https://www.faz.net/-gy9-7ph42

Fahrbericht BMW R 1200 GS : Der wahre Watzmann

Die besten Motorräder sind jene, die einem erst mal einen Schreck einjagen Bild: Hersteller

Tausend Kilometer mit der BMW R 1200 GS Adventure. Dabei wird klar: Sie ist die bessere GS. Man gewöhnt sich an sie wie an einen wirklich guten Freund.

          3 Min.

          An einem Dienstag im Frühling stand morgens um neun der Watzmann vor der Tür. Nicht unerwartet, es war ja besprochen, dass er gebracht wird. Somit war also bekannt, was auf einen zukommt. Aber wenn er dann leibhaftig vor einem steht, bekommt man einen Schreck. Was für ein Berg!

          Walter Wille
          Redaktion „Technik und Motor“

          Die besten Motorräder sind jene, die einem erst mal einen Schreck einjagen und sich anschließend als fordernd, aber umgänglich erweisen. Somit ist gewährleistet, dass es nicht langweilig wird und niemals der Respekt abhandenkommt. Die besten Motorräder verlangen nach steter Aufmerksamkeit und geben dafür besonderen Erlebniswert zurück. Genau so verhält es sich mit dem Watzmann.

          Erklimmt man den Berg und nimmt Platz, fühlt man sich sofort in Empfang genommen, umsorgt und zugleich zu Taten angestachelt. Der Watzmann verkörpert pure Unternehmungslust. Er gewährt Geborgenheit, lässt spüren, dass er ungern vor irgendeiner Aufgabe kapituliert. Damit es weitergeht, immer weiter, würde er auch das Meer teilen, wenn es ihm den Weg versperrt. Es müsste ihm nur mal jemand zeigen, wie man das macht.

          Kostet mindestens 16.290 Euro

          Der Watzmann ist die bessere GS. Leider auch die teurere. Die Adventure-Version der BMW-Großenduro R 1200 GS kostet mindestens 16.290 Euro und somit 1500 mehr als die Basis-GS. Dafür bekommt man zusätzlich: martialische Kuhfänger aus Edelstahl zum Schutz von Motor und Tank, einen Spritcontainer mit 30 (statt 20) Liter Fassungsvermögen plus Staufach obenauf für künftige Mautkarten, Speichen- statt Gussräder, Handprotektoren, eine vergrößerte, per Drehgriff verstellbare Scheibe, seitliche Windleitflügel, gezackte Enduro-Fußrasten, verstellbare Fußhebel. Die Fahrwerksgeometrie wurde auf gesteigerte Handlichkeit (sie geriet sensationell) ausgelegt, zur Beruhigung der Frontpartie ein Lenkungsdämpfer installiert. Die Federwege wuchsen zum Zwecke besserer Geländetauglichkeit um 20 Millimeter (210 vorn/220 hinten), die Bodenfreiheit legte um zehn Millimeter zu, der Antriebsstrang erhielt (wegen des größeren Knickwinkels der Kardanwelle) einen Schwingungsdämpfer.

          Erstmals in der Historie des Bestsellers GS unterscheiden sich Standard- und Abenteuer-GS hinsichtlich ihres Motor-Charakters. Zwar blieben Spitzenleistung (125 PS/92 kW bei 7750/min) und Drehmoment (125 Nm bei 6500/min) identisch, doch weist die Kurbelwelle des luft- und wassergekühlten 1,2-Liter-Boxers der Adventure fast ein Kilo mehr Schwungmasse auf. Der Zweizylinder geriert sich weniger spitz, weniger aggressiv, geht sanfter ans Werk. Die Standard-GS neigt im Schritttempo zum Ruckeln. Wir haben es mehrmals fertiggebracht, sie beim Abbiegen mit versehentlich zu hohem Gang bei niedrigen Drehzahlen abzuwürgen. Mit der Adventure-Version passiert das nicht. Die zieht aus Drehzahltiefen unter 2000/min heraus wie ein Traktor für den globalen Acker.

          Gibt einem das Urvertrauen zurück

          An Spritzigkeit mangelt es ihrem Zweizylinder dennoch nicht. BMW sollte unbedingt auch die Basis-GS mit dem Schwungmassen-Boxer ausstatten. Er gibt einem das Urvertrauen zurück und schafft gemeinsam mit der Souveränität und Stabilität der Maschine, der wundersamen Wendigkeit und dem Komfort an Bord eine einzigartige Wohlfühlatmosphäre. Die bleibt auch beim forcierten Ritt erhalten.

