https://www.faz.net/-gy9-a2lpc

Harley-Davidson Livewire : Im Wechselstrom der Gefühle

Dynamik: Die leiseste Harley ist auch die sportlichste. Bild: Hersteller

Von 0 auf 100 in zwölf Stunden. Oder in 3,5 Sekunden. Impressionen vom Alltag mit der Harley-Davidson Livewire, dem bisher einzigen Elektromotorrad eines etablierten Großserienherstellers.

          6 Min.

          Beschleunigung und Durchzug sind Begriffe, die nur unzureichend beschreiben, was sich mit der Livewire abspielt. Zu altertümlich, zu erdölig. Ansatzlos kommt der Schub, begleitet von der Illusion der Schwerelosigkeit, nicht roh, nicht brachial, sondern beschwingt und elegant. Zu überholendes Auto angepeilt – Strom – Auto im Rückspiegel verschwinden sehen. Zoomen und Beamen trifft es mehr als Beschleunigung und Durchzug. Livewire-Fahren schmeckt nach Raffinesse, nicht nach Raffinerie.

          Walter Wille
          Redaktion „Technik und Motor“

          Laden I nach 88 gefahrenen km: Akkustand 51%, Restreichweite laut Bordcomputer 95 km, Verbrauch laut Bordcomputer 73 Wh je km, Ladeprognose 5:55 Std. – Gezapft: 8,3 kWh. Ergibt einen tatsächlichen Bedarf von 94 Wh/km. Oder 9,4 Kilowattstunden für 100 km. Oder 2,82 /100 km, kalkuliert mit einem Strompreis von 30 Cent je kWh.

          Wer auf Motorräder mit Verbrenner geeicht ist, wundert sich, wie schnell manche Kurve herangeflogen kommt. Es fehlt all das, was normalerweise Orientierung gibt: Röhren, Rumoren, Kribbeln, Vibrieren, Lastwechsel. Nichts wird ausgepufft. Physikalische Gesetze scheinen sich zu verkrümeln, Warp-Kraft wird auf samtweiche Art serviert. Daher kommt man sich vor wie ein externer Verkehrsteilnehmer mit Gaststatus, ein von einem kosmischen Lichtstrahl geschickter Sonderling im allgemeinen Gebrumme. Es braucht ein bisschen Zeit, die Sinne neu zu kalibrieren.

          Rückblickend: Dem insgesamt gelungenen Design wird das Original-Heck der Livewire nicht gerecht. Die Harley-Factory liefert sie fast ausnahmslos umgebaut aus, so, wie hier zu sehen. Ohne den massiven Metallbügel am Hinterrad, ohne Kotflügel überm Hinterreifen. Bilderstrecke
          Fahrbericht : Harley-Davidson Livewire

          Die Schalter am Lenker, identisch mit jenen der Verbrenner-Harleys, zeugen von einer Gleichteilstrategie, die knickerig wirkt. Zu gewöhnlich und ergonomisch unpassend. Den Blinkerschalter erreicht der Daumen nur unter Verrenkung des Handgelenks. Die Hupentaste hätte prominenter plaziert werden müssen, denn man braucht sie öfter als gewöhnlich. Für Paketboten, die über die Straße hetzen, für abrupt die Richtung wechselnde Radfahrer, für ins Handy vertiefte Fußgänger und all die anderen, die der Livewire vor den Bug huschen, ohne sie zu hören.

          Laden II nach 68 km: Akkustand 56%, Restreichweite 95 km, Verbrauchsanzeige 73 Wh/km, Ladeprognose 5:06 Std. – Gezapft: 7,5 kWh. Ergibt 110 Wh/km, 11 kWh/100 km, 3,3 /100 km. – Reichweitenanzeige nach dem Laden 188 km.

          Jeden Tag höchstens eine Akkuladung verfahren und über Nacht in der heimischen Garage nachfüllen – das war unsere Taktik zur Umgehung von Ladekarten-Maumau, App-Gedödel und Registrierungs-Generve. Das Motorradfahren soll ja Spaß machen, auch im Alltag, deswegen beschlossen wir, die Zumutungen des Ladeinfrastruktur-Durcheinanders von Anfang an zu meiden. Reichweitenzittern und Umherirren auf der Suche nach funktionierenden Säulen wollten wir uns ebenso ersparen wie die Mitnahme eines Kabelrucksacks für alle Eventualitäten der Gleich- und Wechselstromwelten. Unter den Livewire-Sitz passt nur ein Kabel, jenes für die 230-V-Haushaltssteckdose.

          Es ist dennoch ein Umstand mit dem Laden. Sitzbank hochklappen, Kabel herausholen, entwirren, aufpassen, dass die am Kabel hängende Elektroschachtel dabei nicht auf den Boden scheppert, den einen Stecker in die Wand stöpseln, den anderen in die Tankattrappe des Motorrads.

          Ist der 13,6-kWh-Akku wieder gefüllt, kann man das störrische Ladegerödel mangels Kofferraum nicht einfach in einen Kofferraum werfen. Nach dem Gebrauch muss es sorgfältig nach einem exakten Muster in den knapp bemessenen Stauraum gefädelt werden: Schachtel mittig hinein, das eine Kabelende im Uhrzeigersinn außenherum, das andere in Gegenrichtung. Dauert stets ein paar Minuten. Ob das nervt? Und wie.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Radikalisierung der Querdenker : „Es sind Rufe nach Exekutionen“

          Nach dem tödlichen Angriff auf den Kassierer einer Tankstelle in Idar-Oberstein zeigen sich Politiker entsetzt vom Ausmaß der Radikalisierung des Täters. Kenner der Verschwörungstheoretiker-Szene sind dagegen weniger überrascht.
          Bald in einer Koalition? Baerbock, Scholz und Lindner

          F.A.Z. Machtfrage : Kann man taktisch wählen?

          Diese Bundestagswahl ist äußerst kompliziert. Welches Bündnis bekommt der Wähler für seine Stimme? Und kann der Zweitplatzierte Kanzler werden?
          Sprengung der Kühltürme des 2019 stillgelegten Kernkraftwerks Philippsburg in Baden-Württemberg. Das Foto entstand am 14. Mai 2020.

          Kernkraft im Wahlkampf : Das verbotene Thema

          Laschet erwischt die Grünen auf dem falschen Fuß – ausgerechnet mit dem Atomausstieg. Die „falsche Reihenfolge“ stellt deren Gründungsmythos in Frage.
          Stempeln muss sein auf dem Amt.

          Die Karrierefrage : Wie gelingt Beamten der Ausstieg?

          Wer den Staatsdienst hinter sich lässt, verliert oft üppige Pensionsansprüche und gilt unter früheren Kollegen fast schon als Verräter. Warum einige den Abschied dennoch wagen – und wie er funktioniert.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.