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Canyon Neuron On 6.0 : Das wirkt ganz schön vermessen

Tausend Daten und ein Berg: Das elektrifizierte Canyon Neuron im Taunus. Bild: Appel

Baut der Koblenzer Radsportspezialist Canyon auch gute E-Mountainbikes? Auf Erkundungstour mit dem Neuron On 6.0 und seinem kraftvollen Shimano-Motor.

          3 Min.

          Wer stets eine Umdrehung weiter denkt, bekommt auch auf neuem Terrain Brauchbares hin. Sollte man meinen, weshalb das Neuron On 6.0 in der Redaktion und auf Wegen durch den Taunus war. Canyon, der Koblenzer Hersteller mit amerikanischem Namen und eigenwilligem Vertriebskonzept, kommt aus dem Radrennsport und glaubt aus Überzeugung an Muskelkraft. Doch seit die Mountainbikeszene immer mehr zum Elektromotor tendiert, darf der kluge Geschäftsmann das Segment nicht ignorieren. So gibt es für die tiefer im Trail wuselnde Klientel das Modell Spectral und für die eher auf Tour gehende das Neuron. „On“ bedeutet elektrisch, die Ziffern bezeichnen die Ausstattung. Weil die Mitte golden ist, nahmen wir 6.0, das von 5.0 und 7.0 eingerahmt wird. Auch Versionen für Frauen sind im Angebot. Der Radhändler unseres Vertrauens moserte bei erster Inaugenscheinnahme sogleich: „Da machen wir vorne eine größere Bremsscheibe drauf, 200 Millimeter müssen sein.“ Mit dem Gewicht, als höflicher Zeitgenosse meinte er sicherlich das des Rads und nicht das des Fahrers, sei die verbaute Shimano RT 54 zu klein. Auch die schnöden Pedale sollten weichen.

          Holger  Appel

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Technik und Motor“.

          Zunächst aber ein Blick auf die Firma. Canyon verkauft seine Räder nur über das Internet. Das ist riskant, weil nicht jeder Händler Lust verspürt, ein im Netz gekauftes Rad zu warten oder zu reparieren. Andererseits ist das Preis-Leistungs-Verhältnis überdurchschnittlich. Und es gibt, was Betriebswirte Windfall-Profit nennen: Der Interessent tut gut daran, seinen Körper möglichst exakt zu vermessen und die Werte an Canyon zu senden, um den richtigen Rahmen zu bekommen. Weil das schon Hunderttausende getan haben, verfügt Canyon über eine prall gefüllte Datenbank, auf deren Basis neue Räder entwickelt werden. Das Ergebnis ist reichlich überzeugend, die Geometrie passt oft genau, man sitzt einfach gut drauf.

          Das Rad kann in Koblenz abgeholt werden. Oder es kommt beim Käufer in einem stabilen Karton an, über dessen Konstruktion sich vier Mitarbeiter ein Jahr lang Gedanken gemacht haben. Mit Erfolg, die Verpackung schützt zuverlässig, ist praktisch zu handhaben, außerdem liegt alles bei vom Drehmomentschlüssel bis zur Druckluftpumpe für die Dämpfer sowie eine unübersichtliche Menge an Bedienungsanleitungen. Mit rudimentären handwerklichen Kenntnissen sollte die Montage gelingen.

