und fasst sich auch so an. Dass die Knöpfe für das Auf und Ab der Seitenscheiben am Schalthebel plaziert sind, erfordert Gewöhnung, die Spiegel lassen sich elektrisch verstellen, aber nicht elektrisch einklappen. Das Glasdach, das im Sommer die Hitze ins Auto holt und im Winter die Kälte, ist nach wie vor ein Nachteil. Dann doch lieber das Schiebedach bestellen (500 Euro extra) oder gleich das Cabrio. Einerlei, das kleine, runde Auto strahlt Lebensfreude aus, nach Italien will man damit fahren, dem Land des Dolce Vita, doch auf das süße Leben, wie es einmal war, müssen wir wohl noch warten. Dafür kann der Fiat nichts.

Im Land seiner Herkunft hat der erste Fiat 500, produziert von 1957 bis 1977, eine Bedeutung wie bei uns der Käfer. Die Neuauflage 2007 kam zum fünfzigsten Geburtstag. Das Geschenk hält bis heute vor, war doch 2019 das beste Verkaufsjahr für den neuen 500: Rund 375.000 Einheiten verließen das Werk in Polen. Gerüchte, der 500 werde eingestellt, die zwischendurch aufkamen, entbehrten wohl jeder Grundlage. Das Gegenteil ist der Fall. Noch in diesem Jahr wird der Kunde die Wahl zwischen zwei verschiedenen 500 haben, dem hier beschriebenen und dem neuen elektrischen, der auf einer anderen Plattform steht, strenggenommen also ein anderes Auto ist, und der in Italien gebaut werden wird. Auf absehbare Zeit gibt es dann beide Modelle parallel. Wobei der Elektrische im Aussehen dem bisherigen 500 in nichts nachsteht.

Die Stadt ist das angestammte Gefilde des 500

Neu für den „alten“ 500 ist die Hybrid-Version, auf der nun der Schwerpunkt liegt. Der bisherige 1,2-Liter-Vierzylinder mit 69 PS wird als Neuwagen nur noch abverkauft, überlebt aber zudem vorerst in der Automatikversion. Außerdem gibt es ihn weiter in einer LPG-Variante. Im neuen 500 Hybrid unterstützt ein kleiner Elektromotor beziehungsweise der Riemenstarter-Generator (RSG) einen Einliter-Dreizylinder. Ihr Zusammenspiel funktioniert prima, zur Systematik gehört, dass die Ein-Liter-Maschine bei Tempi unter 30 km/h ausgeht, wenn der Leerlauf des exakt geführten Sechsgang-Schaltgetriebes eingelegt wird und der Wagen zum Beispiel in der Stadt auf eine rote Ampel zurollt. Wird es grün, wirft der RSG den Motor beim Tritt auf die Kupplung flugs an, und weiter geht’s. Mehr als 4,9 PS kann das System aber nicht bieten, die Unterstützung hält sich somit in Grenzen. Die Zusatz-Technik ist in das herkömmliche 12-Volt-Bordnetz integriert, eine kleine Extra-Batterie (11 Amperestunden) ist unter dem Fahrersitz plaziert. Die Stadt ist natürlich das angestammte Gefilde des 500, hier punktet er mit seinem knappen Wendekreis von 9,30 Meter, und ein Parkplatz findet sich eigentlich immer.

Auch vor langen Strecken muss man keine Angst haben, es sei denn, es geht in die Berge. Die gebotenen 70 PS sind arg wenig. An Steigungen geht dem Autochen schnell die Puste aus, sowohl der 5. als auch der 6. Gang sind lang ausgelegt. So scheiterte der Fiat auf unserer Taunusrunde im Sechsten kläglich am Versuch, den obligatorischen Prüfberg zu erklimmen, und auch im Fünften war es nicht viel besser. Fahrsicher ist der 500, der Frontantrieb macht ihn völlig untückisch, der Federungskomfort ist ausreichend. Die eher schwache Bremsleistung – es bleibt bei Trommelbremsen hinten – schieben wir abermals den Winterreifen zu, die Ende April bei 20 Grad eigentlich nichts mehr auf Testwagen zu suchen haben.