          Wie der Watzmann messerscharf in Kurven hineinbremst, sich in Schräglage begibt, neutral, zielgenau und ohne zu zucken, dabei klar und deutlich über Haftung der Reifen und Zustand der Fahrbahn berichtet, sich durch Zugabe von etwas Gas zum Ausgang des Bogens hin mit Leichtigkeit wieder aufrichtet und mit all seiner Masse auf die Gerade hinausröhrt, das ist immer wieder elektrisierend. Das Kurvenerlebnis ist auch deshalb so spektakulär, weil man von weit oben kommt, wenn man tief abtaucht.

          Über miesen Straßenbelag lächelt der Watzmann hinweg. Als Schönheit kann man ihn kaum bezeichnen. Er begibt sich gern auch ungewaschen und unrasiert unters Volk, wirkt - besonders im Farbton Oliv-Matt - wie ein Stück Wehrtechnik mit dem Charme eines Leopard II. Kleingewachsene, schmächtige Leute sollten sich überlegen, ob sie verweigern. Man muss körperlich geschaffen sein für den Watzmann. 890 Millimeter Sitzhöhe (durch Umklappen zweier Bauteile unterm Sattel auf 910 Millimeter zu steigern) sind ein Wort. Auf den Hauptständer wuchten ist ein Akt. Unbefestigte Wege, leichteres Gelände, Wenden auf engem Raum - funktioniert alles fabelhaft und viel einfacher als gedacht, kostet aber Überwindung. Die Konsequenzen des Scheiterns, also Umfallens, können hart und schmerzhaft sein. Denn der Watzmann wiegt rund 270 Kilo.

          Komplett ist er erst mit all den feinen Zutaten, die BMW als teures Sonderzubehör anbietet: semiaktives Elektrofahrwerk, volles Programm der fünf Fahrmodi (Basisausstattung nur zwei), Tempomat, integriertes Navigerät, Bordcomputer „Pro“, LED-Scheinwerfer, -Zusatzscheinwerfer, -Blinker und -Tagfahrlicht, Griffheizung, Reifendruckkontrolle, die famosen Weltenbummler-Alukoffer und so weiter - will man unbedingt haben, denn das alles ist kein Tinnef.

          Erst in Vollausstattung, mit einem Preis, der bei rund 20 000 Euro gipfelt, ist der Watzmann der wahre Watzmann. An den komischen Dreh-Controller links am Lenker zur Steuerung des Navis können wir uns einfach nicht gewöhnen. Die automatische Blinkerabschaltung taugt nichts, denn es blinkt nach dem Abbiegen noch ein paar Kreuzungen weiter. Dennoch: Ein vielseitigeres Motorrad kennen wir nicht. Es beherrscht die ganze Bandbreite von Alltag über die sportliche Runde nach Feierabend bis zur Fernreise zu zweit. Für Expeditionen zum Bäcker, in die Steppe Mecklenburgs, nach Patagonien sind 5,4 bis 6,5 Liter für 100 Kilometer einzukalkulieren.

          Wir haben den Watzmann nach 1000 Kilometern hingestellt und nicht mehr angerührt, bis er Tage später wieder abgeholt wurde. Sonst wäre die Trennung schwergefallen. Denn man gewöhnt sich an ihn wie an einen wirklich guten Freund.

          Weitere Themen

          Fahrt ins Blaue

          Was wird aus der IAA? : Fahrt ins Blaue

          Im September will die IAA in München ein Zeichen des Aufbruchs senden. Das kann man sich als am Auto und am Standort Deutschland Interessierter nur wünschen. Doch es hagelt Absagen.

          Topmeldungen

          Wegen seines Umgangs mit dem Missbrauchsskandal in der Kritik: Rainer Maria Kardinal Woelki

          Erzbistum Köln : Gibt es noch eine Zukunft mit Woelki?

          In Köln ist das Vertrauensverhältnis zwischen Erzbistum und Erzbischof zerrüttet. Ein externer Moderator muss einspringen. Nicht wenige hoffen, dass ein Spruch aus Rom die Angelegenheit schon vorher erledigt.
          Im Wahlkampf: Der Kanzlerkandidat der Union und CDU-Vorsitzende Armin Laschet

          Wahlprogramm der Union : Adenauer reicht nicht mehr

          Vielleicht wäre es Armin Laschet am liebsten gewesen, einfach Wahlkampfplakate mit den Worten „Keine Experimente!“ zu bedrucken – und abzuwarten, wie sich die Konkurrenz um Kopf und Kragen redet. Tatsächlich muss er mehr tun.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.