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Fahrbericht Vespa Primavera : Voll auf die Zwölf

Vespa Primavera und das weitgehend baugleiche Schwestermodell Sprint. Bild: Hersteller

Vor 50 Jahren erschien die erste Vespa Primavera. Solch ein Jubiläum darf der Piaggio-Konzern natürlich nicht einfach so verstreichen lassen. Hat er auch nicht.

          Mit dem Fortschritt ist es so eine Sache. Zu viel davon ist auch nicht gut. Piaggio setzt ihn behutsam ein für seine Marke Vespa und fährt gut damit, wie das Beispiel Primavera zeigt. Bei diesem Bestseller und dem weitgehend baugleichen Schwestermodell Sprint (zu erkennen am eckigen statt runden Scheinwerfer) handelt es sich im Unterschied zur dicklicheren GTS um die Vespa mit der schlanken Metall-Karosse. Die jüngste Primavera, seit 2013 auf dem Markt, wird mit 50-, 125- und 150-Kubik-Motoren angeboten, letztere Version vor allem für die italienische Heimat. Dort werden für die Benutzung der Autobahn mindestens 150 Kubik vorausgesetzt. In Deutschland ist die 125er Primavera der Star der Leichtkraftroller-Klasse und seit Jahren einsam an der Spitze.

          Walter Wille

          Redaktion „Technik und Motor“

          Was die Antriebsleistung betrifft, geht es bei einer Vespa nie um die Spitze. Hier bleibt im Modelljahr 2018 alles beim Alten. Das Motörchen der Viertakt-50er leistet 3,3 PS, die 150er tritt mit 12,9 PS an. Der luftgekühlte Dreiventiler der 125er, um die es hier geht, kommt auf 10,8 PS, bleibt also nach wie vor deutlich unterhalb der 15-PS-Grenze des A1-Führerscheins (ab 16 Jahre). Ein echter Nachteil ist das nicht, denn die Schönheitskönigin aus Pontedera soll nicht über die Autobahn bolzen, sondern im Stadtverkehr ihre Wendigkeit und auf der Piazza ihre Lieblichkeit ausspielen. Ihr Einzylinder ist kein Reißer, sondern ein Schnurrer, geschmeidig, genügsam, ein Vorbild an Laufkultur. Gut 90 km/h sind drin. Das reicht, um auf einem Stück Schnellstraße nicht unter die Räder zu kommen.

          Wesentliche Neuerung für die Primavera ist der Umstieg auf größere Alu-Räder, die jetzt zwölf statt elf Zoll messen, wie sie die Sprint schon hatte. Piaggio setzt also ganz auf die Zwölf, ein lobenswerter Schritt. Größere Räder machen sich durch höhere Fahrstabilität und ein sichereres Verhalten auf schlechten Fahrbahnen bemerkbar. Nachteile hinsichtlich der berühmten Quirligkeit einer Vespa vermochten wir bei einer ersten Probefahrt nicht festzustellen. Der Federungskomfort scheint eher gewonnen zu haben. Der Scheinwerfer – sowohl der runde der Primavera wie auch der eckige der Sprint – wird nun, wie bisher schon das Rück- und das Tagfahrlicht, mit LED-Technik bestückt. Die Vespa wirkt verjüngt dadurch, obwohl sie ansonsten geblieben ist, wie sie war. Dass die Designer ein klein wenig Hand anlegen durften, zeigt sich an der traditionellen „Krawatte“ auf der Front, die einen Hauch eckiger gestaltet wurde.

          Wesentliche Neuerung für die Primavera ist der Umstieg auf größere Alu-Räder, die jetzt zwölf statt elf Zoll messen. Bilderstrecke

          Eine Entriegelung der Sitzbank zur Öffnung des Staufachs per Fernbedienung zählt nun zur Serienausstattung, desgleichen der „Bike Finder“: Man drückt die Taste einer Fernbedienung, und die Vespa meldet sich blinkend. Klingt für deutsche Verhältnisse überflüssig, kann aber ein Segen sein für all jene, die im Rollergetümmel auf dem Stiefel ihre geparkte Vespa suchen. Die ist nun mal ein durch und durch italienisches Produkt. Sämtliche Vespas für die Märkte Europas werden im Stammwerk Pontedera nahe Pisa gefertigt und nicht in den Fabriken in Indien oder Vietnam, wie die Verantwortlichen beteuern. Leider haben sie den Seitenständer wegrationalisiert, der mittlerweile als Extra bestellt werden muss.

          Die exakten Preise für Deutschland stehen kurz vor der Markteinführung noch nicht fest. Für die Primavera 125 werden etwa 4700 Euro (Nebenkosten inklusive) zu zahlen sein, für die Sprint, die sich außer durch die eckige Lampe auch durch schwarze Räder, kantigere Rückspiegel, den Sitzbezug, andere Farben, einen knapperen Soziushandgriff sowie eine sportlichere Ausstrahlung abhebt, zirka 4800 Euro. Jeweils 500 Euro mehr verlangt Piaggio für die neuen S-Versionen von Primavera und Sprint. Deren Besonderheit ist das erste TFT-Display der Vespa-Historie. Für die Zweiradbranche ringsum schon fast ein alter Hut, für Piaggio eine „Revolution“.

          Diese rechteckige Farbanzeige informiert rein digital über Geschwindigkeit, Drehzahl, Wegstrecke, Benzinvorrat und dergleichen, verrät die Umgebungstemperatur und dient als Bildschirm für das Multimedia-System VMP (Vespa Multimedia Platform). Dies verbandelt sich mit Smartphone und App, eröffnet den Vespisti den Zugang zu tiefergehenden Fahrzeugdaten, erlaubt ihnen per Sprachbefehl ins Helmmikrofon und Tastendruck am Lenker die Steuerung von Telefon und Musikspieler.

          Piaggios Entwickler haben es fertiggebracht, das TFT-Teil so in die traditionsreiche Umgebung einzupassen, dass es nicht als Fremdkörper erscheint. Aber mal im Vertrauen: Uns gefällt das klassische, trapezförmige Instrument mit Tachonadel, wie es in Primavera und Sprint ohne S verbaut wird, besser. Ganz abgesehen davon, dass man 500 Euro spart.

          Doch wer Vespa wählt, will nicht unbedingt sparen, sondern Stil beweisen. Dazu kann auch das technisch identische Primavera-Sondermodell „Anniversario“ mit 50-Jahre-Plakette und der Spezialfarbe Azzurro-Hellblau oder Maronenbraun Gelegenheit geben. Oder die Primavera „Yacht Club“ in maritimem Weißblau. Schwarz wie die Nacht rollt dagegen in Kürze das Modell „Notte“ an, komplett in glänzendes und mattes Schwarz getaucht. Die Preise sind hier wie da noch nicht bekannt.

          Als „Yacht Club“ und „Notte“ wird es übrigens auch die voluminösere GTS 125 geben, die nicht vom luftgekühlten Drei-, sondern vom aus dem Piaggio Medley bekannten wassergekühlten Vierventilmotor angetrieben wird und über eine Start-Stopp-Automatik verfügt. Das ist dann die erste Vespa der Geschichte mit Start-Stopp. Und die schon eine Weile angekündigte Elektro-Vespa mit und ohne Range Extender soll nun wirklich im September oder Oktober in den Handel kommen. Manchmal dauert es ein bisschen mit dem Fortschritt bei Piaggio. Aber aufzuhalten ist er nicht.

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