https://www.faz.net/-gy9-9jxex

Fahrbericht Mercedes-AMG C 43 : Der Tacho kann nicht stimmen

Der C 43 lässt sich von seinen grillmäßig irgendwie nach Zahnseide gierenden Geschwistern aus der 63er Liga ganz gut unterscheiden. Bild: Daimler AG

Was AMG so Basis nennt: Zwei Streben, vier Rohre und recht erquickliche 390 PS im frischen C 43. Ausdrücklich zu warnen ist vor dem Tacho.

          Die Hersteller machen ja stets einiges Aufheben um ihre neuen Gefährte, sei auch nur eine Strebe im Kühlergrill, wie man weltmännisch sagt, gefaceliftet. Uns hingegen liegt Bescheidenheit in den Genen, weshalb wir bei des Daimlers dynamischer Tochter AMG um die Überlassung des Basismodells aus der erfrischten C-Reihe gebeten haben. Dasselbe hat ausweislich der Affalterbacher Expressdienstleister jetzt ebenjene Strebe in der Front, doppelt und quer, womit sich der C 43 von seinen grillmäßig irgendwie nach Zahnseide gierenden Geschwistern aus der 63er Liga ganz gut unterscheiden lässt. Leistungsseitig stehen achtzylindrige 510 und 476 PS oder jene basismotorischen 390 PS des Testwagens zur Verfügung, die aus sechs Zylindern und druckerhöhten Turboladern entspringen.

          Holger  Appel

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Technik und Motor“.

          Zuvor waren das 23 Pferdestärken weniger, was doch arg nach Beklemmung roch, doch wir müssen leider zugestehen, dass wir das Plus jetzt nicht wirklich herausfahren konnten. Der AMG C 43 alt ging wie der Teufel im Boss-Anzug, und der AMG C 43 neu geht wie der Teufel im Boss-Anzug. In dieser Liga von nicht zu unterschätzender Bedeutung ist der Hinweis, dass sich Bayern Ingolstadts Audi S5 und Bayern Münchens BMW 440i versägen lassen, was Balsam auf die gebeutelte schwäbische Seele sein dürfte, also fußballernd betrachtet.

          Eher untergeordnet wichtig wirkt die neu geformte Frontschürze, die kühlende Luft effektiver dorthin leiten soll, wo sie hingehört. Von größerer Bedeutsamkeit auch für das Auge des heiße Hecks schätzenden Betrachters erscheint die Auspuffanlage, die vierflutig in einen Diffusor von tiefer Entschlossenheit eingebettet ist. Nun könnte der Eindruck entstehen, dieser AMG trage arg dick auf, doch genau das tut er nicht. Mercedes ist ein starkes Stück in adretter Hülle geglückt, das auf dem schmalen Grat gekonnten Understatements balanciert.

          Leistungsseitig stehen achtzylindrige 510 und 476 PS oder jene basismotorischen 390 PS des Testwagens zur Verfügung. Bilderstrecke

          Fahrer und Beifahrer erwarten konfigurierbare Bildschirme und eine fein dekorierte Einrichtung. Die berührungsempfindlichen Miniquadrate im Lenkrad zur Ansteuerung digitaler Errungenschaften werden auch hier serviert, wir finden sie weiterhin Murks. Die sportlich geformten Sitze erweisen sich auf langer Strecke als bequemer als angenommen, sie bleiben freilich näher am Schraubstock denn am Sofa. In Kurven ist ihr Halt ein Segen, was das formidable Fahrwerk und die präzise Lenkung im Grenzbereich zulassen, übersteigt einiges an Vorstellungsvermögen. Über den hecklastig ausgelegten Allradantrieb mag gestritten werden, natürlich sind pur befeuerte Hinterräder von Profis noch agiler zu dirigieren, aber wer ist wirklich Profi und hält sich nicht nur dafür? Alle anderen schätzen den Sicherheitsgewinn der vier angetriebenen Räder, auf Schnee sowieso. Denn der AMG eignet sich, sofern man sich auf die grundsätzlich straffe Orientierung einlässt, mit seinen praktischen Talenten der C-Familie als Ganzjahresauto. Und wer mehr laden muss, nimmt den Kombi.

