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Husqvarna Vitpilen 701 : Der Preis der Schönheit

Pilen dank auch: Husqvarna erfreut das Auge durch Schlichtheit. Bild: Wille

Die Vitpilen 701 von Husqvarna verbindet Schönheit mit Schlichtheit. Das technische Gerüst stammt von der KTM 690 Duke. Dem Eindruck nach wiegt sie nicht viel mehr als ein Knäckebrot.

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          Das Erste, was auffällt, ist das, was man nicht sieht. Ballast, Beiwerk, Verzierung, Aufmotzung – nichts dergleichen. Frisch und klar wirkt der Anblick der Husqvarna, unverbraucht wie der junge Morgen. Wo immer man auftaucht damit: anerkennendes Nicken. Selten fällt das Urteil so einmütig aus wie in diesem Fall. Die Botschaft der Leichtigkeit, der Unbeschwertheit und Unkompliziertheit wird verstanden. Einfach draufsetzen und losfahren.

          Walter Wille

          Redaktion „Technik und Motor“

          Das Zweite, was einem auffällt, wenn man dann losfährt, ist eine Kleinigkeit, der Kupplungshebel. Der ist kurz. So kurz, dass beim Kuppeln der kleine Finger der linken Hand außen vor ist, während der Ringfinger gegen den Knubbel am Hebelende drückt. Ungewohnt ist das und ein bisschen unangenehm. Da stellt sich immer wieder die Frage nach dem Warum. Keinem Entwickler, keinem Testfahrer kann das Kurzhebelproblem entgangen sein. Es muss einen Grund haben. Aber welchen?

          Ein funktioneller Vorteil ist nicht zu erkennen. Auch der Bremshebel rechts am Lenker ist kurz, was aber weniger stört, weil für den knackig zupackenden Einscheiben-Vorderradstopper die Zwei-Finger-Bremsmethode jederzeit ausreicht. War vielleicht der Langhebellieferant unpässlich? Oder wählte man die kurzen Teile in der Überzeugung, dass sie besser zur Anmutung des Fahrzeugs passen? Das könnte des Rätsels Lösung sein.

          Schöne LED-Leuchte und ein Rücksitz, der aussieht, als wär er gar keiner. Bilderstrecke
          Husqvarna Vitpilen 701 : Der Schönheit Preis

          Denn die Daseinsberechtigung der Vitpilen 701 liegt im Styling. Alles Technische gab es schon, solch ein Styling noch nie. Seit die KTM-Tochter Husqvarna 2014 begann, der Öffentlichkeit häppchenweise das Konzept einer kühlen Schönheit von kühner Schlichtheit zu unterbreiten, bauten sich Spannung und Vorfreude auf, wie man es nicht oft beobachtet. Jetzt ist das Fahrzeug da, auf raffinierte Weise simpel, und wenn man eines nicht sehen will, dann sind das vom Lenker abstehende Langhebel, die das Gesamtbild trüben.

          Das technische Gerüst stammt von der KTM 690 Duke, einschließlich des schlagkräftigsten Serien-Einzylindermotors der Welt. KTM geht das geschickt an mit seiner Nebenmarke, die ursprünglich schwedisch, dann italienisch, vorübergehend bayerisch war und nun in Oberösterreich zu Hause ist. Dort werden die Husqvarnas gemeinsam mit den KTM-Motorrädern gefertigt, unter Verwendung von Gleichteilen. Die enge Verwandtschaft der Vitpilen (schwedisch für „Weißer Pfeil“) mit der gewöhnlicheren, andere Zielgruppen ansprechenden Duke ist perfekt kaschiert. Die Designer haben ganze Arbeit geleistet. Der Preis der Schönheit: 10 555 Euro. Das sind 1600 Euro mehr, als die KTM kostet.

          Dafür werden hochwertigere, einstellbare Fahrwerkskomponenten und ein Schaltassistent geboten, andererseits aber keine Fahrmodi und auch kein Farbdisplay im Cockpit. Der Nobel-Zuschlag erklärt sich vor allem durch aufwendige Verarbeitung, die Hinwendung zum hübschen Detail, Komponenten, die gehobene Ansprüche erfüllen. Die LED-Beleuchtung rundum ist schick, besonders markant der Rundscheinwerfer, mit dem man im Hellen gut aussieht und im Dunkeln gut sieht. Einem Schmuckstück kommt der Tankdeckel gleich, der silberfarbene 12-Liter-Spritbehälter selbst spielt effektvoll mit Lichtreflexen und Schattierungen und wirft die Frage auf, warum die Vitpilen nicht Silverpilen heißt.

          Ein paar Störfaktoren fallen im durchkomponierten großen Ganzen auf: Schaltereinheiten am Lenker, die nach Massenware aussehen, der wuchtige Kennzeichenträger am Heck. Das Cockpit-Instrument – eine runde LCD-Schachtel mit transparentem Deckel – ist formal und inhaltlich kein großer Wurf, der große, unvermeidliche Wasserkühler keine Zierde. Wohl aber „The Split“, eine neongelbe Linie vom Kraftstofftank oben zur Halterung des Auspuffs unten, die das Motorrad diagonal teilt. Ein origineller Designstreich, ebenso wie der Soziussitz, der aussieht, als wäre er gar keiner, sondern eine starre Abdeckung.

          Schub und Drehfreude beeindrucken

          Im Kontrast zur progressiven Linienführung, die man sich so auch für ein leise surrendes Elektrofahrzeug vorstellen könnte, steht der urwüchsige Charakter des 692-Kubik-Einzylinders. Im Drehzahlkeller hackt und rumpelt es, erst ab 3000, in den oberen Gängen ab 4000 Umdrehungen beginnt der dicke Topf rund zu laufen. Bei Laune hält man ihn mit emsigem Schalten. Angesichts des präzisen, leichtgängigen Getriebes und der Tatsache, dass der erwähnte Quickshifter für kupplungslose Gangwechsel zur Verfügung steht, ist das Wechseln der Übersetzungen eher Lust als Last.

          Was der kultige Hochleistungssingle in seinem Wohlfühlbereich liefert, ist beeindruckend: soliden Schub, stürmische Drehfreude, mit herzhaftem Bollern servierte 75 PS (bei 8500/min), 72 Newtonmeter, 200 km/h. Man staunt immer wieder, was ein einzelner Zylinder zuwege bringen kann, wenn er aus Mattighofen stammt. Der Prachtmotor begnügte sich während unserer Fahrten mit rund vier Liter Benzin für 100 Kilometer. Trotz Ausgleichswellen hat er die Angewohnheit, bei moderaten und höheren Drehzahlen Vibrationen zu streuen, die Hände kribbeln, die Rückspiegel zittern und das Bild darin derart verschwimmen zu lassen, dass sich nur noch vage erahnen lässt, was hinter einem vorgeht.

          Na gut, der Pilenpilot schaut ohnehin lieber nach vorn, in eine Café-Racer-Grundstimmung versetzt durch niedrig plazierte Lenkerstummel, kurzstreckengerechtes, straffes und somit keinesfalls langstreckentaugliches Polster, verbindliche Federung, satte Dämpfung. Er genießt einen Zustand wohltuender Schwerelosigkeit, weil die Vitpilen zwar laut Datenblatt knapp 170 Kilo auf die Waage bringt, dem Eindruck nach aber nicht viel mehr wiegt als ein Knäckebrot. Somit wären wir, drittens, beim Entscheidenden, was einem auffällt: erfrischendes Fahrvergnügen. Auch wenn man lieber am längeren Hebel sitzt.

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