          100 Kilometer Strecke mit einer Akkuladung

          Das Neuron On wiegt 22,5 Kilogramm und fällt auf. Durch seine blau-schwarze Lackierung, die das Juniorteam des Hauses „echt cool“ findet, und durch die am Aluminiumrahmen sichtbaren Schweißnähte, die am Testrad bis auf eine sauber gesetzt waren, grundsätzlich aber eher nach Ausbildungsbetrieb aussehen. Der aufgesetzte Akku bedingt einen speziellen Flaschenhalter und kommt außer Mode. Wettbewerber integrieren ihn unsichtbarer in den Rahmen. Dafür lässt er sich flugs abnehmen, was im Winter zum Laden empfohlen wird. Ein derart adrettes Ladegerät ist übrigens selten, für die Funktion ist das natürlich unerheblich. Wichtiger sind die ohne Verrenkung erreichbare Ladebuchse unten an der Seite und die klare LED-Anzeige oben auf dem Akkupack sowie das schöne, außer bei direkter Sonneneinstrahlung stets gut ablesbare Farbbildschirmchen am Lenker. Das Elektrizitätswerk stammt von Shimano, der Steps E 8000 hat einen 504-Wh-Speicher und kann wegen seiner weiten Verbreitung von vielen Händlern gewartet werden, was zum Beispiel gegenüber der eleganteren, aber eigenwilligeren Kombination Specialized/Brose ein Vorteil sein mag.

          Der aufgesetzte Akku bedingt einen speziellen Flaschenhalter. Bilderstrecke

          Der Shimano-Motor surrt lauter als die Frankfurter Straßenbahn, das muss man nicht mögen. Seine Auslegung indessen schon. Canyon geht ans Limit des Erlaubten, drei Stufen der Unterstützung gibt es. In der schärfsten ist der Antritt so vehement, dass der Oberkörper am Steilhang weit nach vorn gelegt werden muss, damit das Vorderrad nicht abhebt. Über Stock und Stein ist die Einstellung Trail die passende, und falls mal richtig Kilometer abgespult werden müssen oder die Waden trainiert werden sollen, nimmt man Eco. Das Ensemble ist fein abgestimmt, überzeugt durch gleichmäßigen, ruckfreien Antritt und macht Spaß mit seiner kraftvollen Unterstützung. Verärgert hat der Motor mit wiederholtem Warnstreik, die ursachenlose Fehlermeldung WO 13 ist bekannt, aber offenbar nicht behebbar. Aus- und Anschalten hilft meist, nicht immer. Dann muss der Akku raus und wieder rein, wohl dem, der im Wald den Schlüssel dabeihat.

          In der Ebene sind locker 100 Kilometer Strecke mit einer Akkuladung drin, im harten Gelände kann nach 30 Kilometern Schluss sein. Auf die Reichweitenanzeige ist leider wenig Verlass, sie kalkuliert nach der letzten Anstrengung und ist sprunghaft. Einmal fiel sie humorlos von 7 auf 0 Kilometer, dann sind die Beine arg gefordert. Bis 25 km/h reicht die Unterstützung, darüber ist der Rollwiderstand bitter. Die aufs Gelände getrimmten Reifen wirken auf Asphalt wie Anker. Als höchst erfreulich erweisen sich das Fahrwerk und die Wendigkeit des Rads, es lässt sich prima um enge Kurven werfen und läuft mit seinen 29-Zoll-Rädern auch sicher geradeaus. Der Dämpfer hinten und die Fox-34-Gabel mit 130 Millimeter Federweg nehmen die meisten Anschläge mannhaft hin. Geschaltet wird über klassische Hebel, auch die Tatkraft des Elektromotors, was ungewohnt wirkt, im Alltag und unter Stress im Anstieg aber zielsicher funktioniert. Der Hebel befehligt gleichsam die Schiebehilfe. Unter Last schalten verursacht herzzerreißende Schläge, den Ritzeln sei das Mitleid gewiss, aber so ist das an jedem anderen E-Mountainbike auch.

          Canyon fordert für sein Neuron On 3800 Euro, was absolut viel und relativ günstig ist, der bei klassischen Rädern vorhandene spürbare Preisvorteil scheint aber perdu. Giant etwa bewegt sich auf ähnlichem Niveau. Wir würden einiges darauf verwetten, dass künftige E-Mountainbikes von Canyon mit geschliffenen Schweißnähten und in den Rahmen integriertem Akku kommen. Wer darauf Wert legt, wartet vielleicht eine Weile. Wer den rustikalen Auftritt mag, kann zugreifen. Er wird mit diesem vorzüglich gelungenen Rad mit hoher Wahrscheinlichkeit glücklich werden.

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