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Fahrbericht E-Golf Comfortline : Summen, schleichen, schwitzen

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z., Hersteller

Wenn es der Hersteller nicht in großer Schrift aufgeklebt hätte, würde wohl keiner den E-Golf als Elektrofahrzeug erkennen. Dies und die besonders leise Art der Fortbewegung sind seine stärksten Eigenschaften.

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          Leise knirscht der Rollsplitt auf der Straße. Das ist das einzige Geräusch, das vom Deutschland-Bestseller zu hören ist. Wenn er mit einem Elektroantrieb ausgerüstet daherkommt. In fast zehn Zentimeter hohen Lettern haben die Wolfsburger deshalb auf die Motorhaube und auf die vorderen Türen seinen Namen geschrieben: E-Golf steht da, und weil der E-Golf zumindest optisch an kaum etwas anderem zu erkennen ist, dreht sich auch kaum jemand auf der Straße nach ihm um. Und wenn, dann erschrocken.

          Denn der E-Golf pirscht sich auf leisen Sohlen an seine Opfer heran und lässt sie zusammenzucken, wenn er plötzlich neben ihnen auftaucht. Ein Spaß ist das nicht, denn der Fahrer des E-Golfs lebt ständig in der Angst, einer jener Zeitgenossen, die sich beim Überqueren der Fahrwege hauptsächlich mit dem Gehör orientieren, könnte ihm vor den Bug springen.

          34.900 Euro kostet der E-Golf und jeder, der rechnen kann, weiß, dass der Mehrpreis von rund 5000 Euro im Vergleich zu einem ähnlich stark motorisierten Benziner und etwa 3000 Euro zu einem Diesel trotz ausstattungsbereinigter Betrachtung sich auch bei intensiver Nutzung und weiten Wegstrecken kaum amortisiert. Was zählt, ist das Besondere, die geringe Umweltbelastung und die Schonung der Ressourcen.

          Reichweite pendelt sich bei 130 bis 150 Kilometer ein

          Immerhin ist der E-Golf, ausschließlich viertürig und mit der Spitzenausstattung Comfortline im Angebot. Außerdem sind LED-Frontscheinwerfer grundsätzlich an Bord, weil die einen geringeren Energiebedarf haben als Xenon-Lampen. Und das Navigationssystem, das immer den Weg zu den nächstgelegenen Ladestationen weiß. Die sollte man nach spätestens 190 Kilometer Fahrstrecke erreicht haben, sagt VW. In der Praxis pendelt sich die Reichweite eher bei 130 bis 150 Kilometer ein. Dann muss eine halbe Stunde Pause eingelegt werden, um den 318 Kilogramm schweren Lithium-Ionen-Akku mit seinen 264 Zellen an einem Gleichstromanschluss zu 80 Prozent zu füllen. An einer Haushaltssteckdose mit 230 Volt dauert das bis zu 13Stunden. Mit der Wallbox, die 3,6 kW liefert und vom Fachmann je nach Einbauort und Anschlussmöglichkeiten für 1000 bis 1200 Euro in der heimischen Garage montiert wird, vergehen rund 8 Stunden, bis die Batterie ganz geladen ist. Sinnvoll ist die automatische Verriegelung des Steckers beim Ladevorgang, wenn der Wagen abgeschlossen wird. Dem überhasteten Start steht eine weitere Schutzschaltung entgegen. Solange das Ladekabel angeschlossen ist, lässt sich der E-Golf nicht anfahren.

          Der Akku ist voll, steigen wir ein und freuen uns auf das Fahrerlebnis. Der Motor wird gestartet, kein Laut ist zu hören. Und groß zeigt das Kombiinstrument zwischen Tacho und Econometer die Reichweite an. Wohl die wichtigste Information des Computers. Dann nimmt der fast 1600 Kilogramm wiegende Elektro-Golf Fahrt auf. Sogar ganz flott, in 10,4 Sekunden schafft er den Sprint von 0 auf 100km/h. Nicht ganz so schnell, aber durchaus zügig zählt die Reichweitenanzeige die Fahrstrecke herunter. Der lässige Spurt hat gut fünf Kilometer gekostet; schnell wird es dem Fahrer mulmig, bangt er doch, sein Ziel nicht zu erreichen. Denn andere energiezehrende Ereignisse könnten eintreten. Ein Regenguss etwa, der den Scheibenwischerbetrieb erfordert, der ja auch elektrisch arbeitet. Oder ein Stau, gar eine Vollsperrung, die es zu umfahren gilt. Die Routenplanung erfährt im Elektroauto eine völlig neue Qualität.

          Es ist kein Reserve-Akku an Bord

          Also schnell in die Energiesparmodi Eco oder Eco+ wechseln. Das senkt die Motorleistung auf 70 oder 55kW (95 oder 75PS) und begrenzt die Höchstgeschwindigkeit auf 115 oder 90km/h. Auch das Drehmoment sinkt, 220 und 175Newtonmeter stehen noch bereit. So zügig der E-Golf im normalen Modus an der Ampel lossprintet und auch auf der Autobahn im Verkehrsfluss mitzuschwimmen vermag, so träge wird er, wenn die Elektronik dem Energiestrom den Hahn zudreht. Unverständnis und manchmal auch Mitleid ist manch anderem Autofahrer anzusehen, der den E-Golf als Hemmschuh für Lastwagen auf der rechten Autobahnspur identifiziert hat. Aber es hilft nichts, es ist nun mal kein Reserve-Akku an Bord. Sogar den Betrieb der Klimaanlage, der mit dem Verlust von etwa 25 Kilometer Reichweite verbunden ist, haben wir an einem heißen Sommertag eingestellt, als die Strecke bis nach Hause weniger schnell schrumpfte als die angegebene Kilometerzahl. Wer ankommen will, muss im Elektroauto auch mal schwitzen.

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