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Kawasaki Ninja H2 SX : Haben Sie es etwa eilig?

  • -Aktualisiert am

Keine macht mit Beladung jeglicher Art solchen Druck wie die Kompressor-Kawasaki. Bild: Böhringer

Die Kawasaki Ninja H2 SX taugt auch für die große Tour zu zweit. Allerdings hat dieses Motorrad einen hohen Reifenverschleiß.

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          Nein, man kann den japanischen Entwicklern bei Kawasaki nicht vorwerfen, dass sie bei der Konzeption der H2 SX nicht an alles gedacht hätten: Unübersehbar leuchtet beim morgendlichen Kaltstart des Motors das Wort „Ice“ auf dem farbigen TFT-Display im Cockpit, ergänzt durch einen stilisierten Schneekristall. Null Grad zeigt das Umgebungsthermometer der metallicgrün und schwarz lackierten Wuchtbrumme. Sie parkte die Nacht über in 2571 Meter Höhe an der Edelweißhütte am Großglockner.

          Mit deutlich erhöhter Leerlaufdrehzahl und noch etwas ungeschmeidigem Lauf wärmt sich der 200-PS-Athlet für bevorstehende Taten auf; erst nach zwei, drei Minuten fällt die Drehzahl auf gut 1000 in der Minute, aus heiserem Schnarren wird verbindliches Säuseln. Jetzt lässt sich auch der erste Gang fast widerstandslos einlegen. Dass das Triebwerk dank seines mechanischen Kompressors ganz anders kann, verheimlicht es im Stand weitgehend. Understatement, wohin man hört – und auch schaut. Lediglich ein einziges kleines Schildchen verrät: Supercharged.

          Als „Green Porsche Killer“ haben wir die Kompressor-Kawa aus Anlass der Neuvorstellung dieser Kawasaki bezeichnet. Während der gut 4000 Kilometer, die sie jetzt in unserer Obhut absolvierte, hat sie sich dieses Titels als würdig erwiesen. Soll sie wirklich schnell fahren, erledigt sie das mit höchster, geradezu beängstigender Lässigkeit. Egal ob mit den beiden seitlich zu montierenden, maßgenau angepassten Gepäckkoffern oder ohne, nie registrierten wir ein Pendeln, Schwanken, Schwänzeln. Bedingungslos stabil glüht die Kawa voran, reagiert unverzüglich auf das „Feuer frei“. Der mechanische Lader arbeitet, aus dem Augenwinkel kann die blitzartig größer werdende Ladedruckanzeige verfolgt werden, 12.000 Kurbelwellenumdrehungen pro Minute reißen ein riesiges Loch in die unsichtbare Wand vor dem Fahrer. Beim Schalten hilft Quick-Shift.

          Der Verbrauchs-Durchschnitt lag über die gesamte Distanz bei 6,2 Litern pro 100 Kilometer.
          Der Verbrauchs-Durchschnitt lag über die gesamte Distanz bei 6,2 Litern pro 100 Kilometer. : Bild: Böhringer

          Doch es zeigte sich schon sehr bald, dass der Reifenverschleiß sehr hoch ist. Mehr als 3000 Kilometer hielten die ansonsten ausgezeichneten Bridgestone-S21-Reifen einfach nicht, auch wenn man nur ab und zu so richtig Gas gibt. Bei zehn Prozent liegt der Schlupf am Hinterreifen schon bei 200 km/h und mutiert damit zu einem Radiergummi.

          Ansonsten notieren wir: Erstaunlich guter Windschutz der SE-Version mit leicht vergrößertem Windschild, entspannte Sitzposition mit akzeptablem Druck auf den Handgelenken selbst bei längerer Fahrt, ausreichende Reichweite bei zügig-gleitender Fahrt auf Land- und Bergstraßen. Dem 19-Liter-Tank entlockten wir teils mehr als 300 freudvolle Kilometer ohne Tankpause, wobei der errechnete Verbrauchs-Durchschnitt über die gesamte Distanz bei 6,2 Litern pro 100 Kilometer lag. Oberes Maximum sehr akzeptable neun Liter, unteres 4,9 Liter, ohne Bummeln, versteht sich, aber auch ohne Speed-Exzesse.

          Wie sich die Gewalten, zu denen die H2 SX fähig ist, auf dem Soziussitz anfühlen ist eine besondere Sache. Angesichts einer möglichen Beschleunigungszeit von deutlich unter zehn Sekunden für den Sprint von 0 bis 200 km/h muss der oder die Sozia auf der Hut sein, um im Sattel zu bleiben. Zu zweit waren wir nie schneller als 200 km/h. Auch da natürlich ohne Zucken und Mucken aus dem Kawasaki-Fahrwerk.

          Beeindruckend ist aber nicht nur die bei nominell 200 PS erwartbare Kraft, sondern die sehr gute Fahrbarkeit der H2 SX: Sogar sich selbst als „Angsthasen“ bezeichnende Probefahrer berichteten nach ihrer 200-Kilometer-Testfahrt von leichter Zugänglichkeit, vollem Vertrauen und großer Umgänglichkeit. Dazu gehört, dass diese Wuchtbrumme schon aus weniger als 2000 Umdrehungen in der Minute selbst im sechsten Gang ruckfrei beschleunigt und auch sonst keinerlei Zicken zeigt; sie lässt sich trotz ihres Gewichtes von 270 Kilogramm inklusive der Koffer leicht einlenken und widersetzt sich auch in Schräglage Kommandos von Seiten des Fahrers nicht über Gebühr. Zudem funktioniert auch das Bremsen in Kurven ohne nennenswertes Aufstellen.

          Dass die H2 SX so gut wie alle gängigen elektronischen Assistenzsysteme (Traktionskontrolle, Fahrmodi, Kurven-ABS, Tempomat) an Bord hat, sei erwähnt. Auch einen bestens bedienbaren Hauptständer bringt sie mit, nur leider keine automatische Blinkerrückstellung und auch kein noch so kleines Ablagefächlein im Cockpit. Nasse Straßen quittiert die H2 SX damit, dass sie wegen der arg knappen Hinterradabdeckung viel Dreck aufwirbelt; die Besatzung bekommt ihn ab.

          Wer inklusive der gut 850 Euro kostenden Seitenkoffer knapp 23 500 Euro investiert, erhält mit der Kawasaki Ninja H2 SX in SE-Version ein Motorrad, das tatsächlich die Bereiche Sport und Touring ähnlich gut beherrscht. Egal ob Großglockner oder verkehrsarme, nicht tempolimitierte Autobahn: Das Fahrvergnügen mit diesem Teufelsding ist ungewöhnlich groß, Erfahrung mit starken Zweirädern mal vorausgesetzt. Ein stets gut bestückter Reifenhändler im Freundeskreis ist allerdings von großem Vorteil.

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