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Fahrbericht BMW G 310 GS : Inder-Überraschung

5800 Euro (plus 390 Euro Fracht) kostet die Maschine in Deutschland. Bild: Daniel Kraus / BMW

Die kleinste BMW kommt von weither und soll Großes vollbringen. Und ja, es ist eine echte BMW und zweitens eine wahre GS.

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          Auf zwei Feststellungen legen sie von vornherein Wert: dass es sich erstens um eine echte BMW handele und zweitens um eine wahre GS. Nun klebt ja unübersehbar das weißblaue Propellerlogo dran, und nicht weit davon entfernt findet sich auch noch das Kürzel „GS“. Warum also muss das noch mal hervorgehoben werden von den Verantwortlichen im Münchener Konzern?

          Walter Wille
          Redaktion „Technik und Motor“

          Weil man erstens mit der Bezeichnung GS große, hubraumstarke Reisemotorräder im Offroad-Look verbindet und kein Küken. Weil es zweitens schon Ewigkeiten her ist, dass sich BMW mit Kleinkram unterhalb von 500 Kubik beschäftigte. Und weil drittens diese neue G 310 GS nicht im Motorradwerk Berlin-Spandau gebaut wird, sondern in Indien.

          Die kleine GS ist die Enduro-Variante der seit wenigen Monaten verfügbaren G 310 R, bei der es sich um ein unverkleidetes Straßenmotorrad handelt. Dessen Markteinführung verlief alles andere als geschmeidig, verzögerte sich beträchtlich, weil es mit der Fertigung beim neuen indischen Partner TVS in Bangalore zunächst nicht so lief wie angestrebt. Was dort die Fabrik verließ, entsprach im einen oder anderen Punkt anfangs nicht den Anforderungen der Deutschen, es musste nachgebessert werden. Wie andere Motorradhersteller aus westlichen Industrienationen zahlte BMW beim Schritt auf den Subkontinent erst einmal Lehrgeld. Die Schwierigkeiten seien beseitigt, wird hervorgehoben. Die 310er werden BMW zufolge bei TVS in eigens errichteten Produktionsanlagen von speziell geschultem Personal nach den gleichen Qualitätsstandards wie im Werk Spandau hergestellt.

          Fahrbericht : BMW G310 GS

          Der G 310 GS, wie sie jetzt für eine mehr als 500 Kilometer lange erste Probefahrt zur Verfügung stand, sieht man nicht an, woher sie kommt. Schlicht ja, schlampig keineswegs. Materialien, Spaltmaße, Oberflächen, Verarbeitung wirken erfreulich spandau, abgesehen vom nur mühsam zu verschließenden Tankdeckel, der noch modifiziert werden soll. 5800 Euro (plus 390 Euro Fracht) kostet die Maschine in Deutschland. Ein attraktiver Preis für eine BMW, eine GS, die einen gar nicht mal so zierlichen, sondern überraschend erwachsenen Eindruck macht.

          Für wen ist sie gedacht? Für den „Weltmarkt“ natürlich. In vielen Ländern Asiens oder Südamerikas ist eine Dreihunderter ein Big Bike mit Status. Dort soll die 310 nicht nur für sich kämpfen, sondern als eine Art Markenbotschafter auch den Weg ebnen für die großen BMW-Maschinen. Sie wird, das ist keine gewagte Prognose, überdies in Europa und Nordamerika Freunde finden. Als Einsteigermodell, als Zweitmotorrad, als einfach zu dirigierendes, enorm wendiges Alltagsfahrzeug. Manchmal tut weniger gut, im dichten Berufsverkehr zum Beispiel. Auch leichtes Gelände stellt kein Hindernis dar, wenngleich Fußrasten-Position und Lenkerhöhe zum Stehend-Fahren nicht so recht passen wollen.