Mit der Hybrid-Technik soll der Verbrauch gedrückt werden, auch die lange Auslegung der beiden großen Gänge zielt darauf ab. Das wirkt. Bei 120 km/h auf flacher Autobahn im 6. Gang mit 3000 Umdrehungen in der Minute begnügt sich der 500 mit 4,8 Liter auf 100 Kilometer. Generell bringt die Technik im Vergleich mit dem alten 1,2-Liter-Motor jedoch nicht den großen Fortschritt. Im Schnitt 6,5 Liter auf 100 Kilometer sind nicht wesentlich besser als die 6,9 Liter, die wir 2008 dem 500er attestierten. Fortschritte mag man auch im Bereich der Assistenzsysteme vermissen. Zugegeben, es gibt Navigation, Apple Car Play und eine schöne Audioanlage, aber keinen Spurhalter oder Totwinkelwarner, selbst einen adaptiven Tempomaten oder eine Verkehrszeichenerkennung sucht man vergeblich. Statt einer Rückfahrkamera müssen Parkpiepser genügen, die auch noch Aufpreis kosten. Doch hinsichtlich der passiven Sicherheit ist der 500 immer noch auf der Höhe der Zeit. Sieben Airbags hatte er schon 2007, leider bleibt es bis heute bei nicht in der Höhe verstellbaren Umlenkpunkten für die Sicherheitsgurte. Mit seinem unerreichten Charme macht der 500 vieles wett, wobei sich viele Assistenten in den unteren Fahrzeugklassen ohnehin noch nicht recht durchsetzen konnten.

Wir müssen noch über den Preis reden. Der kleine Fiat bleibt ein teures Auto. Mit 13.990 Euro geht es los, der Testwagen hatte schon einen Grundpreis von 17.990 Euro und war auf 20.310 Euro aufgerüstet. Noch teurer ist die Cabrio-Version mit ihrem Faltdach. Für diese entscheidet sich gut ein Drittel der deutschen Kunden. Der kleine Fiat ist ein Auto, das geliebt werden muss. Und bald vielleicht noch mehr, wenn es rein elektrisch fährt.

Unser Fazit

STARK: Der ungebrochene Charme des kleinen Italieners. Solides Auto, handlich und wendig in der Stadt.

SCHWACH: Die Motorleistung ist allenfalls ausreichend, der Hybrid bringt wenig Fortschritt im Verbrauch. Platz auf der Rückbank knapp, kleiner Kofferraum.

FORZA 500: Die neue rein elektrische Variante wird Marke und Modell in eine spannende Zukunft tragen.

Technische Daten und Preis

Empfohlener Preis 17.990 Euro

Preis des Testwagens 20.310 Euro

Dreizylinder-Ottomotor, vier Ventile je Zylinder, Hubraum 999 Kubikzentimeter, Riemenstarter-Generator mit 4,9 PS

Leistung 70 PS (51 kW) bei 6000/min, höchstes Drehmoment 92 Nm bei 3500/min

Sechsgang-Schaltgetriebe

Antrieb auf die Vorderräder

Länge/Breite/Höhe 3,57/2,63/1,49, Radstand 2,30, Wendekreis 9,30 Meter

Leergewicht 1055, zulässiges Gesamtgewicht 1360 Kilogramm, Anhängerbetrieb nicht vorgesehen, Kofferraumvolumen 185 bis 550 Liter

Reifengröße 195/45 R 16

Höchstgeschwindigkeit 167 km/h

Von 0 auf 100 km/h in 13,8 s

Verbrauch 4,8 bis 7,1 Liter, im Durchschnitt 6,5 Liter Super auf 100 Kilometer, 91 g/km CO2 bei Normverbrauch von 4,1 Liter, Tankinhalt 35 Liter

Komfort & Sicherheit ABS, ESP, Licht- und Regensensor, Reifendruckkontrolle, Zentralverriegelung, Tempomat, Apple Car Play, Android Auto, Navigationssystem, Audioanlage, Klimaautomatik

Die Anderen

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