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Toyota Camry : Für Freunde exklusiver Entschleunigung

Jammern auf hohem Niveau: Der wilde Camry hat ein sanftes Herz. Bild: Hersteller

Der Toyota Camry ist ein Exot, aber ein bemerkenswerter. Was kann sein Hybridantrieb? Jedenfalls erzieht er trotz 218 PS zu neuer Gelassenheit. Manche sagen, zu Langeweile.

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          Vermutlich gibt es kein rollenderes Beispiel für die Unterschiede zwischen Amerika und Europa als den Toyota Camry. In den Vereinigten Staaten beständig der meistverkaufte Personenwagen, ist Toyota in Deutschland froh, wenn im Jahr 1000 Stück an den Kunden gebracht werden. 2004 führte das schon mal zu einem Ende, das sich nun als vorübergehendes herausstellt. Nach 15 Jahren kehrt der Camry zurück und schickt den farblosen Avensis in Rente.

          Holger  Appel

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Technik und Motor“.

          Die Limousine pflegt auf 4,89 Metern einen stattlichen Auftritt mit einem Design, das an Ecken und Kanten und Linien und Sicken nicht spart. Innen herrscht stilistisch mehr Ruhe und solide Verarbeitung, aber auch die für amerikanische Verhältnisse typische, von Finessen befreite Einrichtung. Haufenweise und kaum zu erfassende Informationen in den Anzeigen gehören ebenso zum Programm wie ständiges Piepsen wegen irgendeiner Handlung des Fahrers, die vermeintlich nicht so ist, wie sie sein sollte. Die Krönung unsinniger Bevormundung ist uns beim Rückwärtseinparken parallel zur Straße widerfahren, als der Computer eine Vollbremsung hinlegte, weil fünf Meter hinter dem Camry ein Auto angehalten hatte, um uns einparken zu lassen.

          Wer darüber hinwegkommt, findet um etwas knapp geschnittene Sitze einigen Luftraum vorn, ordentliche Beinfreiheit hinten und einen schluckfreudigen Kofferraum, in den allerdings die mächtigen Scharniere der blechern klingenden Klappe hineinschwingen und das Gepäck attackieren, woran sich erkennen lässt, dass Toyota hier mehr auf Kosten denn auf Feinschliff achtet. Die Verkehrszeichenerkennung ist unzuverlässig, die Klimaanlage bestens. So weit, so profan.

          Die Limousine pflegt auf 4,89 Metern einen stattlichen Auftritt. Bilderstrecke

          Spannend wird es beim Antrieb. Der Camry wird in Deutschland ausschließlich als Hybrid angeboten, und zwar einer, der nicht an der Steckdose aufgeladen werden kann. Sein kleiner Akku speist sich aus Motor- und Bremsenergie, er genügt zum Anfahren und für vielleicht zwei Kilometer elektrische Fahrt. Die Elektromaschine soll den Benziner entlasten und unterstützen, was Toyota sinnvoller findet als Plug-in-Hybride, die ihre von der Politik geforderten 40 Kilometer elektrische Fahrt mit hohem Gewicht und hohen Kosten erkaufen.

          Im frontangetriebenen Camry arbeitet ein 2,5-Liter-Vierzylinder mit 177 PS und 221 Newtonmeter Drehmoment, die Elektromaschine liefert 120 PS. Die Kraftverteilung übernimmt ein stufenloses Planetengetriebe. Daraus ergeben sich 218 PS Systemleistung, das klingt nach viel, fühlt sich aber nach weniger an. 0 auf 100 km/h gelingen gemäß Papierform in 8,3 Sekunden, bei 180 km/h wird abgeregelt. Unter starker Beschleunigung oder auch nur während eines entschlosseneren Überholvorgangs heult der Motor jämmerlich, so dass man dergleichen bald unterlässt. Der Camry erzieht zu einer gänzlich defensiven Fahrweise, gleitend, vorausschauend, mitschwimmend. Dazu passt das unspektakulär abgestimmte Fahrwerk, das aus seiner Ruhe nur durch trocken anschlagende Querfugen gebracht wird. Im Zustand kontemplativer Gelassenheit gönnt sich der Maschinenraum 6,3 Liter Superbenzin im Durchschnitt, Autobahn treibt den Verbrauch auf 7,1 Liter, Stadt und Land sind mit 5,4 Liter zu durchqueren. Das ist angesichts der Größe des Camry schon beeindruckend, freilich vermuten wir, dass ein Diesel, so bewegt, derlei auch locker schaffen würde.

          Immerhin muss sich der Interessent darüber keine Gedanken machen, es gibt den Camry nur in einer Karosserieversion, mit nur diesem Motor und in zwei Ausstattungsstufen. Die eine ist umfangreich, die höhere umfangreichst angereichert, 42.390 Euro kostet das von uns bewegte Executive-Modell. Das ist ein Wort, und die Garantie, dass dieser Wagen nicht an jeder Ecke steht, ist im Preis mit drin.

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