          Diese neue G 310 GS nicht im Motorradwerk Berlin-Spandau gebaut wird, sondern in Indien.
          Diese neue G 310 GS nicht im Motorradwerk Berlin-Spandau gebaut wird, sondern in Indien. : Bild: Daniel Kraus/BMW

          Der 313-Kubik-Einzylinder leistet 34 PS (25 kW) bei 9500/min, erkraxelt ein Drehmomenthügelchen von 28 Newtonmeter bei 7500 Umdrehungen. Das sind bescheidene Werte, die sich nicht starkreden lassen. Und doch macht der Motor eine Menge Spaß, sofern man bereit ist, das – nach einer Überarbeitung nun tadellos funktionierende – Sechsganggetriebe fleißig zu nutzen und das Motörchen zu zwiebeln. Nur keine Scheu: Weder niedrige noch sehr hohe Drehzahlen tun ihm weh, es schiebt und schiebt, unten schnatternd, oben heraus knatternd und dabei erstaunlich vibrationsarm. Die Höchstgeschwindigkeit wird mit 143 km/h gegeben, jenseits von Tempo 100 allerdings wird es zäh. Laufen lassen ist die Devise, Schwung mitnehmen, wenn es in die Kurve geht, hochtourig bleiben. Dann kommt man zügig voran. Mit dem Metzeler Tourance ist ein Reifen vorhanden, der guten Grip und viel Rückmeldung spüren lässt.

          Je länger man mit der 310er fährt, je besser man sich auf sie eingestellt hat, desto kräftiger kommt einem der Einzylinder vor, bis man irgendwann nichts mehr vermisst. Sparsam ist der Motor auf alle Fälle. Die Werksangabe beträgt 3,3 Liter für 100 Kilometer, unser Verbrauch auf bergiger, kurvenreicher Strecke betrug gerade einmal 0,1 Liter mehr, wobei der Einzylinder dabei oft ausgepresst wurde wie eine Zitrone.

          Die G 310 GS stand für eine mehr als 500 Kilometer lange erste Probefahrt zur Verfügung.
          Die G 310 GS stand für eine mehr als 500 Kilometer lange erste Probefahrt zur Verfügung. : Bild: Daniel Kraus / BMW

          BMW baut den wassergekühlten Vierventiler mit nach hinten geneigtem Zylinder und um 180 Grad gedrehtem Zylinderkopf (Einlass vorn, Auslass hinten) ein. Das ist unkonventionell und soll für eine geradlinige, leistungsfördernde Frischgas-Zufuhr sowie für einen tiefen, Richtung Vorderrad verschobenen Schwerpunkt sorgen. Kurzer Radstand in Kombination mit einer langen Schwinge dienen einem agilen und zugleich stabilen Fahrverhalten. Das sind Tugenden, welche die 170 Kilo wiegende G 310 GS in der Tat auszeichnen, ebenso die auch für Großgewachsene komfortablen Platzverhältnisse mit aufrecht-entspannter Sitzposition auf 835 Millimeter Höhe. Niedrigere (820) oder höhere (850) Bänke finden sich im Zubehör.

          Aufpreis muss zahlen, wer eine 12-Volt-Steckdose, Heizgriffe, Hauptständer, LED-Blinker oder Topcase haben will. Die Liste der Sonderausstattungen ist für BMW-Verhältnisse kurz. Eine höhere als die nur wenig Windschutz bietende Scheibe findet sich dort ebenso wenig wie Seitenkoffer oder Speichenräder als Alternative zu den Standardrädern in Aluguss.

          Dagegen sind üppige Federwege von 180 Millimetern, 19-Zoll-Vorderrad (hinten 17), per Knopfdruck deaktivierbares ABS, Motorschutz, breiter Lenker und massive Gepäckbrücke klare Merkmale einer vielseitigen Enduro, Entenschnabel und Silhouette unverkennbar BMW. Da haben der weißblaue Propeller und das „GS“-Zeichen durchaus ihre Berechtigung.

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