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Fahrbericht BMW R nineT : Wromm!

Die sechste Variante der Klassiker-Serie: R nineT /5 Bild: Hersteller

BMW taucht ins Jahr 1969 ein und lässt das Kürzel /5 wiederaufleben. In einer weiteren Variante des Retro-Bolzens R nineT.

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          Die Sache ist ganz einfach. Wenn links und rechts ein Zylinder raussteht, nicht schräg nach oben wie bei Guzzi, sondern flach zur Seite, dann ist es eine BMW. Wiedererkennungswert hoch, Verwechselungsgefahr gleich null, typisch Boxer. Seit dem Urknall der Unternehmensgeschichte halten die Bayerischen Motoren Werke diesem Konzept der Krafterzeugung die Treue. Mit ihrer Boxer-Tradition hüten sie einen einzigartigen Schatz.

          Walter Wille

          Redaktion „Technik und Motor“

          Beinahe allerdings wäre vor einigen Jahren etwas Schlimmes passiert. Als seinerzeit mit der abermaligen Modernisierung des Boxermotors die Umstellung auf Wasserkühlung vollzogen wurde, stand der traditionell Luftgekühlte vor der Ausmusterung. Seine Zeit schien abgelaufen. Dann stellten aufmerksame BMW-Strategen fest, dass unter Motorradfahrern gerade die Retro-Begeisterung Fahrt aufnahm, und entwickelten ein passendes Fahrzeug, das 2014 unter dem gewöhnungsbedürftigen Namen R nineT auf den Markt kam. Für diesen Zweck war der kernige, luftgekühlte 1,2-Liter-Boxer gut zu gebrauchen. Mehr noch: Dafür war er ideal. Jede Zündung ein Urknall.

          R nineT sowie einige in den folgenden Jahren nachgeschobene Derivate leisten einen soliden Beitrag zu Umsatz und Ertrag. 13 Prozent aller Verkäufe in Deutschland, knapp zehn Prozent weltweit entfallen auf diese Baureihe, deren Erfolg nicht zuletzt dem Anblick und dem rustikalen Charme des luft-/ölgekühlten Boxers zu verdanken ist. BMW wird den Veteranen, so viel ist sicher, auch über die nächste Euro-Norm hieven und auf Jahre hinaus am Leben halten. Intern wurde das Ziel ausgegeben, künftige Emissionsvorschriften ohne Leistungsverluste einzuhalten. 110 PS bei 7750 Umdrehungen und 116 Nm bei 6000/min stehen derzeit zu Buche. Respektable Werte.

          BMW bietet die R nineT /5 nur in einer Farbe an. Bilderstrecke

          Der wassergekühlte Nachfolger ist nach mehreren Entwicklungsschritten dem reaktivierten Rentner weit enteilt. Mit auf 1254 Kubik gesteigertem Hubraum, variabler Ventilsteuerung, 136 PS und 143 Newtonmeter treibt er die Großenduro R 1250 GS, das Reiseschiff R 1250 RT, den Roadster R 1250 R sowie den Sporttourer R 1250 RS an und boxt in einer anderen Liga. Daraus ergibt sich eine klare Rollenverteilung: hier der hochgezüchtete Laptop-Bayer, dort der traditionsbewusste Lederhosen-Bayer.

          Letzterer findet nun in der jüngsten, der sechsten Variante der Klassiker-Serie, R nineT /5 genannt, ein weiteres Betätigungsfeld. Wie gewohnt gibt es beim Anlassen ein wuchtiges Wromm! nach alter Schule, mit dem man sich in einem überfüllten Oktoberfestzelt Gehör verschaffen würde. Klanglich könnte man das NineT-Fahren als Genuss einordnen, wenn nicht das Gefühl mitschwänge, dass Außenstehende vielleicht mit der Lautstärke hadern. Der bullige Boxer ist ein Meister des kurzen, ausdrucksstarken Brap!, das sich beim Beschleunigen in ein langgestrecktes Braaaap! ausdehnt. Beim Herunterschalten vor einer Kurve entlässt die Maschine gern eine Salve unflätigen Pupsens. Generell schmeckt eine R nineT gut zur Leberkäs-Semmel.

          Verändertes Aussehen bei unverändertem Fahrgefühl

          Mit der neuen, nach unserer Auffassung wunderschönen Strich-Fünf will BMW an den Geburtstag der /5-Baureihe vor 50 Jahren erinnern, deren Spitzenmodell die R 75/5 mit sage und schreibe 50 PS war. Die lief 1969 erstmals vom Band, in jenem Jahr, als BMW mit seiner Motorradfertigung nach Berlin-Spandau umzog, wo nach wie vor ein Großteil der Zweiräder produziert wird. Eine Metallplakette an der Oberseite des 17-Liter-Stahltanks ist dem Jubiläum gewidmet.

          14.600 Euro zuzüglich Nebenkosten sind für die von September an erhältliche R nineT /5 zu entrichten. Damit ist sie 2050 Euro teurer als die Version Pure, die als Ausgangsbasis benutzt wurde. Mit diesem preisgünstigsten Mitglied der Familie ist die Strich-Fünf technisch identisch. Ihre Minimal-Serienausstattung umfasst über Traktionskontrolle, Griffheizung und Blinker-Abschaltautomatik hinaus keine außergewöhnlichen Posten. Der Reiz entsteht durch das auf frappierende Weise veränderte Aussehen bei unverändertem Fahrgefühl.

          Eine hohe Dosis Nostalgie erzeugt BMW durch den aufwendigen Lack in „Lupinblaumetallic“ mit Raucheffekt entlang der weißen Doppellinierung, ferner durch Chromzierelemente, Keder in Weiß und Propellerlogo an der Sitzbank, durch Kniepolster an den Tankflanken sowie Faltenbälge an der Telegabel. Rahmen und Kardangehäuse sind in Schwarz gehalten, Motor, Gabeltauchrohre und Schalldämpfer-Endkappe in Aluminiumsilber – alles sehr stimmig und die hell polierten Speichenräder eine Augenweide.

          Das kleine Rundinstrument geht sparsam mit Informationen um; wer Drehzahlmesser und Ganganzeige will, muss in eine Aufrüstung des Cockpits investieren. Wie ihre Schwestern gibt sich die neue /5 hinsichtlich Bremsen und Fahrwerk keine Blöße. Ein kleines bisschen stur ist sie, zwar gefügig, aber kein Agilitätswunder. Vibrationen, die der Zweizylinder bei höheren Drehzahlen aussendet, machen sich als Kribbeln im Lenker bemerkbar, was man als störend empfinden kann, sofern man pingelig ist, aber vermissen würde, wenn es nicht da wäre. So ist er nun mal, der alte Brummbär.

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