          Der Dreiliter-V6 ist gekoppelt an die Neunstufenautomatik, was nach Problemen zu Beginn der Partnerschaft in eine harmonische Ehe gemündet ist. 520 Nm und die lineare Leistungsentfaltung quasi aus Leerlaufdrehzahl heraus sind eine Wucht. Null auf hundert gelingen bestenfalls in 4,7 Sekunden, bei 250 km/h wird abgeregelt, was erträglich erscheint. Ausdrücklich zu warnen ist vor dem Tacho, der weit vorauseilt, nun ja, vorauseilen muss. Was er anzeigt, kann gefühlt nicht sein. Bei 50 km/h entsteht der Eindruck, man könne aussteigen, und um 180 km/h scheint gerade die Richtgeschwindigkeit auf der Autobahn erreicht. Die Souveränität der Bärenkräfte führt besonnene Zeitgenossen zu flotter Gelassenheit am Steuer, die übrigen in die Radarfalle. Das auf Tastendruck oder in den bis zum Hockenheim-Modus reichenden Sportprogrammen Brüllen der Auspuffanlage haben wir nach ein paar Übungen des Halbstarkendaseins abgeschaltet, es nervt auf Dauer eher, als dass es imponiert.

          10,8 Liter Super-Verbrauch stehen im Tankprotokoll, was wir alltagstauglicher finden als die Preisliste. AMG lässt sich alle großen Zutaten und jede Kleinigkeit extra bezahlen. So ist der Einstiegspreis von 62 000 Euro nicht mehr als eine grobe Richtmarke auf der nach oben offenen Enthusiasmusskala.

          Weitere Themen

          Mercedes-Benz ist kein Hon-Circle mehr

          Lufthansa : Mercedes-Benz ist kein Hon-Circle mehr

          Die Lufthansa chauffiert ihre wichtigsten Gäste künftig nur noch mit Porsche und VW Bus. Rauswurf wegen Ärgers oder Kündigung wegen der Kosten? Die Partner sind entzweit.

          Science Fiction für Jedermann Video-Seite öffnen

          Lilium-Flugtaxi : Science Fiction für Jedermann

          Die Firma hat jetzt Bilder von einem kurzen, unbemannten Flug eines Prototypen veröffentlicht. Das Flugzeugtaxi soll für jeden verfügbar sein, nicht nur für reiche Käufer, versichert Firmenchef Daniel Wiegand. Schon 2025 soll das Fluggefährt auf den Markt kommen.

          Öffnen Sie die Bullaugen

          Schlusslicht : Öffnen Sie die Bullaugen

          Mit Erleichterung nehmen wir aus dieser Woche mit, dass wir uns keine Gedanken mehr um die Zukunft des Automobils machen müssen. Wir fliegen nur noch.

          Bolt setzt jetzt auf E-Roller Video-Seite öffnen

          Früherer Sprintstar : Bolt setzt jetzt auf E-Roller

          Der frühere Sprintstar Usain Bolt hat in Paris seine eigene Marke für Elektroroller vorgestellt. 450 Roller mit seinem Namen sollen bald durch die französische Hauptstadt kurven. Zuletzt hatte sich Bolt als Fußballer versucht, ohne Erfolg.

          Topmeldungen

          Wie weiter mit dem Brexit? : Das britische System liegt in Trümmern

          Womöglich kann das britische Parlament einen „No Deal“ nach der Europawahl nicht mehr verhindern. Dann müsste die EU sich auch an die eigene Nase fassen – sie hat zur Polarisierung der Politik im Vereinigten Königreich beigetragen.

          Deutschland beim ESC : S!sters am Ende

          Der deutsche Beitrag beim ESC landet mal wieder auf einem der letzten Plätze. Was haben die S!sters falsch gemacht? Und warum suchen sie die Fehler bei anderen?

          Meister Bayern München : Der stille Abgang des Jérôme Boateng

          Die Bayern feiern – nur einer will nicht mitmachen. Jérôme Boateng ist nur eine Randfigur. Er verlässt das Stadion wortlos als erster Münchner. Bei der abendlichen Feier steht Boateng gar nicht mit der Mannschaft auf dem Balkon.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.