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Umbau für 70.000 Euro : Jaguars Elektro-Type

  • -Aktualisiert am

Besser als neu: Der elektrische E-Type wird von Grund auf renoviert. Bild: Debus

Der silberne Roadster aus dem Jahr 1964 wird von Grund auf renoviert. Der Umbau dürfte Oldtimer-Fans die Haare zu Berge stehen lassen: kein Auspuff, dafür Elektromotor und Batterie. Doch es gibt auch eine neue Generation von Interessenten.

          Gestern, heute, morgen – so richtig weiß Tim Hannig selbst nicht, wo er diesen Jaguar E-Type verorten soll. Eigentlich ist der silberne Roadster aus dem Jahr 1964, restauriert wurde er 2018, und die Technik unter dem betörend geformten Blech weist in die Zukunft, sagt der Chef der Klassik-Sparte von Jaguar und weist zum Beweis auf zwei kleine Details hin: Unter dem Heck fehlt der Auspuff, und darüber prangt im klassischen Typenschild der Zusatz „Zero“. Denn dort, wo bei dem von 1961 bis 1974 rund 70.000 Mal gebauten Sportwagen früher mal ein Sechs- oder zum Ende der Laufzeit gar ein Zwölfzylinder installiert wurde, stecken jetzt der Elektromotor aus dem Jaguar iPace und der Batterie-Pack aus dem Range Rover Plug-In-Hybrid.

          Seit Megan und Harry mit dem umgerüsteten Kultauto publikumswirksam von der Royal Wedding geflüchtet sind, registriert Hannig so viel Nachfrage, dass es nicht bei den beiden Prototypen bleiben soll: Ab 2020 kann man für Preise um etwa 70.000 Euro sein Coupé oder seinen Roadster binnen 80 Stunden im Werk umrüsten lassen oder für 300.000 Euro einen komplett restaurierten Klassiker unter Strom kaufen. Gemessen an den 200.000 Euro, die aktuell für Originale in einem ordentlichen Zustand aufgerufen werden, ist das kein unbezahlbarer Tarif.

          Ernsthaften Oldtimer-Fans dürften bei diesem Umbau die Haare zu Berge stehen, als hätten sie gerade am Ladekabel geleckt. Hannig registriert aber eine neue Generation von Interessenten: Das seien zum einen jene, die einfach ein cooles Elektro-Auto und nicht den zehnten Tesla in ihrem Viertel haben wollten. Und da seien zum anderen vor allem jüngere Jaguar-Fans, die sich zwar für die Formen der alten Modelle begeistern können und wie Enzo Ferrari im E-Type den schönsten Sportwagen der Welt sehen, aber die Ölflecken auf dem Garagenboden satt haben und einfach einstiegen und losfahren wollen. Das gelingt beim E-Type Zero allemal. Schlüssel drehen, den aus den aktuellen Modellen übernommenen Fahrregler auf D und den Fuß aufs schlanke Pedal, schon surrt der offene Sportwagen davon, dass einem der Wind an den Haaren zupft – zumal der Kopf wie eh und je über die Scheibe ragt, statt dahinter zu verschwinden.

          Die Fahrleistungen sind dabei fast so imposant wie früher, als der E-Type Autos wie den Mercedes-Benz SL oder den Porsche 911 im Zaum halten musste. Immerhin liegt der E-Type Zero mit 258 PS und 450 Nm auf dem gleichen Level wie der originale Sechszylinder mit 3,8 Litern Hubraum, 265 PS und 385 Nm. Zwar streicht der neue Alte schon bei 180 km/h die Segel, während das Original bis zu 242 km/h erreicht hat. Doch mit einem Sprintwert unter sieben Sekunden beschleunigt es deutlich schneller als damals der Benziner. Und weil der E-Type, gemessen an modernen Autos, nichts wiegt und keine leidigen Nebenverbraucher hat, kommt er mit den 40 kWh des Lithium-Ionen-Blocks im besten Fall 300 Kilometer weit.

          Ungewohnte Heckansicht ohne Auspuff. Bilderstrecke

          Obwohl der E-Type Zero giftig und gierig ist wie das Original und sich trotz des spektakulär inszenierten, aber dafür auch ziemlich schweren Technik-Pakets unter der Haube noch immer wunderbar leichtfüßig über die Landstraße lenken lässt, ist das Fahrerlebnis betörend und verstörend zugleich: Ja, man muss sich keine Sorgen mehr machen, beim wie vielten Zündversuch der Motor endlich anspringt. Man muss mit keiner hakeligen Schaltung kämpfen, den Sechszylinder nicht mit feinem Zwischengas an der Ampel bei Laune halten, und man kann sich endlich auch unterwegs mit seinem Beifahrer unterhalten. Aber dafür ist das Fahren mit Strom lange nicht mehr so sinnlich: Wo ist es hin, das Bollern und Brüllen des Motors? Warum riecht der E-Type nach ein paar Kilometern wie ein heiß gefahrenes Spielzeugauto statt nach Sprit und Öl und Ruß?

          Hannig weiß um die Befindlichkeiten der traditionellen Sammler und hat sich gegen Kritik gewappnet. Für die Umbauten werden nur Wracks ohne Motor oder in Amerika mit Achtzylindern verschandelte Tuning-Modelle verwendet. Und zweitens wurde die Elektrifizierung so konzipiert, dass jederzeit wieder zurückgerüstet werden kann.

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