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Yamaha Ténéré 700 Rally : Gib Gully

Die Rally-Version der Ténéreé 700 erinnert an das alte Wüstenrenner. Bild: Wille

Das schönere Gesicht des Purismus: Yamaha stellt der drahtigen Ténéré 700 eine Rally-Edition zur Seite.

          3 Min.

          Es hat wenig Sinn, umständlich drum herumzureden, also sprechen wir es gleich aus. Was die Rally-Edition der Ténéré 700 so begehrenswert macht, hat weniger mit Technik zu tun als mit Farbe. Dieses herrliche Blau, das an einen Himmel in Penatenstimmung erinnert, dazu ein Sonnengelb mit einer Andeutung von Ei, angereichert durch schwarze Farbelemente, die vor langer Zeit als „Speedblock“-Dekor in die Yamaha-Historie eingegangen sind. Umwerfend. Gekrönt wird die Sonderaufmachung durch die goldschimmernden Felgen der mit grobstolligen Reifen bezogenen Räder.

          Walter Wille

          Redaktion „Technik und Motor“

          Nüchtern betrachtet, gibt es auch eine Reihe handfesterer Unterschiede der Rally-Ausführung zur 2019 vorgestellten, jahrelang herbeigesehnten Ténéré. Herbeigesehnt von Motorradfahrern mit einer Vorliebe für überschaubare Technik, muss präzisiert werden, einem Faible für Enduros im ursprünglichen Sinne, leicht, schlank, robust, geländegängig und frei von elektronischem Brimborium. Honda hatte das mit der Neuauflage der Africa Twin vor einigen Jahren vorexerziert, sich dann aber im Zuge der Modellüberarbeitung in Richtung der mit Luxusausstattung gemästeten Reise-Elefanten nach Art der GS von BMW bewegt. Die drahtige Yamaha stößt in die Lücke hinein.

          Fahrmodi, Motormappings, Fahrwerkselektronik – nichts dergleichen. Keine Effekthascherei durch Bluetooth, Konnektivität oder TFT-Display. Der zittrig befestigte Cockpit-Bildschirm im Hochformat weckt Erinnerungen ans Mittelalter des Digitalen, als Super Mario monochrom durchs Bild hüpfte, lässt aber an Klarheit nichts zu wünschen übrig. Die Liste der Assistenzsysteme weist genau einen Eintrag auf, nämlich das gesetzlich geforderte ABS, das sich für den Offroad-Einsatz am Hinterrad deaktivieren lässt. Ein Tester der Zeitschrift „Motorrad“ hat neulich treffend beschrieben, wie wohltuend es sein kann, mit einem derart puristischen Motorrad unterwegs zu sein: „Das entlastete Oberstübchen vermittelt ein Stück Befreiung vom selbst auferlegten Druck, die Elektronik passgenau abstimmen zu sollen. Vor allem, weil die Ténéré das kann, was sie können muss.“

          Die Wüste ruft

          So ist es. Yamaha macht den Kopf frei. Als Traktionskontrolle steht dem Fahrer die rechte Hand zur Verfügung, keine schlechte Lösung angesichts der erfreulich direkt und unverfälscht wirkenden Verbindung zwischen Gasgriff und Hinterrad. Der Schub des 689-Kubik-Zweizylinders – 73 PS Nennleistung bei 9000/min und 68 Nm bei 6500/min – lässt sich feinfühlig dosieren. Durchzugsstärke und Drehfreudigkeit sind gleichermaßen vorhanden, allerdings zudem eine mitunter ruckige Gasannahme aus dem Schiebebetrieb heraus. Akkurat geht das Sechsganggetriebe zu Werke, wenn auch knochig im Schaltgefühl.

          Angriffslustige Front mit Vierfach-LED Bilderstrecke
          Fahrbericht : Yamaha Ténéré 700 Rally

          Bei Tacho 190 rennt die Ténéré mit stoischer Ruhe ihrem 21-Zoll-Vorderrad hinterher. Glücklich wirkt sie, sobald sie mal an einem schlechten Feldweg oder einem Stoppelfeld schnüffeln darf. Ihre Offroad-Tauglichkeit ist ausgeprägt. Das gilt fürs Fahrwerk ebenso wie für die ergonomischen Verhältnisse, im Sitzen und erst recht im Stehen. Mit üppig bemessenen Federwegen von 210 Millimetern vorn und 200 hinten schluckt sie vieles weg. Bedauerlich bloß, dass es im asphaltierten Mitteleuropa kaum Möglichkeiten gibt, die Geländefähigkeiten auf erlaubte Weise auszukosten. Bis der Klimawandel für Wüstenpisten sorgt, die perfekt zur Ténéré passen, wird es noch ein wenig dauern. Doch zum Glück sind auch hierzulande die Straßen oft in erbärmlichem Zustand. Bodenwellen und Gullydeckeln weicht man nicht aus, sondern fährt absichtlich drüber. Für die Ténéré, deren Name sich auf einen Landstrich voller Geröll und Sand in der südlichen Sahara bezieht, kann es gar nicht genug Gullydeckel geben.

          Dabei verhält sie sich dank ausreichend straffer Dämpfung auf der Landstraße keineswegs schaukelig, taucht auch bei hartem Bremsen mit der Front nicht bedenklich tief ein, schwingt sich gefällig von einer Schräglage in die andere. Die Reifen vom Typ Pirelli Scorpion Rallye STR spielen trotz groben Profils im Kurvengetümmel erstaunlich gut mit. Effizienten Windschutz bietet die im Paris–Dakar-Stil steil aufragende Frontpartie.

          Gesunde Härte

          Das alles gilt schon für die rund 9700 Euro kostende Basisversion der Maschine (Technik und Motor vom 28. Mai 2019). Nun lockt die etwa 1600 Euro teurere Rally-Abwandlung mit zusätzlichen Attraktionen. Allen voran der Akrapovič-Schalldämpfer, der für einen vollen und zugleich vorbildlich dezenten Klang sorgt. Ferner: massive Protektoren für Motor, Kühler und Kette, Offroad-Griffe sowie Flankenschutz für den Tank. Die Glühlampen-Sparblinker des Standardmodells werden durch LED-Bauteile ersetzt, die besser zum unternehmungslustigen Rally-Gesicht mit vier LED-Scheinwerfern passen. Was auch die Blaue leider vermissen lässt, sind Tempomat und Griffheizung.

          Nicht nur hart und schmal ist die Sitzbank der Normal-Ténéré, sondern mit 875 Millimetern auch so hoch, dass das Aufsteigen ohne Hühnerleiter für Kurzgewachsene eine Herausforderung darstellt. Die Rally setzt noch 20 Millimeter drauf: 895 Millimeter Sitzhöhe bewirken, dass man auch mit einsfünfundachtzig beim Ampelstopp nur mit der Fußspitze den Boden erreicht. Darauf muss man sich einlassen wollen. Der einteilige Geländeschemel gewährt maximale Bewegungsfreiheit, verlangt aber einen Melker mit gestähltem Hinterteil. Der Motor begnügt sich mit ungefähr vier Liter Benzin auf 100 Kilometer, der Tank fasst 16 Liter. Längere Passagen ohne Unterbrechung sind also möglich.

          Wenn man es denn lange genug auf dem kernigen Möbel aushält. Auf jeden Fall passt der schicke Sitzbankbezug aus zwei unterschiedlichen Materialien plus „Yamaha“-Schriftzug ganz vorzüglich zur Habenwollen-Farbe der Rally. Blau, Gelb, Speedblock – wie die Yamaha-Rennmaschinen der Rallye Dakar aus den frühen Achtzigern.

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